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Literatur
02/23/2019

Ein Buch als Trauermarsch für den Vorgänger Gustav Mahlers

Zeugen sagen, Brahms habe den Komponisten Hans Rott auf dem Gewissen. Dem schließt sich der Roman des Schweden Ingvar Hellsing Lundqvist an.

von Peter Pisa

In der Eisenbahn steht ein junger Mann. Er setzt sich lieber nicht. Er ist ständig auf der Flucht.
Vor Brahms.
Als im Abteil ein anderer Reisender eine Zigarre anzünden will, zückt er seinen Revolver und ruft in Panik: „Machen Sie die Zigarre aus! Brahms hat den Zug mit Dynamit gefüllt!“
Das war 1880.
Hans Rott (Bild oben)  landete als 22-Jähriger in der Landesirrenanstalt am Brünnlfeld (Wien-Alsergrund), wo Geisteskranke nicht  nur weggesperrt, sondern – ein bisschen – behandelt wurden.
Dort blieb er.
Bis zum Tod, 1884.

Freiwild

Seine  Symphonie  Nr 1. in E-Dur, die er im Alter von 20 komponiert hatte, wurde  erst 100 Jahre später erstmals aufgeführt.
Gustav Mahler, Rotts Studienkollege, spielte Teile davon  Freunden auf dem Klavier vor. Sonst war nichts von Rott  zu dessen Lebzeiten öffentlich gespielt worden.
Rott war Vorläufer Mahlers (der seine „Erste“ 1988 komponierte). Begründer der „Neuen Symphonie“ für den „Neuen Menschen“  ... und Freiwild für  alte Bewahrer wie Johannes Brahms und den Kritiker Eduard Hanslick.
Mit ihm beschäftigt sich der Schwede Ingvar Hellsing Lundqvist seit Jahrzehnten. Sein RomanWie man ein Genie tötet“ ist die Essenz. Ist Lebenswerk. Ist Trauermarsch (wobei man unwillkürlich an Mahlers 1. denkt).
Kurz ist er, rasch endet er, früh setzte er ein: Mutter und Vater, beliebte Schauspieler am Theater an der Wien, starben früh. Hans, verarmt, war auf Stipendien und Auszeichnungen angewiesen, um am Wiener Konservatorium Orgel und Komposition studieren zu können. Anton Bruckner war einer seiner Lehrer.
Bruckner  – der sich an Wiener Schmähungen, ihn betreffend,  erinnerte – stand für seinen Lieblingsschüler auf, wenn dieser für erste  Kompositionen ausgelacht anstatt belohnt wurde: „Ihr werdet euch wundern!“
Rott verdankte ihm ein paar Gulden Einkommen als  Organist in der Piaristenkirche. Allerdings geriet er unter Verdacht, handschriftliche Haydn-Noten gestohlen zu haben. Ein falscher Verdacht – der Bibliothekar hatte sie verlegt.  Unter diesen Umständen aber kündigte Rott. Und ernährte sich bestenfalls von Extrawurst. Die war sehr billig (und sehr mehlig).
Alle Hoffnungen legte er in seine Symphonie.  Es ging um einen Preis. In der Jury saß Brahms.  Das ist die Schwachstelle im Roman, der sich sonst sogar um die Beschaffenheit des Grases unter jenem Bierfass kümmert, welches Stifter und Richard Wagner  austranken.

Neid

Um Brahms kümmert er sich nicht.. Brahms ist einfach nur ein A... Bruckner wird ihm später bei der Rede an Rotts Grab Neid, simpelsten Neid vorwerfen.
Brahms hatte gesagt: „Werfen Sie die Noten in den Mistkübel und suchen Sie sich einen anderen Beruf.“
Da schnappte Rott über.
Seine  Symphonie, Paavo Järvi dirigiert das Orchester des Hessischen Rundfunks, gibt es um acht Euro.
Gehört dazu.

Ingvar Hellsing
Lundqvist:
Wie man ein
Genie tötet“
Übersetzt von
Jürgen Vater.
Picus Verlag.
320 Seiten.
24 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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