"Pension Schöller" im Rabenhof: Heile Welt, heilloses Chaos
Vor nicht einmal einem Monat hatte in der Josefstadt „Ein deutsches Leben“ Premiere: Andrea Breth ergänzte die Erinnerungen von Brunhilde Pomsel, die als Sekretärin von Propagandaminister Joseph Goebbels nichts von Gräueltaten gewusst haben will, gefinkelt um Schlager der NS-Zeit. Sie gaukelten eine heile Welt vor – und waren, wie „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“, Durchhalteparolen. Dann, nach dem Desaster, wurde alles nur mehr „besser, besser, besser“.
An dieser Wiederaufbau-Euphorie schließt Ruth Brauer-Kvam passgenau im Rabenhof an: Mit ihrem Mann, dem Musiker Kyrre Kvam, machte sie aus der Posse „Pension Schöller“ von Wilhelm Jacoby und Carl Laufs ein „musikalisches Lustspiel“ im Stil der späten 50er-Jahre, durchzogen mit Melodien von Fred Raymond. Der Komponist, 1900 in Wien geboren, komponierte jede Menge Schlager, darunter „Ich steh mit Ruth gut“, 1942 schrieb er die Musik zu „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei“. Und dann, nach dem Desaster, ging es mit „Flieder aus Wien“ weiter – bis zu seinem frühen Tod 1954.
Natürlich wird auch auf „Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren“ angespielt, umgemünzt auf den Rabenhof. Denn ebendort, in Erdberg, befindet sich die Pension Schöller, die Anton Lenzmeier seiner Tante Ruth (eh klar!) als Nervenheilanstalt verkaufen will.
Da nacht die Närche
Fabian Pfleger geht in seiner Umarbeitung ziemlich frei mit der Vorlage um, aber die Pensionsgäste sind in all ihrer Skurrilität erhalten geblieben. Wenn Sebastian Wendelin als Leopold, der jedes L als N ausspricht, die Tragödie „Romeo und Julia“ zum Besten gibt, nacht auch die Närche. Die liebestolle Weltenbummler-Witzfigur des Gerhard Kasal mit Namen Balduin erinnert ein wenig an Louis de Funès auf Speed. Und Caroline Frank spricht als Autorin Helene von Malzpichler gestelzt wie eine Ansagerin in den Frühzeiten von Ö1.
Sebastian Wendelin als Tragöde beflügelt mit dem Regenschirm die Fantasie. Doris Hindinger ist begeistert, die Combo pflegt existenzialistische Coolness.
Eine Nummer für sich ist der Cello spielende Direktor, Herr Professor Schöller: Die Behauptung, dass die Geige die Königin der Streichinstrumente sei, lässt Florian Carove extrem hart an der Selbstbeherrschung arbeiten – ein feines Gustostückchen. Er nasaliert ein wenig (wie Hans Moser) und trägt angeklatschten Mittelscheitel. Was nicht verwundert, spielte doch Theo Lingen in der legendären Verfilmung aus 1960 den Professor.
Hinreißend: Florian Carove
Und Doris Hindinger ist alsbald enthusiasmiert: Die hantige Tante aus der Provinz mit den auftoupierten Haaren wird ihrem Neffen, dem lässigen Entertainer Toni (Robert Slivosky) im Glitzeranzug, den Musikschuppen wohl finanzieren.
Ruth Brauer-Kvam hat die „Pension Schöller“ mit einem vertrauten Team aus dem Dunstkreis des Bronski & Grünberg (man bestritt im Rabenhof zuvor „Luziwuzi“) realisiert. Und so rennt die harmlose Operetten-Swing-Revue wie eine Maschine: Es wird ohne Feuerpause geballert, was nach einer Stunde (von deren zwei) doch ermüdet. Zumal die in der Mimik wenig ausdrucksstarke Combo in klassischen Anzügen (Lukas Knöfler, Orges Toce und Kyrre Kvam) gut sichtbar auf einem zentralen Podest den Ton angibt. Während man das heillose Chaos auf der Spielfläche darunter nur schlecht sieht.
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