Kultur
26.01.2013

Ein Monster, aber immer lieb und sehr höflich

Michael Köhlmeiers neuer Roman: Joel Spazierer ist wie die Welt. Prächtig und tödlich.

Nach dem Roman „Abendland“ (2007), der vom ganzen 20. Jahrhundert erzählte inkl. Musik von Django Reinhardt und Stephané Grappelli – was sollte da noch kommen?

Musste noch etwas kommen?

(„Was soll ich denn sonst tun?“ hat der Vorarlberger Michael Köhlmeier damals die Gegenfrage gestellt. „Schreiben kann eine Existenzform sein.“)

„Die Abenteuer des Joel Spazierer“ kommen am Montag in die Buchhandlungen.

Ein Roman des halben Jahrhunderts diesmal, Anfang der 1950er-Jahre in Ungarn beginnend, Richtung Österreich, Schweiz, Mexiko, New York, mit einem langen Aufenthalt in der DDR, wo sich Joel Spazierer mit dem Minister für Staatssicherheit Mielke anfreundet und mit Erich und Margot Honecker bei einem Glas Wein sitzt.

Wie selbstmörderisch muss ein Schriftsteller sein, um sich das anzutun?

Wie großartig muss er sein, um mit einer klassischen Erzählung (ohne KLATSCH und SCHIIIaHHHah wie bei Tom Wolfe) auf 653 Seiten bei Leselaune zu halten?

Wobei: Es wäre auch ein verehrungswürdiges Epos geworden, hätte Michael Köhlmeier etwas weniger gedehnt.

Charmantes Monster

Joel Spazierer ist wie die Welt. Prächtig und tödlich. Ein Monster mit Sommersprossen und lockigem Haar, überaus charmant, überaus fies. Er braucht keine Menschen.

Er gebraucht sie nur.

Als er drei war und Stalin seine Budapester Großeltern, bei denen er wohnte, verhaften und foltern ließ, war er fünf Tage und vier Nächte allein.

Im Badezimmerspiegel erkannte er sich und hätte sich sofort zugetraut, einen Staat zu führen.

Dass man sich zudecken muss, wenn einem kalt ist, das hingegen musste er noch lernen.

Auf der Bettdecke waren Tiere abgebildet. Zu ihnen sprach das Kind. So blieb es auch später: Mit den Tieren besprach sich Joel. Zu ihnen war er immer ehrlich.

Nach der Flucht aus Ungarn konnte er alles werden (und schaffte es zum Lügner, zum Erpresser, Dieb, Mörder und sogar zum Philosophieprofessor).

Nur eines konnte ihm nie gelingen: ein Mensch zu werden mit Herz und Seele. Mit niemandem konnte er sich freuen, nicht hoffen, nicht mitleiden.

Einmal wird er „Zwischending aus Engel und Teufel“ genannt.

Das stimme nicht, korrigiert jemand. Das Wort „Ding“ allein sei richtig.

Hackln im Kreuz

Er selbst erzählt sein Leben: wie er durch die Länder und Systeme spazierte, immun gegen Verführungen aller Art, immer nett und höflich, verdächtig höflich, könnte man sagen – und die Hackln, die er seinen Weggefährten ins Kreuz haute, die waren mörderisch.

Dass er mit 17 die Mutter eines Freundes erschoss, als sie ihn beim Einbrechen erwischte – kein Problem (für ihn). Auch im Gefängnis richtet er sich’s.

Die Joel Spazierer sind sehr anpassungsfähig.

Der ungemein produktive Michael Köhlmeier, 63 ist er, bezeichnet sein neues Buch als Schelmenroman. Von Till Eulenspiegel würd’ man sich lieber zum Narren halten lassen. Aber ob der je gelebt hat, ist höchst fraglich.

Und Joel Spazierer? Ist freilich eine Erfindung.

Und trotzdem allgegenwärtig.

KURIER-Wertung: ***** von *****