Kultur
20.06.2017

Donald Trump – hinter ihm die Sintflut

Essay. Ein paar Überlegungen, warum dem US-Präsidenten der Umweltschutz eher scheißegal ist.

Der deutsche Titel "Jahrhundertfrauen" führt ziemlich in die Irre. In seinem neuen Film "20th Century Women", seit kurzem in den Kinos, fängt Regisseur Mike Mills das Lebensgefühl des Jahres 1979 ein. Dorothea Fields, Mitte 50 und geschieden, sorgt sich, dass sie nicht in der Lage sein könnte, ihrem 15-jährigen Sohn Jamie die richtige Erziehung angedeihen zu lassen. Sie bittet zwei junge Frauen um Unterstützung – und Jamie erhält u.a. eine Einführung in Feminismus.

Die Ängste scheinen aber kaum begründet. Denn die Mutter führt ohnedies ein unkonventionelles Leben. Um die Restaurierung der alten Villa in Santa Barbara finanzieren zu können, hat sie zwei Untermieter, die Punk-Fotografin Abbie und den Hippie William. In einer Szene sitzt das Grüppchen zusammen vor dem Fernseher, um der Rede von Jimmy Carter zur "Vertrauenskrise" zu folgen.

Auf Kosten anderer

Der US-Präsident hielt diese Rede tatsächlich – am 15. Juli 1979. Laut dem Politologen John Halpin vom Center for American Progress, einem liberalen Think Tank in Washington D.C., handelt es sich dabei um "eine der stärksten Aussagen, die je ein amerikanischer Präsident zum Thema geistige Leere und Verschwendung" gemacht habe. Sie hat, aus heutiger Sicht, etwas ungemein Prophetisches. Denn Carter, der oft belächelte Erdnussfarmer, sagte u.a., dass "heute zu viele von uns Genusssucht und Konsum" anbeteten.

Der Mensch werde nicht mehr durch das, was er tut, sondern durch das, was er besitzt, definiert. Aber Besitz und Konsum würden das Verlangen nach einem Sinn im Leben nicht stillen.

Angesichts der damaligen Energiekrise bot Carter zwei Wege an. Der eine sei durch das Recht, uns auf Kosten anderer zu bereichern, gekennzeichnet und führe "unweigerlich in den Abgrund". Der andere Weg hingegen führe "zu wahrer Freiheit für unsere Nation und uns selbst". Als erster Schritt müsse das Energieproblem gelöst werden. Carters Vorschläge seien, so Halpin, zu Säulen der Nachhaltigkeitsbewegung geworden: Reduzierung der Ölimporte, staatlich verordnete Umweltschutzmaßnahmen, Investitionen in alternative Energien, Einschränkungen für Energieversorger u.s.w.

Zudem bat der US-Präsident die Bevölkerung, sich einzuschränken: Man solle Fahrgemeinschaften bilden, den öffentlichen Verkehr nutzen, nicht unnötig reisen – und den Thermostat hinunterdrehen, um Heizöl zu sparen. Jede dieser Maßnahmen beweise nicht nur gesunden Menschenverstand, sie sei eine patriotische Tat.

Die Rede wurde zunächst äußerst positiv aufgenommen. Carters Umfragewerte schossen in die Höhe, ein von den Menschen mitgetragener Wandel hin zu einem nachhaltigeren Lebensstil schien möglich. Doch schon bald wurde dem Präsidenten Pessimismus vorgeworfen. Ronald Reagan, sein Herausforderer, nutzte die "malaise speech" geschickt, um Carter zu desavouieren: Dessen schwarzmalerischer Liberalismus setze der Freiheit der Menschen Grenzen und unterschätze die Dynamik des US-Kapitalismus.

In ihrem Buch "Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" schreibt Naomi Klein, dass Carter von dessen Berater Christopher Lasch dringend nahegelegt worden sei, seine Aufforderung zur Sparsamkeit durch die Zusicherung echter Fairness und sozialer Gerechtigkeit abzumildern – und "seine Verurteilung des amerikanischen Konsumverhaltens populistischer zu formulieren". Doch Carter forderte Opfer nur von der Bevölkerung, aber nicht von jenen, die für die Umweltverschmutzung verantwortlich waren und die Emissionen ausweiteten.

Der Präsident musste bei der Wahl am 4. November 1980 eine herbe Niederlage gegen Reagan einstecken. Die Schuld gaben viele Kommentatoren der Rede; sie gilt – so Naomi Klein – auch heute noch "als Beweis dafür, dass jeder Politiker, der den Wählern Opfer abverlangt, um eine Umweltkrise zu lösen, Harakiri" begehe.

Die Taktik des Egoisten

Der Film "Jahrhundertfrauen" braucht die Carter-Rede nicht, um zu funktionieren. Warum hat Mills sie eingeflochten? Weil sie damals polarisierte? Oder aufgrund ihrer Brisanz in Zeiten des Klimawandels? Erstmals angekündigt wurde der Film im Jänner 2015, die Dreharbeiten fanden im Herbst jenes Jahres statt – also lange vor der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten (am 8. November 2016). Und doch ist "Jahrhundertfrauen" eine Art Kommentar zu den gesellschaftspolitischen Entwicklungen. Und eine Erklärung, warum Trump der Umweltschutz eher scheißegal ist. Weil der neue US-Präsident mit dem Leugnen des Klimawandels sicher besser fährt.

Er verlangt eben keine Einschränkungen – weder von der Wirtschaft, noch von der Bevölkerung. Hinter mir die Sintflut (und zwar wortwörtlich): Das könnte ein weiteres Motto von Trump sein – wie die Slogans "Make America Great Again", den auch Reagan verwendet hatte, und " America First". Denn wer weiß schon, ob Maßnahmen gegen die Erderwärmung Erfolg haben?

Im Frühjahr 2014 veröffentlichte der Weltklimarat IPCC, das Intergovernmental Panel of Climate Change, seinen jüngsten Sachstandsbericht. Gefährlicher Klimawandel sei, so die Kernaussage, noch vermeidbar. Und es kostete nicht die Welt, das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen – wenn man rasch handelt.

Involviert in den Prozess war auch der in Graz lehrende Philosoph Lukas Meyer, der sich mit Fragen der Gerechtigkeit beschäftigt. Er stellte resümierend fest, dass die Regierungen nur dann für Maßnahmen zu gewinnen sind, "wenn die Aussicht besteht, dass sich tatsächlich etwas zum Positiven ändert. Und wenn die Kosten, die sie zu tragen haben, im Vergleich fair sind. Und wenn sie zumutbar sind. Entscheidend ist zudem, dass sich die meisten der Staaten, die den erheblichen Anteil an den Emissionen haben, an den Maßnahmen beteiligen." Denn: "Ansonsten kann man es auch sein lassen. Beziehungsweise: Ansonsten ist es nachvollziehbar, dass man das Hauptaugenmerk nicht auf die Vermeidung von Temperatursteigerungen legt, sondern auf Adaptionen. Also darauf, dass die jeweilige eigene Bevölkerung keinen großen Schaden nimmt."

Grobe Ungerechtigkeit

Die Niederlanden könnten, wenn der Meeresspiegel steigt, höhere Dämme bauen. Und es gibt wohl auch echte Gewinnler des Klimawandels – etwa Länder, deren Bodenschätze nicht länger unter "ewigem Eis" liegen. Vielleicht gehört auch Österreich dazu? Schifahren wird zwar schwieriger, aber auf 1000 Meter Seehöhe gedeihen Kiwi, Trauben, Feigen.

Doch nur die Industriestaaten können sich Anpassungsmaßnahmen leisten. Also jene Länder, die in der Vergangenheit die meisten Emissionen verursacht haben. Auch wenn wir jetzt lebende Menschen nicht für die Taten unserer Vorfahren verantwortlich gemacht werden können, so sind wir doch die Nutznießer: Wir haben unter anderem die Infrastruktur geerbt, die bei der Herstellung Emissionen verursacht hatte. "Das ist die schlimmste Ungerechtigkeit: Dass die, die am meisten von den bisherigen Emissionen profitieren, die sind, die am wenigsten vom Klimawandel betroffen sein werden. Während jene, die am wenigsten profitieren, am schlimmsten betroffen sein werden", sagt Meyer.

Die sehr ungleiche Verteilung der Begünstigungen sei ein Argument dafür, dass die Menschen aus den hochentwickelten Ländern für die Schäden aufkommen sollen. Also auch die Bevölkerung der Vereinigten Staaten.

Und auch zukünftig lebende Menschen haben das Grundrecht auf eine intakte Umwelt. Das sollte Trump bedenken. Wenn er sich den Vorwurf seiner Kinder und Enkelkinder ersparen will.