Kultur
05.12.2011

Ein Meister mit Liebe zum Abgründigen

Der große Realist der Malerei Lucian Freud ist tot. Der Enkel Sigmund Freuds schonte weder sich noch seine Modelle.

Der Kernpunkt des Realismus ist die Verneinung des Ideals": Dieser Satz stammt nicht von Freud, sondern vom französischen Künstler Gustave Courbet (1819-1877). Doch Lucian Freud, der am Mittwoch mit 88 Jahren in seinem Londoner Haus verstarb, folgte dem Motto wie kein zweiter Maler der jüngeren Geschichte. Besonders in Freuds Porträts und Akten erscheinen Gesichter und Körper mit all ihren Lebensspuren, werden Sorgenfalten und Fettpolster nicht negiert, sondern mithilfe der Farbe zelebriert.

Der Kritiker Robert Hughes mag Courbets Realismus-Definition im Kopf gehabt haben, als er Freud 1987 zum "größten lebenden realistischen Maler" ausrief. Nicht selten wurde der Enkel des Wiener Psychoanalyse-Begründers Sigmund Freud dann mit seinem französischen Vorgänger in einem Atemzug genannt.

Große Tradition

Wie Courbet im 19. Jahrhundert, rieb sich auch Freud am Geschmack seiner Zeit, erzeugte mit seinen Bildern und seinem Lebensstil Kontroversen - und ging letztlich in den Kanon der Kunstgeschichte ein. Sabine Haag, die Direktorin des Kunsthistorischen Museums Wien, das für 2013 eine Freud-Retrospektive plant, erklärte im Standard gar, man habe "einen Partner verloren, aber einen neuen Alten Meister gewonnen."

Tatsächlich reichten die Inspirationsquellen für Freuds Kunst bis zu Albrecht Dürer und altniederländischen Meistern zurück. 1922 in Berlin geboren und 1933 nach London emigriert, wollte Freud zunächst jedoch gar nicht Maler, sondern Jockey werden. 1938 schaffte er dann - mit einer Pferdestatue - die Aufnahme in eine Londoner Kunstschule.

Bohemien

Schon als Jugendlicher hatte Freud den Ruf eines Rowdys und Sorgenkindes. Er sollte diesen für den Rest seines Lebens nicht ablegen: Oft geriet er in Schlägereien, seine Leidenschaft für Pferdewetten brachte ihm mehrmals massive Schuldenprobleme ein. In Londons Bohème freundete sich Freud schließlich mit Francis Bacon an, den er 1952 in einem ausdrucksstarken Porträt (heute Tate Gallery) festhielt.

Dass der Künstler auch Prominente wie Supermodel Kate Moss und Mick Jaggers Ex-Frau Jerry Hall malte und 2001 ein umstrittenes, weil schonungsloses Porträt von Queen Elizabeth II anfertigte, erscheint vor dem Hintergrund seiner sonstigen Arbeit ungewöhnlich: Meist arbeitete Freud mit Modellen aus seinem unmittelbaren Umfeld und baute über Monate hinweg eine intensive Beziehung zu ihnen auf. Wie Sue Tilley, das fettleibige Modell auf dem Bild "Benefits Supervisor Sleeping"(1995), dem Guardian berichtete, konnte Freud dabei hoch intellektuell, zynisch, aber auch sehr rustikal und witzig sein: "Beim ersten Treffen erzählte er einen Witz darüber, wie ein Wal onaniert - mitsamt den Bewegungen."

Freuds Bild von Tilly wurde '08 das teuerste Gemälde eines lebenden Künstlers - Oligarch Roman Abramowitsch zahlte 33 Millionen Dollar (21 Mio. €) dafür. Neue Rekorde könnten nun folgen. Doch die überzeitliche Qualität von Freuds Malerei braucht solche Bestätigungen durch den Markt eigentlich längst nicht mehr.

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