Kultur
16.01.2018

Die Warnung der Julya Rabinowich: "Der Teufel schläft nicht"

Keine Zensur: Julya Rabinowich darf in der Burg ihr nicht realisiertes Buch für die Nestroy-Gala präsentieren.

Mitte November 2017 sollten wieder die Nestroys verliehen werden. Der Rechtsruck schien nach der Nationalratswahl unausweichlich, manche Politiker begannen von Zuständen wie in Polen oder Ungarn zu träumen. Weil sich das alles schon am Horizont abgezeichnet hatte, beauftragte Karin Bergmann, Direktorin des Burgtheaters, Julya Rabinowich mit dem Ablauftext. Die brillante Autorin, 1970 in Leningrad geboren, sollte sich mit der Frage beschäftigen: "Wie gefährlich ist die Kunst?"

Rabinowich fand kluge Antworten, die Namensgeber Johann Nestroy, der ob der Zensur im Vormärz zum Meister des Zwischen-den-Zeilen geworden war, zur Ehre gereicht hätten. Zu Gehör gebracht wurden sie aber nicht. Warum? Weil tatsächlich der Text zu ausufernd geraten war, wie Karin Bergmann in ihrer Begründung meinte? Mit einer fulminanten Show gelang es ihr, von der Frage abzulenken: Michael Niavarani holte die Kartoffel aus dem Feuer – und Otto Schenk zu einer Doppelconference auf die Bühne.

Bergmann muss das Ganze unendlich leidgetan haben. Denn eines wollte sich sicher nicht: Zensur üben. Was war es dann? Hatte dem Team, Puppenspieler Nikolaus Habjan und Ensemblemitglied Regina Fritsch, der Mut verlassen? Oder war man der Meinung, dass Rabinowich zu viel voraussetzte?

Aber kann man nicht gerade von einem Nestroygalapublikum erwarten, den Roman "Der Meister und Margarita" zu kennen? Michail Bulgakow schrieb ihn zwischen 1928 und 1940, ab 1966 erschien er in Fortsetzungen – und war ein riesiger Erfolg. Die von der Zensur gestrichenen Teile wurden flugs vervielfältigt und heimlich verbreitet. Der Roman schildert satirisch das Leben in Moskau, er kritisiert die Sowjetunion – und prangert die Feigheit als Sünde an. Im Zentrum steht Voland, Professor für schwarze Magie, der zusammen mit seinen Gehilfen, darunter dem Kater Behemoth, in der russischen Metropole für Verwirrung sorgt.

90 Jahre später treffen Voland und Behemoth, so der vom Team um ein paar gute Gags ergänzte Text, im Ronacher ein. Der Kater mit dem biblischen Namen sagt seinem Herrn: "Messire, die Stadt ist genau richtig für uns! Die Leute wissen zu feiern." Nachdenklich ergänzt er, dass sich schon ein bisschen was getan habe, seit sein Herr den letzten Ball ausgerichtet hat: "Länder gingen unter. Länder entstanden. Demokratie war noch vor kurzem groß in Mode."

Voland fragt nach: "Demokratie?!" Und der Kater: "Ganz abgeschrieben ist die noch immer nicht. Diese Saison wird sie wohl noch aktuell bleiben. Danach kann ich allerdings für nichts mehr garantieren." Regina, die Moderatorin der Gala, nimmt die beiden nicht ganz ernst, bietet Voland, dem Teufel, keck ein Tässchen Blut an. Entrüstet entgegnen die Figuren, nicht aus "Tanz der Vampire" zu sein (das Musical ist derzeit im Ronacher zu sehen); und eine Katze als Assistent von Mephisto ist schnell erklärt: "Der Pudel hat frei."

In der Folge thematisiert Rabinowich mehrfach Zensur. Auch heute würden Werke und Künstler verboten: "Daran hat sich nichts geändert." Und: "Subvention ist die neue Zensur." Der russische Kulturminister habe es – Rabinowich erinnert an den arretierten Regisseur Kirill Serebrennikow – klar formuliert: "Wer Geld annimmt, hat die Erwartungen des russischen Staates zu erfüllen." Und über die Ansichten der AfD kommt die Autorin galant zur heimischen Kulturpolitik. Die Figur "Regina" mahnt Effizienz ein, also die Lieblingstugend der neuen Regierung, was Behemoth nicht akzeptieren kann. Und zum Schluss mahnt Voland: "Der Teufel schläft nicht."

Falls Sie wissen wollen, was noch alles im Nestroy-Buch steht: Am 26. Februar gibt es im Burgtheater-Vestibül eine Lesung von Rabinowich unter dem Titel "Der Frischegrad der Freiheit". Denn eines will Bergmann sicher nicht:Zensur üben.