Kultur
10.03.2014

Egger-Lienz: Bierernst im Belvedere

Die Schau „Totentanz“ breitet rund um Egger-Lienz ein Panoptikum der Kunst um 1914 aus.

In mancher Hinsicht ist Albin Egger-Lienz’ Gemälde „Totentanz von Anno Neun“ der grimmige Bruder von Gustav Klimts „Kuss“ im Wiener Belvedere: Sowohl die güldene Jugendstil-Ikone als auch das bodenständige Prozessionsbild wurden 1908 gemalt; beide Werke gehörten zu den frühen Erwerbungen der damals jungen „Modernen Galerie“, mit der das späthabsburgische Österreich Zeitgenossenschaft demonstrieren wollte.

Tiroler Eigensinn

Die Bezeichnung „Moderner Künstler“ hätte Egger-Lienz (1868 – 1926) damals allerdings eher als Beschimpfung empfunden, und bis heute tut man sich schwer mit der Einteilung des bildgewaltigen Tiroler Malers: Stilistisch war er teils höchst innovativ, motivisch oft stockkonservativ; seine Bilder können als Illustrationen von Heimatliebe und Heldentod herhalten, dann wieder sind sie in ihrer Tristesse nachgerade wehrkraftzersetzend. Von den Nazis wurde Egger-Lienz vereinnahmt, aber auch wieder fallen gelassen.

All diese Ambivalenz wird in der intellektuell wie ästhetisch anregenden Ausstellung „Totentanz – Egger-Lienz und der Krieg“ (bis 9.6. in der Orangerie des Unteren Belvedere) nicht aufgelöst: Statt dessen vermittelt die Schau eine Ahnung davon, wie man zur Entstehungszeit der Bilder, also kurz vor bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg, über Dinge wie Vergänglichkeit, Nationalstolz und den (Soldaten)-Tod dachte.

Die Idee des „Opfers“, das dem Leben rückwirkend Sinn gibt, war damals äußerst en vogue, und dieses Gedankengut hatte Egger-Lienz wohl auch im Sinn, als er – anlässlich eines Auftrags zum 100. Jubiläum der Tiroler Befreiungskriege – jene ernst blickenden Bauern malte, die, vom Knochenmann angeführt, dahinmarschieren.

Oft variiert

In der Orangerie des Unteren Belvedere sind fünf Versionen dieses Motivs zu sehen, hoch gehängt in einem Raum, der nicht zufällig an eine Kapelle erinnert. Man wolle damit auf jene alpinen Kirchen anspielen, in denen der „Totentanz“ seit dem Mittelalter ein beliebtes Motiv ist, erklärt Co-Kurator Stephan Koja. Zugleich sollen die spitzen Torbögen des Raums an expressionistische Architektur – man denkt an Clemens Holzmeisters Krematorium in Simmering – erinnern.

Die Inszenierung wirkt aber auch „gotisch“ im Sinn eines anderen Trendbegriffs des frühen 20. Jahrhunderts: „Gotisch“ hieß damals die deutsche, nüchterne, ernste Gegenkategorie zu jener oft als unmännlich-dekorativ gebrandmarkten Moderne, zu der man ruhig auch Klimts „Kuss“ zählen kann. Unter dem Dach der „Gotiker“ fanden sich Expressionisten (hier lohnt ein Blick in die Schau „Wien-Berlin“ nebenan) ebenso wie spätere Nazi-Künstler – und auch Egger-Lienz’ Bilder passten dazu.

Es ist schwierig, sich heute in solche Kategorien hineinzudenken: Hat man doch gelernt, sich die „Moderne“ als eine Aufbruchsbewegung vorzustellen, die sich geschlossen von einer konservativen „Tradition“ entfernte. Die Belvedere-Schau führt dagegen in eine Epoche von Gleichzeitigkeiten und Mehrgleisigkeiten: Egger-Lienz erscheint dabei als einer, der Konservatives und Progressives in seiner Kunst ebenso aufsog wie Kriegsbegeisterung und Kriegsmüdigkeit.

Eingebettet ist das Werk des Tirolers in Kreationen von Zeitgenossen – darunter Beißend-Politisches von Otto Dix, Anklagendes von Käthe Kollwitz, Symbolhaftes von Alfred Kubin. Simple Entwicklungslinien und Gegensätze weichen hier endgültig einem Wirrwarr der Ideologien, Hoffnungen und Enttäuschungen. Als Stimmungspanorama erreicht die Schau damit vielleicht mehr, als es die x-te Ausstellung zum Thema „1914“ könnte.