Duell der Königinnen mit Worten, Waffen und Wildschwein

Sandra Cervik als Elisabeth in der sehr gewollten "Maria Stuart"-Inszenierung
Günter Krämer verkürzte Friedrich Schillers Trauerspiel "Maria Stuart" im Theater in der Josefstadt auf müde 100 Minuten.

Eine halbe Ewigkeit nach der grandiosen Inszenierung von Andrea Breth am Burgtheater (2001) wagte sich das Theater an der Josefstadt an Friedrich Schillers "Maria Stuart". Man misstraute aber der Zeitlosigkeit des Trauerspiels, in dem Macht und Machterhalt verhandelt werden. Denn Regisseur Günter Krämer ersann für seine brutale Strichfassung ein neues Vorspiel: Ein Soldat, dessen braune Uniform an die NS-Zeit bzw. an Diktaturen aller Art der Jetztzeit erinnern soll, saugt eifrig den Boden; aus einem Lautsprecher dringen Ansagen, darunter um halb acht: "Achtung, wir beginnen!"

Sandra Cervik setzt sich als mondäne Schauspielerin im blaugrauem Kostüm der 1940er-Jahre vor den Spiegel der Garderobe und studiert ihren ersten Monolog als Elisabeth, Königin von England, ein. Man hätte, wie sich herausstellen wird, den Abend auch "Elisabeth I." nennen können. Denn bis zum Auftritt von Maria Stuart wird es (im Gegensatz zur Vorlage) noch dauern.

Cervik also ratscht, das Reclam-Heft in der Hand, den Text herunter. Der Wunsch ihrer Heldin sei es immer gewesen, unvermählt zu sterben, aber dies werde nicht länger geduldet: "Auch meine jungfräuliche Freiheit soll ich, / Mein höchstes Gut, hingeben für mein Volk, / Und der Gebieter wird mir aufgedrungen."

Die blondierte Schauspielerin hat Probleme mit dem Wort "Volk", sie dekliniert die Passage in diversen Dialekten und im Hitler-Sprech durch. Nebenbei schminkt sie ihr Gesicht weiß – und schlagartig ist sie mitten im Stück.

Männer als Staffage

Zunächst trifft der französische Gesandte (Florian Carove) ein, eine dekadente Witzfigur. Aber die Männer sind in dieser Zuspitzung auf die Königinnen ohnedies nichts als grell überzeichnete Staffage: Sie handeln aus Kalkül (wie Tonio Arango als selbstverliebter Graf von Leicester) oder auf Befehl (wie Roman Schmelzer als Davison).

In seiner sehr gewollten Inszenierung im wenig inspirierten Gitterrost-Bühnenbild von Herbert Schäfer definiert Krämer die schottische Königin nicht über deren angebliche Schönheit: Barfuß, ungeschminkt und mit zerzaustem Haar sinniert Elisabeth Rath über die missliche Lage in der Gefangenschaft Elisabeths. Dass Maria Stuarts Schicksal längst besiegelt ist, macht die weiße Totenmaske klar, die Rath traumtänzerisch vor dem Neon-Schriftzug "Warum aus meinem süßen Wahn mich wecken?" in Händen hält.

Natürlich denkt man an die EU, wenn Maria sagt, die Hoffnung gehegt zu haben, Schottland und England zu befrieden: "Und nicht erlöschen wird der Hass, bis endlich / Ein Parlament sie brüderlich vereint, / Ein Zepter waltet durch die ganze Insel." Aber dann blutet auf der Bühne eine Wildsau aus. Und Cervik (mit monströser Swarovski-Krone) fügt sich dem Wunsch des Pöbels: Sie unterzeichnet Marias Todesurteil. Nach nur 100 Minuten war der Spuk vorbei, der Jubel wirkte eher künstlich.

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