Ein Beobachter des alltäglichen Irrsinns

Loriot zeigte am liebsten "allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben"
Foto: dapd

Nachruf: Er hat uns viele Jahrzehnte den Spiegel vorgehalten - nie gnadenlos, trotzdem entlarvend. Nun ist Loriot, der Grandseigneur des deutschen Humors, verstummt.

Vicco von Bülow alias Loriot - die französische Bezeichnung für das Wappentier der Bülows, den Pirol - ist deutsches Welthumorerbe. Am Montagabend ist der Großmeister des gepflegten Nonsens in Ammerland am Starnberger See gestorben. Er wurde 87 Jahre alt.
Sein Werk, das weiter zu Lachtränen rührt, scheint längst in den Rang eines Nationalheiligtums erhoben, zuletzt nur noch überstrahlt von der Loriot'schen "Universalbeliebtheit", so der Kritiker Joachim Kaiser.

Klassiker

Unvergessen sind seine Cartoons, Filme und Sketche wie der mit der Nudel im Gesicht beim verpatzten Rendezvous oder jener mit Herrn Doktor Klöbner und Herrn Müller-Lüdenscheidt, die sich ungewollt eine Badewanne und ein Gummientchen teilen.

Die Karriere des Karikaturisten Loriot begann Anfang der 50er-Jahre beim Stern . Doch bald verlangte sein scharfer Blick auf die Absurditäten dieser Welt nach alternativen Ausdrucksmöglichkeiten. 1967 sah man Loriot erstmals auf deutschen Bildschirmen.

Ab 1976 war er in der Serie "Loriot" mit der Schauspielerin Evelyn Hamann in vielen bis heute populären Sketchen zu sehen. Er griff darin - wie auch in seinen späteren Spielfilmen ("Pappa ante Portas", "Ödipussi") - den ganz normalen Wahnsinn des menschlichen Daseins auf.

"Jede Art der Komik, die man wiedergeben möchte, ist ein Konstrukt und geht über den Intellekt", sagte Loriot und witzelte einmal, es sei ihm nicht gelungen, sich "dauerhaft einer Tätigkeit zu verschreiben, die man allgemeinhin als Beruf bezeichnet."
Prägend sei gewesen, dass er, als er "anfing zu studieren, zwischen Irrenhaus, Zuchthaus und Friedhof" wohnte. Außerdem die Menschen und die Möpse, das Scheitern im Allgemeinen, die Missverständnisse zwischen den Geschlechtern im Speziellen und die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Alter.

Gestörte Kommunikation

Er war ein charmanter Beobachter des alltäglichen Irrsinns. Kommunikationsgestörte interessierten ihn am allermeisten: "Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Aneinander-Vorbeireden."
Launig war schon die Antwort, die Viccos Vater auf dem Sterbebett dem Sohne auf dessen Satzanfang "Ich kann mir nicht vorstellen. . ." gab: "Du brauchst dir nicht vorstellen, ick kenne dir ja."

Er habe sein Leben lang genug erlebt, sagte Loriot, und nur genau beobachtet - die großen Gesten, kleinen Missgeschicke und Tücken des Alltags, die Menschen an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen.

Er war enorm vielseitig: Zeichner, Texter und Schauspieler, Autor, Festredner und Fernseh-, Kino- und Opernregisseur, Bayreuth-Pilger und sogar Dirigent: 1989, nach Herbert von Karajans Tod, hatten ihm die Berliner Philharmoniker, mit denen Loriot lange in loser Liebesbeziehung verbunden war, tatsächlich eine feste Partnerschaft angeboten. Zuletzt lebte der Komödiant zurückgezogen und unterhielt vorrangig seinen - mittlerweile achten - Mops Emil. Denn: "Ein Leben ohne Möpse ist möglich, aber sinnlos."

INFO:
Der ORF ändert sein Programm und zeigt "Ödipussi" am 28. 8. (14.25 Uhr, ORF2); auch das Ö1-"Hörbild" am 27. 8. (9.05 Uhr) ist Loriot gewidmet.

(kurier) Erstellt am
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