© Zur Rezension und Vorankündigung honorarfrei bei Copyright-Nennung/MONIKA RITTERSHAUS

Kultur
06/24/2022

Ein köstliches Musik-Bonbon zum Finale

Barrie Kosky verabschiedet sich spektakulär von der Komischen Oper Berlin

von Markus Spiegel

Vor hundert Jahren wäre so eine Revue am Broadway möglich gewesen. Heute ist „Barrie Kosky’s All-Singing, All-Dancing Yiddish Revue“ nur in der Komischen Oper Berlin realisierbar. Nicht an einem einzelnen Abend, sondern gleich in 13 ausverkauften Vorstellungen.

Das Haus bietet 1.200 Besuchern Platz, somit haben 15.600 Personen das Privileg, diese außerordentliche Produktion zu sehen, die sich mit einem weitgehend unbekannten Kapitel jiddischer Kultur befasst. Es ist die Abschiedsproduktion des Australiers Barrie Kosky („Ich bin ein schwules, jüdisches Känguru“), der sich nach zehn Jahren als Intendant der Komischen Oper verabschiedet.

Nachdem die Nationalsozialisten die vielfältige jüdische Kultur in Europa vernichtet hatten, wurde sie in den Straßen New Yorks wiedergeboren. Eines der Zentren war in den 1950er und frühen 1960er-Jahren der „Borscht Belt“, eine Ansammlung von Ferienhotels in den Catskill Mountains nördlich von New York, ein „Las Vegas der Ostküste“ mit einer blühenden Unterhaltungsbranche von und für Juden. Woody Allen, Jerry Lewis, Mel Brooks, die junge Barbra Streisand, auch die junge Bette Midler begannen dort ihre Karrieren. In den Shownummern von Mickey Katz, Sophie Tucker, Eddie Cantor und den berühmten Barry Sisters wurden alle Musikstile bedient, besonders Jazz, Swing, Rock ’n’ Roll, Blues und Klezmer.

Aufklärer

Barrie Kosky betätigt sich mit dieser Nummernrevue wieder als akribischer Archäologe und Aufklärer in Bezug auf jüdisches Musiktheater. Mit seinen Lieblingen Ruth Brauer-Kvam, Dagmar Manzel, Barbara Spitz, Katharine Mehrling, den Geschwister Pfister und Max Hopp gestaltet Kosky eine Party der Sonderklasse. Die hochtalentierte Ruth Brauer-Kvam ist als Showact umwerfend, Barbara Spitz ist für die berühmten jiddischen Witze zuständig, diesmal in der „dreckigen“ Variante. Bei den sentimentalen Liedern kann die grandiose Dagmar Manzel wieder beweisen, was Schauspielkunst bedeutet.

Einen wesentlichen Anteil an Koskys Erfolg haben seine langjährigen Weggefährten: Otto Pichler, der unglaublich innovative, fantasievolle Choreografien kreiert, und sein musikalischer Leiter und Arrangeur Adam Benzwi.

Barrie Kosky: „Diese Revue ist ein weiterer Versuch, dem deutschem Hochkultur-Snobismus ein wenig die Augen für ein anderes Kapitel des kulturellen Lebens zu öffnen. Für mich ist es, nach all dem, was wir in den letzten zehn Jahren an diesem Haus gemacht haben, wundervoll, mit diesem köstlichen Bonbon abzuschließen.“ Schalom, Barrie!Markus Spiegel

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.

Kommentare