Rabenhof: Ernst Moldens Döblinger Zündlerei hat Kultpotenzial

Hausherr Thomas Gratzer brachte das Singspiel "Döbling Burning" zur Uraufführung. Der Jubel war groß, sehr zurecht.
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Döbling ist nicht Erdberg, jene Gegend des dritten Wiener Gemeindebezirks, die eine besonders bodenständige Vergangenheit hat und auch heute noch nicht Heimat der Jeunesse dorée ist. Aber Erdberg hat mit dem Rabenhof ein (an manchen Tagen sehr bobohaftes) Gemeindebautheater und ist heute Zuhause des aus Döbling stammenden Wiener Mundartdichters und Musikers Ernst Molden, dessen Singspiel „Döbling Burning“ am Donnerstag im Rabenhof unter großem Jubel Premiere feierte. 

Das Singspiel in Raimund-Tradition samt Teufel, Geist und teuflischem Geistlichen, könnte man als Traumabewältigung und besondere Liebeserklärung zugleich lesen. Da kommen Kindheitsorte wie die „Hammerschmidgossn“ vor, der Molden bereits in der Vergangenheit ein liebevolles musikalisches Denkmal gesetzt hat. 

Andererseits könnte es durchaus sein, dass Molden seinen Ursprungsbezirk hier zumindest metaphorisch anzünden und folglich brennen sehen will. Immerhin geht am Ende von „Döbling burning“ die bessere Gegend der feinen Pinkel in Flammen auf. Und vorher wird noch ordentlich auf dem Kirtag gespieben (den Zusatz „Neustifter“ kann man sich denken).

Natürlich ist auch Döbling nicht überall fein. Unten in der Barawitzkagasse etwa, da hausen die einfachen Menschen. Ottilie Meyer-Sudelfeld, Erbin einer Gummi-Fabrikanten-Dynastie, drückt es etwas drastischer aus. Dass ihr Enkel Otto auch dort unten bei der Plebs wohnt anstatt mit ihr oben am Berg, das stört die Dame doch ziemlich. Auch für seine Künstler-Spompanadeln hat sie wenig Verständnis. Der Otto möge sich doch bitte etwas Vernünftiges anziehen und zurück zu ihr kommen. Zu ihren Powidl-Einmachgläsern, zur zünftigen bürgerlichen Döblinger Kirtags-Unterhaltung und zum regelmäßigen Gottesdienst. Dann werde sie ihm, ihrem einzigen Nachkommen, ihr Vermögen überschreiben, 

Das würde allerdings dem Pfarrer, dem Monsignore Schoiswohl nicht gefallen, denn der Erbschleicher im Dienste der katholischen Kirche spitzt ebenfalls auf die Meyer-Sudelfeld’sche Villa. Aber der gescheiterte Künstler Otto hat eh anderes im Sinn: Er verfällt der gespenstischen Agnes, sehr zum Wohlfallen des dämonischen Weinbauers Leopold Probus Musil.

„Döbling Burning“ ist Moldens viertes Singspiel. Das Grusel-Musiktheater über die Untiefen des Neunzehnten hat Kultpotential. Molden arbeitet sich schlau und kurzweilig an seiner ersten Heimat Döbling ab. Mehr als das: Ein gespenstisches Raunen verleiht dem Singspiel eine gewisse Tiefe, die es zu mehr als einer Nummernrevue macht (Regie: Thomas Gratzer). Daran hat auch der fabelhafte Mix aus Bühne (Dominique Wiesbauer) und Kostüm (Miriam Draxl) seinen Anteil. Man arbeitet mit einfachen, aber wirksamen Mitteln. Alina Schaller geistert mit einem Schleier durch die Kulissen aus durchsichtigen schwarzweiß-Zeichnungen, Ursula Strauss ist als blasse Ottilie im Chanel-Kostümchen nicht weniger gespenstisch und ihr Enkel Otto, der „schene Bua“ (Skye MacDonald), wirkt überzeugend vom Schicksal gestreift.

Die Songs, zum Teil mitsingtauglich, sind eingängig und insbesondere Alina Schaller als trauriger Geist Agnes überzeugt, wenn sie „Sweet Jesus, Sweet Jesus, da Mesna vom Kaasgrobm ged um“ schmettert. Die Liveband, darunter der brillante Geiger Aliosha Biz, heizt entsprechend ein. Zwar hat nicht jeder im Ensemble das Zeug zum Musical-Star, bei manchen macht’s aber das Charisma wett: Gerald Votava ist als Monsignore Schoiswohl eine bestrickende Mischung aus unheimlich, bösartig und blöd.

Molden-Kenner wissen: Der Mann beherrscht das Wienerische, und auch „Döbling Burning“ ist erneut eine Mundart-Leistungsschau, zum Teil virtuos vorgetragen. Eindeutiger Höhepunkt ist die Beichtstunde Ottilies beim Monsignore: Ursula Strauss fantasiert von Powidl und „Gschbasslaberln“ dem ur-wienerischen, möglicherweise aber nicht autochthon Döblinger Ausdruck für weibliche Brüste.

Groteske, traurige, unheimliche beste Unterhaltung. Der Herr im Publikum, der manches hier als ein bisserl gar „eingeraucht“ befand, ist ein Spielverderber.

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