Egger-Lienz: Bierernst im Belvedere

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Foto: Belvedere, Wien Ausstellungsansicht Totentanz: Egger-Lienz und der Krieg © Belvedere, Wien

Die Schau „Totentanz“ breitet rund um Egger-Lienz ein Panoptikum der Kunst um 1914 aus.

In mancher Hinsicht ist Albin Egger-Lienz’ Gemälde „Totentanz von Anno Neun“ der grimmige Bruder von Gustav Klimts „Kuss“ im Wiener  Belvedere: Sowohl die güldene Jugendstil-Ikone als auch  das   bodenständige  Prozessionsbild wurden 1908 gemalt; beide Werke gehörten zu den frühen Erwerbungen der damals  jungen „Modernen Galerie“, mit der  das  späthabsburgische Österreich       Zeitgenossenschaft demonstrieren wollte.

Tiroler Eigensinn

Die Bezeichnung  „Moderner Künstler“ hätte Egger-Lienz (1868 – 1926) damals  allerdings eher  als Beschimpfung empfunden, und bis heute tut man sich schwer mit der Einteilung des bildgewaltigen Tiroler Malers: Stilistisch war er teils höchst innovativ, motivisch oft stockkonservativ; seine Bilder können als Illustrationen von Heimatliebe und Heldentod herhalten, dann wieder sind sie in ihrer Tristesse  nachgerade wehrkraftzersetzend. Von  den Nazis wurde Egger-Lienz vereinnahmt, aber auch wieder fallen gelassen.

All diese Ambivalenz  wird in der intellektuell wie ästhetisch anregenden Ausstellung  „Totentanz – Egger-Lienz und der Krieg“ (bis  9.6. in der Orangerie des Unteren Belvedere) nicht  aufgelöst: Statt dessen vermittelt die Schau eine Ahnung davon, wie man  zur Entstehungszeit  der Bilder,  also kurz vor bis kurz nach dem Ersten Weltkrieg, über Dinge wie Vergänglichkeit, Nationalstolz und  den (Soldaten)-Tod  dachte.

Die Idee des „Opfers“, das dem Leben rückwirkend Sinn gibt, war damals äußerst  en vogue, und dieses Gedankengut hatte Egger-Lienz wohl  auch im Sinn, als er – anlässlich eines Auftrags zum 100. Jubiläum der Tiroler Befreiungskriege – jene ernst blickenden Bauern malte, die, vom Knochenmann angeführt, dahinmarschieren. 

Oft variiert

In der Orangerie des Unteren Belvedere sind fünf Versionen dieses Motivs zu sehen, hoch gehängt in einem Raum, der nicht zufällig an eine Kapelle erinnert. Man wolle damit auf jene  alpinen Kirchen anspielen, in denen der „Totentanz“ seit dem Mittelalter ein beliebtes Motiv ist, erklärt Co-Kurator Stephan Koja. Zugleich sollen die spitzen Torbögen des Raums an expressionistische Architektur  – man denkt an Clemens Holzmeisters Krematorium in Simmering  – erinnern.

Die Inszenierung wirkt aber auch „gotisch“ im Sinn eines anderen Trendbegriffs des frühen 20. Jahrhunderts: „Gotisch“  hieß damals  die  deutsche, nüchterne, ernste Gegenkategorie zu jener oft als  unmännlich-dekorativ  gebrandmarkten  Moderne, zu der man ruhig auch Klimts „Kuss“  zählen kann. Unter dem Dach der  „Gotiker“  fanden sich Expressionisten  (hier lohnt  ein Blick in die Schau „Wien-Berlin“ nebenan)  ebenso wie spätere Nazi-Künstler – und  auch Egger-Lienz’   Bilder passten dazu.

Es ist  schwierig, sich heute in solche Kategorien hineinzudenken: Hat man  doch gelernt, sich  die „Moderne“ als eine Aufbruchsbewegung vorzustellen, die sich geschlossen von einer konservativen „Tradition“ entfernte. Die Belvedere-Schau führt dagegen in eine Epoche von Gleichzeitigkeiten und Mehrgleisigkeiten: Egger-Lienz erscheint dabei als einer, der Konservatives und Progressives in seiner Kunst ebenso aufsog wie Kriegsbegeisterung und Kriegsmüdigkeit.

Eingebettet ist das Werk des Tirolers in  Kreationen von Zeitgenossen  – darunter Beißend-Politisches von Otto Dix, Anklagendes von Käthe Kollwitz, Symbolhaftes von Alfred Kubin.  Simple Entwicklungslinien  und Gegensätze weichen hier endgültig einem Wirrwarr der   Ideologien, Hoffnungen und  Enttäuschungen. Als  Stimmungspanorama  erreicht die Schau  damit vielleicht mehr, als  es die x-te Ausstellung zum Thema „1914“  könnte.

Albin Egger-Lienz "Der Totentanz von Anno Neun" entstand 1908 als Auftragsarbeit des k.u.k. Kulturministeriums. Das Bild sollte an den Tiroler Befreiungskrieg erinnern. Der Maler sollte bis in die 1920er verschiedene Versionen des Bildes und einzelner Teilmotive herstellen. Das Belvedere zeigt aktuell fünf "Totentanz"-Fassungen. Egger-Lienz' Bild markiert eine deutliche Abkehr von der "Historienalerei" des 19. Jahrhunderts. Franz von Defregger hatte die Tiroler Befreiungskriege im Gemälde "Das letzte Aufgebot" 1874 noch ganz anders dargestellt. Albin Egger-Lienz wurde nach Ausbruch des 1. Weltkriegs selbst an die Front berufen. 1914/'15 entstand unter den Eindrücken das Bild "Uhnów 1914". Im Gemälde "Der Krieg" (1915–1916) malte er die Ereignisse weniger "realistisch", sondern eher symbolhaft. Egger Lienz wurde 1916/17 auch "Kriegsmaler" und sollte im Dienst des "k.u.k. Kriegspressequartiers" Eindrücke an der Front wiedergeben. Bild: "Serradafront (Standschützen)", 1916 Auch andere Künstlergingen an die Front: Der Deutsche Otto Dix meldete sich - wie viele Malerkollegen - freiwillig. "Schützengraben", um 1917 Bei Dix schlug die Kriegsbegeisterung nach dem Krieg in erbitterte Ironie um: Er zeichnete und malte die wohl prägnantesten Bilder der Nachkriegs-Tristesse. Straße, 1920, Kaltnadelradierung Otto Dix, Schwangerschaft, 1922 Auch Albin Egger-Lienz bildete die Tristesse nach dem Krieg direkt und oft in monumentalen Formaten ab: Kriegsfrauen, 1918-1922.
(KURIER) Erstellt am
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