Kultur
07.10.2017

Egon Friedell lebt noch, weil er aus dem Fenster stürzte und starb

1938, in der Sekunde vor seinem Tod, reist er in die Zukunft – zu U-Bahn und Döner in die Gegenwart.

Da haben wir es wieder:

Egon Friedell braucht anscheinend den Sturz aus dem Fenster, um noch am Leben zu bleiben – 16. März 1938, 3. Stock, Gentzgasse 7, 1180 Wien, zwei SA-Männer haben sich Einlass in seine Wohnung verschafft ...

Um niemanden auf der Straße zu verletzten, rief Friedell: "Vorsicht, bitte!"

DAS bleibt von einem Universalgenie? ... und seit Bernhard Viels Biografie bleibt vielleicht noch: Er löffelte nachts heimlich Powidl, den seine Haushälterin vor ihm versteckte. (Freunde durften Friedell wegen seiner Fülle "Mastodon" nennen.)

"Unser" Goethe

Jetzt informiert der Kärntner Schriftsteller Egyd Gstättner über Friedell, der oft als Österreichs Goethe bezeichnet wird – vor allem, weil er gemeinsam mit Alfred Polgar das Theaterstück schrieb und selbst die Hauptrolle spielte: Goethe fällt bei der Matura durch, weil er zu wenig weiß ... über Goethe.

Gstättners Roman kommt zur rechten Zeit: Goethe ist zwar auch nicht mehr so bekannt, aber Egon Friedell wird bald ganz vergessen sein. Man bekommt Lust auf seine alten Bücher. Das schafft Gstättner mit "Wiener Fenstersturz". Der Titel bestätigt, dass es ohne den spektakulären Tod nicht geht.

Untertitel: Kulturgeschichte der Zukunft.

Denn nach Hälfte des Buchs kommt aus London H.G. Wells in seiner Zeitmaschine. In der einen Sekunde bis zum Aufprall fährt er mit Friedell (der den "Zeitmaschinen"-Roman fortgesetzt hat) in die 2010er-Jahre.

Friedell lernt die U-Bahn kennen, Kokain und Döner ("in Fladenbrot versteckte Speisereste"). Wieso aus der Peter-Altenberg-Puppe im neuen Café Central Peter Altenberg aufersteht und an der Reise teilnimmt, erschließt sich nicht. Noch dazu ist Altenberg meist schläfrig.

Allmählich wirkt es, so klug es ist, erzwungen und wird mühevoll – aber es hält fest. Es bewahrt. Darin hat auch Egon Friedell einen Sinn der Literatur gesehen.

Egyd Gstättner:
„Wiener
Fenstersturz“
Picus Verlag.
320 Seiten.
24 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern