Zwischen G’spritzten und Arbeiterkindern: Mit Ernst Molden durch Döbling

Anlässlich seines neuen Singspiels "Döbling Burning" begibt sich der Wiener Liedermacher und Schriftsteller auf sentimentale Reise durch den 19. Bezirk.
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Es ist jetzt auch schon eine Zeit her, da ging Ernst Molden mit Frau und Kindern in der Döblinger Hood seiner Kindheit spazieren. In der Hammerschmidtgasse wollte er ihnen die Gstätten zeigen, in der er früher immer gespielt hatte. Aber da, wo früher eine Gstätten war, stand eine Wohnanlage, offenbar schon seit Jahrzehnten.

In diesem Moment kam dem Wiener Liedermacher und Schriftsteller die Idee zu dem Lied "Hammerschmidgossn", das er dann im Duett mit Willi Resetarits aufgenommen und 2008 auf dem Album "Wien" veröffentlicht hat. I sog seavas zu meina Gossn, heißt es da. Und die Gossn griaßt ned retour.

Jetzt, noch einmal fast 20 Jahre später, ist Molden, 58, wieder in seiner alten Heimat unterwegs. Der KURIER spazierte mit ihm durch den 19. Bezirk. Anlass ist sein neues Stück "Döbling Burning", das am 19. Februar im Rabenhof uraufgeführt wird; es spielen u. a. Ursula Strauss, Christoph Krutzler und Gerald Votava.

Für das Gemeindebautheater im 3. Bezirk – wo der Ex-Döblinger schon seit Langem lebt – hat Molden in den vergangenen Jahrzehnten eine zeitgenössische Form des Alt-Wiener Singspiels entwickelt, das neue Werk ist bereits das vierte seiner Art.

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Der Autor und das Ensemble seines Singspiels "Döbling Burning" im Rabenhof. Von links: Alina Schaller, Ursula Strauss, Gerald Votava, Ernst Molden und Christoph Krutzler. 

Gummiwarendynastie

Wie seine Vorgänger hat auch "Döbling Burning" märchenhafte Züge, zum Beispiel tritt eine Waldfee namens Agnes in Erscheinung. Es gibt diesmal aber auch eine autobiografische Ebene: In der Gummiwarenfabrikantendynastie Meyer-Sudelfeld lässt sich unschwer die Familie Molden wiedererkennen.

Der legendäre Nachkriegs-Zeitungszar Fritz Molden (gest. 2014) gründete 1964 einen Buchverlag, der Bestseller wie die Knef-Memoiren "Der geschenkte Gaul" oder Mario Puzos Roman "Der Pate" im Programm hatte. Die Villa in der Eroicagasse, in der Fritz Molden mit seiner vierten Frau, der Journalistin Hanna Molden, und den zwei gemeinsamen Söhnen wohnte, war groß genug, um dort Verlagsempfänge zu veranstalten oder rauschende Partys zu feiern. "Ich hab’ mein Elternhaus nicht gemocht – weil ich es dafür verantwortlich gemacht habe, dass ich meine Eltern nie seh’", erinnert sich Ernst Molden. "Entweder, sie sind am Abend fortgegangen, oder es waren zwischen 50 und 100 Leute im Haus."

Der Spaziergang durch Döbling beginnt auf der Hohen Warte. Ganz in der Nähe hat Moldens Volksschulfreundin Bettina Hamann, jüngere Schwester der Journalistin und Politikerin Sibylle, gewohnt. Durch den Heiligenstädter Park (die früheren Rothschild-Gärten), wo Molden als Kind oft gespielt hat, gehen wir runter zur Grinzinger Straße und weiter in die Sandgasse.

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Sandgasse 33: Hier residierte der Molden Verlag. Nach dem Konkurs 1982 zog die südafrikanische Botschaft ein.

Döblinger Welten

Auf Nr. 33 steht dort ein großes Haus aus den 70er-Jahren, das heute die Botschaft von Südafrika ist. Damals war es der Sitz des Molden Verlags. "Obwohl es von zu Haus nur sieben Minuten zu Fuß waren, ist der Vater jeden Tag in der Früh mit dem Daimler abgeholt und am Abend wieder heimgebracht worden."

Wir kommen am Heurigen Feuerwehr-Wagner vorbei. Mit der Wirtin, Michaela Wagner, ist Molden einst in die Volksschule gegangen. Dort trafen die Döblinger Welten aufeinander: die bourgeoise und die proletarische, das Cottage und der Gemeindebau. "In meiner Klasse gab es Heurigenkinder, G’spritzte und Arbeiterkinder aus dem Karl-Marx-Hof", sagt Molden. "Wir haben in der Schule gelernt, dass ein Kilometer genau so lang ist wie der Karl-Marx-Hof."

Molden sympathisierte mit den Prolos, war aber natürlich keiner von ihnen. Doch auch der Neustifter Kirtag oder das Krapfenwaldlbad waren nicht seine Welt. "Immer, wenn die G’spritzten unter sich waren, hab’ ich mich nicht wohlgefühlt. Meine Freunde waren entweder aus Unterheiligenstadt – oder so Loner wie ich, die nirgends wirklich dazugehört haben."

Wir gehen jetzt durch die Armbrustergasse, wo die einstige Villa des berühmten SPÖ-Kanzlers Bruno Kreisky steht. Ernst Molden erinnert sich, dass er einmal als Sternsinger in der Kreisky-Villa war. "Der Pfarrer hatte zu uns gesagt: ‚Der Herr Bundeskanzler ist ein Sozi, aber sehr großzügig.‘ Der Kreisky hat in Hausschuhen aus Krokoleder aufgemacht und als Erstes gesagt: ‚Ihr müsst nicht singen.‘ Dann hat er 500 Schilling aus dem Portemonnaie geholt."

Durch die Probusgasse gelangen wir zu Moldens Elternhaus, Eroicagasse 1. Sein Kinderzimmer ging nach hinten raus, auf den Pfarrplatz. In der Kirche St. Jakob hat der kleine Ernst ministriert, unter dem Heurigen daneben (Mayer am Pfarrplatz) hat er gelitten. "Aus dem Hintereingang sind um halb eins in der Früh speibend und grölend die letzten Piefkes und Holländer gekommen. Deswegen hab’ ich Heurige jahrzehntelang gehasst."

Die Hammerschmidtgasse beginnt gleich um die Ecke. Von der Gstätten ist keine Spur, aber man kann sich vorstellen, wie groß sie war. Neben der bunkerartigen Wohnanlage aus den 80er-Jahren, die dort steht, befindet sich der NAC-Platz. Der war der Grund dafür, dass Willi Resetarits die Hammerschmidtgasse kannte: In seiner Jugend hatte er mit dem FAC (Floridsdorfer AC) gegen den NAC (Nußdorfer AC) gekickt.

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In dem Lied "Hammerschmidgossn" besingt Molden eine Gstätten, die es längst nicht mehr gibt. Dort steht eine Wohnanlage (links im Bild). Die Gasse schreibt sich übrigens Hammerschmidtgasse.  

In der Konkursmasse

Im Haus neben den Moldens ist um 1980 der Architekt Gustav Peichl eingezogen, aber lang währte die Nachbarschaft nicht. 1982 ging der Molden Verlag pleite, zur Konkursmasse gehörte auch die Villa. "Danach waren 90 Prozent der Lemuren, die sich jahrelang einladen haben lassen, keine Freunde meiner Eltern mehr. Der Vater hat erzählt, dass manche die Straßenseite gewechselt haben." Die Familie übersiedelte nach Alpbach in Tirol, wo die Mutter ein Haus hatte.

Ernst Molden war 14, als er Döbling verließ. Er sollte nur noch als Spaziergänger zurückkehren.

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