Kultur
05.01.2018

Ein Silo für die afrikanische Moderne

Das erste Museum für Gegenwartskunst von Afrikanern hat kürzlich in Kapstadt (Südafrika) eröffnet.

Drei schwarze Menschen segeln mit drei kleinen Booten gegen eine riesige weiß besegelte Armada an – sie wirken chancenlos. Das Bild "Schock der Kulturen" von Julien Sinzogan aus Benin steht stellvertretend für die Kunst, die hier präsentiert wird. Und irgendwie auch für das gesamte Museum. Denn keine einzige internationale Rezension über das im September eröffnete Zeitz-Mocaa im südafrikanischen Kapstadt leitet mit den außergewöhnlichen Kunstwerken aus Afrika ein, die hier geboten werden. Entweder steht die – durchaus beeindruckende – Architektur des alten Getreidesilos im Vordergrund oder das persönliche Schaffen des deutschen Ex-Puma-Chefs Jochen Zeitz, der das "Museum of Contemporary Art Africa" an der Waterfront von Kapstadt gegründet hat. Die weiße Armada beherrscht noch immer die (Medien-)Welt.

Aus, von und für Afrika

Doch eigentlich geht es in der Ausstellung um Afrika, denn von hier stammen alle Künstler. Es ist das erste Museum für moderne Kunst aus Afrika weltweit. "Aus Afrika, für Afrika, von Afrika", lautet das Motto des Hauses. Die meisten der ausgestellten Werke sind wenige Jahre alt. Beeindruckend ist vor allem die Schlichtheit der Materialien, die verwendet werden. Aus Schnüren und Ziegelsteinen, aus abgebrochenen Bierflaschen oder aus Tierfellen werden Kunstwerke erschaffen. Die Skulpturen sind allerdings alles andere als schlicht. Nandipha Mntambo aus Swasiland etwa manipuliert Kuhfelle als Kleidungsstücke in einem mehrdeutigen Sinn. Der Kenianer Cyrus Kabiru erstellt aus Schrott futuristische Brillengestelle, die er fotografiert. Er gilt als führender Künstler des Afrofuturismus.

Die gezeigten Themen sind vielfältig: Die afrikanische Tierwelt, Machtgier, Sklaverei, Gewalt, Erotik, Wegwerfgesellschaft und die Suche nach der (schwarzen) Identität. Kudzanai Chiurai aus Simbabwe prangert in seinen Porträts Diktatoren wie Robert Mugabe oder Charles Taylor und deren zur Schau gestellten Protz an. Alle gezeigten Werke sind entweder extrem düster oder skurril-kunterbunt, das Mittelmaß ist abgeschafft. Der Südafrikaner Athi-Patra Ruga lässt schon mal ein Zebra mit knallbunten Luftballons in einer farbenfrohen, blühenden Landschaft stehen.

Die riesigen Gegensätze eines Kontinents, in dem die Slums mit Wellblechhütten einen Meter neben den (mit Stacheldraht geschützten) Villen der Superreichen stehen, finden den direkten Weg in die Kunst der afrikanischen Moderne. Eine Sklavenliste, die über eine afrikanische Frau gemalt wird, zeigt das Dilemma: Gibt es eine afrikanische Identität nach den Jahrzehnten der weißen Kolonialisierung, deren Ausläufer noch immer zu finden sind?

Das Museum symbolisiert diese Gegensätze mitunter auch ungewollt. Der so schwarzafrikanischen Ausstellung wurde eine ausschließlich weiße Führungsmannschaft und ein Hotel für die (vornehmlich weiße) Luxusklasse einfach auf das Dach gesetzt. Dunkelhäutige Afrikaner machen hingegen den Gros des normalen Personals aus und jeden Mittwoch dürfen alle Bewohner Afrikas gratis ins Museum.

32 Millionen Euro

Die ausgestellte Kunst ist tatsächlich vom schwarzen Afrika für das schwarze Afrika. Besucher des Mocaa werden hier kaum den nächsten Picasso finden. Gezeigt wird nicht die weiße Armada, sondern die drei kleinen Boote mit den orangen Segeln stehen im Mittelpunkt. Die (lauten) Installationen zeigen den schrillen Kontinent, als der er sich selbst versteht. Das um 32 Millionen Euro umgebaute Getreidesilo wirkt wie ein Aufschrei des wahren Afrika. Wer diesen Ruf gerne hören möchte, ist im Mocaa jedenfalls richtig.