Kultur
09.06.2017

Eine 200 Jahre alte Piratentochter wartet an der Grenze

Christine Wunnicke: Diese übersinnlich gute Schriftstellerin aus München lässt Wissenschaft und Märchen einander sehr nahe kommen.

Da ist ein Gespenst, man kann es Katie nennen oder Miss Morgan oder X ... Hauptsache, es kommt zu dir unter die Tuchent.

Es ist ein sehr angenehmes Gespenst. Und weil es für einige Zeit im Haus des Chemikers William Crookes wohnt, der den vierten Aggregatzustand sucht (die Strahlung), neigt Crookes zur wissenschaftlich vorgetragenen Ansicht:

Bei dem Gespenst handelt es sich um eine Emanation von stark wechselnder Stofflichkeit, um ein Residuum erlernten Aberglaubens.

Man merkt es nicht sofort, denn zunächst ist man vor allem fasziniert. Aber " Katie" von Christine Wunnicke ist ein komischer Roman.

Die in München lebende Schriftstellerin ist eine Grenzgängerin zwischen Wissenschaft und dem Spirituellen. In "Der Fuchs und Dr. Shimamura" – 2015 im Halbfinale um den Deutschen Buchpreis – spazierte sie dort, wo europäische Medizin und japanische Märchen einander sehr nahe kamen.

Die Aussicht an dieser Grenze: atemberaubend!

Historisch

"Katie" spielt im London um 1870. Glaube ja nicht, dass alles erfunden ist!

Darwin will sich zu den anderen Gelehrten in der Royal Society gesellen, und rauchen will er, aber das lässt man nicht zu.

Auch Sir Crookes, Chemiker und Physiker und Parapsychologe, ist eine historische Figur. Florence Cook ist ebenfalls historisch – ein berühmtes Medium, das sich in einem Kasten fesseln und eine junge, blonde, sehr blasse Frau im weißen Hemd erscheinen ließ:

Katie, 200 Jahre alt, Tochter eines Piraten, Mörderin ihrer beiden Ehemänner. Monatelang tauchte sie immer wieder auf.

Nein, bei Katie handelte es sich nicht um die verkleidete Florence. Eher nein.

Im Roman ist alles wahr. Das ist irreal genug. Dass die 50-jährige Christine Wunnicke nicht noch viel, viel bekannter ist, ärgert – die Kritiker. Sie selbst schreibe, weil das Schreiben nun einmal Teil ihres Lebens sei. Mut macht sie sich selber.

Sie ist übersinnlich gut.

Christine Wunnicke:
Katie
Berenberg
Verlag.
176 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern