Kultur 30.03.2012

Ein Wiener kämpft für "Gottschalk Live"

© Bild: ddp images/dapd/Paul Zinken

Deutsche Talkshow-Krise: Gottschalks Wiener Redaktionschef Markus Peichl ist mit Harald Schmidts Zwangs-Aus noch mehr unter Druck.

Seit letzter Woche gibt es vor dem Bürohaus-Studio beim Gendarmenmarkt täglich den Andrang von 50 überwiegend jungen Leuten. Der sei künstlich, nörgelt die Lokalpresse, die Produktionsfirma spricht hingegen von "ausverkauft".

Jedenfalls hat die derzeit umstrittenste Talkshow Deutschlands damit nun den Applaus für die Pointen von Alt-Showmaster Thomas Gottschalk. Denn der Kampf ums Überleben seiner Show ist voll im Gange. Erst recht, seit Altmeister Harald Schmidt den seinen auf Sat.1 per Anfang Mai verloren hat.

 

Medienprofi

Gottschalk hat sich dafür den Wiener Medienprofi Markus Peichl geholt. Der wurde sofort hochaktiv: In seinem ersten Monat hat er das Schein-Wohnzimmer zum sichtbaren Studio umgebaut und das Publikum hinein geholt. Peichl im KURIER- Gespräch: "Gottschalk ist ein Entertainer, der gehört auf die Bühne und nicht ins Wohnzimmer."

Dass er nun mit Studio und Publikum trotzdem nicht so wie alle anderen Talk-Shows daherkommt, macht Peichl an den Inhalten fest: "Wir nehmen immer tagesaktuellen Bezug, fischen im Internet nach heißen Themen. Wir wollen sie kurzweiliger und schneller abwickeln als die anderen."

"Kurzweilig" wäre wirklich neu an dem weithin abgenützten Format Talkshow, das sich der stets gleichen B- und C-Promis aus deutschem Show-Biz, Film und TV bedient – und umgekehrt. Dass Gottschalk wie die Konkurrenz im Privat-TV bisher mit Moderator­Innen, NachwuchsschauspielerInnen und über sich selbst lachenden "Comediens" auf niederem Niveau talkte, sieht Peichl. Das Talkshow-Personal sei eben auch in Deutschland beschränkt. Er will es daher ausweiten.

 

Held des Tages

Gottschalk nun mit Publikum. Am Donnerstag, 29. März, gab es allerdings erneut einen herben Rückschlag: Mit 920.000 Zusehern (3,7 Prozent) wurde der bisherige Minusrekord von 930.000 vom 9. Februar noch einmal unterboten.
© Bild: dpa/Jörg Carstensen

"Wir laden jetzt auch Politiker ein, der Linke Gregor Gysi war schon da, SPD-Chef Gabriel und Außenminister Westerwelle ( FDP) werden kommen. Vor allem aber wollen wir auch Leute haben, die überhaupt niemand kennt: Den ,Helden des Tages’ zum Beispiel. Den hat sonst keiner."

Mit diesem Konzept ist Peichl guten Mutes, die Krise der Sendung zu überwinden. Sie hatte letzte Woche ihren Höhepunkt, als mehrere Zeitungen davon berichteten, dass in der ARD-Intendanten-Konferenz schon der Stab über sie gebrochen wurde. Sie habe die Quotenvorgabe von durchschnittlich 10 Prozent in den ersten vier Monaten bei weitem nicht erreicht und werde das auch nicht mehr schaffen.

Routinier Peichl verweist auf einen klaren Anstieg, der in der Vorwoche begann: Da bewegte sich die Quote stabil zwischen 4,6 und 5,4 Prozent. "Gottschalk und das ganze 60-Personen-Team, glauben seit Montag an die Sendung", gibt sich Peichl überzeugt vom Erfolg. Um den zu beweisen, brauche er zwar nicht die 26 Wochen, die er einst bei der wöchentlichen "Boulevard Bio"-Sendung für deren Rettung hatte, wohl aber etwa die Hälfte. Das wären noch neun.

Verdienter Applaus

"Wir müssen die Sehergewohnheiten verändern. Ein boulevardeskes Studioformat hat im deutschen TV um diese Zeit noch nie existiert. Die Lagerfeueratmosphäre im deutschen Wohnzimmer hat bis jetzt erst um 21.30 begonnen. Wir werden das ändern." Dann falle auch der Einwand weg, dass das Niveau der Sendung nicht dem Zwangsgebühren-finanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen entspreche.

Und Befürchtungen in der Presse, dass Gottschalk live das direkt folgende ARD-Flaggschiff, die Tagesschau um 20 Uhr, herunterziehe, seien komplett falsch: "Im Gegenteil: Die hat jetzt mehr Seher hat als vorher", sagt der Vordenker über sein wohl kniffligstes, weil breitenwirksamstes Projekt.

"Wir sind im Aufwärtstrend, und nur das zählt". Das werde auch bisher kritische ARD-Intendanten bald überzeugen. Thomas Gottschalk habe "große Freude an der Sache", so Peichl im ersten Zeitungsinterview: Der Applaus in der Sendung sei spontan – und verdient.

Zur Person

Biografie
Der Sohn des bekannten Wiener Architekten und Karikaturisten Gustav Peichl war Chefredakteur der Zeitschrift Wiener und danach Mitgründer und Chefredakteur des Zeitgeist-Magazins Tempo. Peichl, 54, beriet seither viele Redaktionen in Print und beim Fernsehen, vor allem in Deutschland. Dabei legte er erfolgreich Hand an die ARD - Talkshows "Boulevard Bio" und "Beckmann", die er beide vor der frühzeitigen Einstellung rettete. Peichl lebt in Berlin, er leitet auch eine Medienakademie, die den viel beachteten Branchenpreis LeadAward vergibt.

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Erstellt am 30.03.2012