Don DeLillo

© /Isolde Ohlbaum

Literatur
10/15/2016

Ein bisschen sterben, um ewig zu leben

Wäre (auch) kein Fehler gewesen, hätte der Amerikaner Don DeLillo den Nobelpreis gewonnen.

von Peter Pisa

Nur einer darf uns heuer noch etwas übers Sterben und Totsein erzählen.

Der Don.

Denn ist "Null K" erst einmal fertig gelesen bzw. durchlitten, so wird man feststellen: Die prächtige rote Abendsonne liegt über diesem Roman ... und das Staunen und das Lachen eines behinderten Kindes über die genau entlang der Straßenachsen verlaufenden Sonnenstrahlen in Manhattan.

Das ist ein derart einfaches und mächtiges Bild, dass der Wahn, der Aberglaube, diese Arroganz und Selbsttäuschung in den Hintergrund treten:

In Kirgisistan oder Kasachstan, es ist ja äußerst geheim, lassen sich alte Milliardäre zwar nicht auf den absoluten Nullpunkt, minus 273,15 Grad Celsius (= Null Kelvin), runterfahren, aber auf immerhin 196 Grad.

Hoffend, dass sie irgendwann einmal nach einem Update aufgetaut werden, frisch zusammengesetzt, Atom für Atom, Kaputtes ist durch Maschinen ersetzt worden.

Ist man dann noch dieselbe Person?

Oder wache ich auf und denke: Jessas, ich bin eine Fledermaus in Uganda und warte auf eine fette Fliege??? (Allerdings erinnere ich mich gut an meine frühere Menschenfamilie.)

Renovieren

Den New Yorker Don DeLillo liest man vor allem wegen seiner Sätze, die oft drohen und jederzeit zuschlagen können:

"Die eine Hälfte der Welt renoviert die Küche, die andere Hälfte verhungert."

Aber die Geschichte, die er diesmal erzählt, ist auch sehr gut. Das heißt: Man geht beim Lesen oft "nur" durch unterirdische Gänge, alle 20 Meter ist eine Tür, man klopft, die meisten Türen sind verschlossen, selten kann man eintreten ... Aber es ist eine Vater-Sohn-Geschichte. Der Sohn ist der Klügere.

Der Vater, Ross Lockhart, ist einer der Hauptinvestoren bei dieser Einfrierfirma und will sich in die Röhre legen. Mit einfachem Sterben gibt er sich nicht zufrieden. Er bittet den Sohn, mit dem er keinen Kontakt hatte, in seiner Nähe zu sein.

Der Sohn ist der Meinung, der Alte hätte besser im Leben "da" sein sollen anstatt jetzt so ein Theater zu machen. Als nämlich zum Beispiel Mutter – die geschiedene Frau von Ross Lockhart – starb: Wo war er denn damals? Auf dem Newsweek-Cover war er.

Der Vater weiß heute nicht einmal mehr, wie die Ex-Frau hieß.

Und so einer will / soll unsterblich sein?

In einer früheren Kurzgeschichte DeLillos wurden die Gesichter toter Kinder auf die Wände der Großstadtruinen gesprayt. Eine würdige Erinnerung.

Don DeLillo:
„Null K“
Übersetzt von Frank Heibert.
Kiepenheuer & Witsch. 288 Seiten. 20,60 Euro.

KURIER-Wertung: *****

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