Kultur
08.05.2017

Doron Rabinovicis Text zum "Fest der Freude"

Nach Peter Turrini, Michael Köhlmeier und Marlene Streeruwitz hat in diesem Jahr Doron Rabinovici einen Text für diesen Anlass geschrieben – hier der Vorabdruck.

Heute wird der 72. Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus begangen, zum fünften Mal spielen die Wiener Symphoniker bei diesem "Fest der Freude" auf dem Heldenplatz, Adam Fischer dirigiert Werke von Kurt Schwertsik, Beethoven und Mendelssohn-Bartholdy. Katharina Stemberger moderiert und wird einen Text von Doron Rabinovici lesen, den dieser für diesen Anlass geschrieben hat und der vorab im KURIER erschienen ist - hier zum Nachlesen.

Der Text

Das ist das Fest der Freude, denn glücklich ist, wer nicht vergisst: Das war der Tag, an dem der Sieg dem Krieg den Garaus machte. Das ist das Fest der Freude, weil damals dem Morden ein Ende bereitet wurde. Und zwar nicht nur am Schlachtfeld und nicht nur in den Lagern, sondern überall im ganzen Land wurde Schluss gemacht mit den Massakern. Wir feiern die Befreiung von Unrecht und Vernichtung. Wir freuen uns über den Frieden und wir erfreuen uns der Freiheit.

Das ist das Fest der Freude, die wir uns durch niemanden nehmen lassen, doch schon gar nicht von denen, die früher jeden 8. Mai hier mit rotschwarzgelben Schärpen aufmarschierten, um sich ausgerechnet an diesem Datum der Trauer hinzugeben und die Niederlage desnationalsozialistischen Reiches zu beweinen. Wer derMillionen Gefallenen ehrlich gedenken will, beklagt nicht den Ausgang, sondern den Ausbruch des Krieges. Am 8. Mai 1945 wurde mit dem Nationalsozialismus auch der Faschismus bezwungen. Die Niederlage der Nazis ist unser aller Triumph. Sie war die Voraussetzung für ein neues Österreich, für ein demokratisches Deutschland, für ein freies Italien, für ein unabhängiges Frankreich.

Sie ist die Grundlage des vereinten Europa jenseits von Antisemitismus und völkischer Propaganda. Hätte die Wehrmacht den Krieg gewonnen, wäre die Vernichtung dessen, was einst unwertes Leben und Untermensch genannt wurde, noch lange nicht beendet. Die Männer hätten vor allem Soldaten zu sein und die Frauen die Gebärkanonen für neue Regimenter. Von Stacheldraht wären wir umgeben und unsere Heimat läge im Schützengraben.

Da geht eine Grenze zwischen Faschismus und Demokratie. Es ist die Grenze auf Leben und Tod. Das ist die Außengrenze, die geschützt werden muss. Und jenen, die von Zeiten träumen, da sie unseren Nachbarn zum Flüchtling machten, sagen wir, aus dem Flüchtling machen wir nun unseren Nachbarn. Und jenen, die treuherzig behaupten, sie seien die Juden von heute, denen sage ich: "Da irrt euch mal nicht, denn wir Juden von heute, wir ducken uns nicht, wir kuschen nicht, wir feiern gemeinsam mit den Anderen, die aufstehen gegen den Hass."

Denn wenn sie gegen Minderheiten hetzen, dann sollen sie wissen, die Minderheiten sind wir alle und wir sind längst die Mehrheit, doch eine, die nicht mehr schweigt. Wir leben die Vielfalt. Wir feiern Europa. Wenn sie nach einem starken Mann rufen, wählen wir die Demokratie. Wenn sie die Angst schüren, zeigen wir Zivilcourage. Wir alle sind die Helden für diesen Platz.

72 Jahre Kriegsende

Mit einer Absage an jegliche nationalistische Tendenz wurde am Montag das "Fest der Freude" begangen. Auch bei leichtem Regen fanden sich mehrere tausend Menschen auf dem Wiener Heldenplatz ein, um die Befreiung Österreichs vom nationalsozialistischen Regime vor 72 Jahren zu feiern. Schwerpunkt des Abends bildete abermals ein Gratis-Konzert der Wiener Symphoniker unter dem Dirigenten Adam Fischer.

"Er ist der Tag der Befreiung von der dunkelsten und finstersten Herrschaft, die unser Land jemals überkommen ist", sprach Bundeskanzler Christian Kern ( SPÖ) in seinem Eröffnungs-Statement. Er dankte nicht nur dem Widerstand im Dritten Reich, sondern auch den Befreiern der alliierten Truppen: "Ohne diese Courage, ohne diesen Mut, den viele aufgebracht haben, gäbe es unser Österreich nicht", so Kern.

Nicht nur der Kanzler wandte sich gegen den "plumpen, furchtbaren Nationalismus", auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) erinnerte an die Verantwortung, totalitären Tendenzen entgegenzutreten. Der "Gedanken des niemals gegeneinander, des niemals wieder" müsse in die Tat umgesetzt werden, wobei vor allem auch die Politik gefordert sei. Dass der frühere "Tag der Kapitulation" zu einem Fest der Freude wurde, sei Zeitzeugen zu danken.

Dass noch vor Jahren deutsch-nationale Burschenschafter auf dem Heldenplatz trauerten, brachte Organisator Willi Mernyi vom Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) in Erinnerung. Auch Wiens Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou (Grüne) appellierte an alle, sich vorbehaltlos zu freuen, "den Zweifel, den können wir morgen wieder auspacken". Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ) freute sich ebenso darüber, dass sich "niemand, der das Kriegsende betrauert" auf dem Heldenplatz befinde.

Das Konzert wurde mit der Uraufführung des Auftragswerks "Here & Now" des heimischen Komponisten Kurt Schwertsik eröffnet. Weiters im Programm: Felix Mendelssohn Bartholdys Violinkonzert e-moll op. 64, das von dem jungen Wiener Geiger Emmanuel Tjeknavorian interpretiert wurde, sowie mehrere Werke von Ludwig van Beethoven. Als Schlusspunkt stand die "Ode an die Freude" aus dessen Neunter Symphonie auf dem Programm.