Katharina Swoboda  greift in ihrer Arbeit die traditionellen „Vampirgräber“ auf.

© Eva Würdinger

Untot
07/20/2020

Die Untoten kehren dank Corona zurück - auch in der Kunst

Die mythischen Blutsauger waren öfters Sinnbilder viraler Bedrohung. Eine Schau im Kunstraum Niederösterreich betrachtet sie von der kulturellen Seite.

von Michael Huber

Wer sich das Coronavirus vergegenwärtigt, denkt aller Wahrscheinlichkeit nach an jenes kugelförmige Ding mit stecknadelartigen Erweiterungen, das uns immer in Medienberichten oft begegnet.

Die schematisierte Darstellung einer mikroskopischen Ansicht sagt aber noch nichts über die unsichtbare Ausbreitung eines Virus aus. Ebenso wenig über den Umstand, dass es sich dabei nicht um einen lebendigen Organismus handelt, sondern um etwas scheinbar Untotes, das sich nur verbreiten kann, wenn es einen Wirt befällt und dessen Körperzellen von innen heraus verändert.

Für ein solches Wesen hat die Mythologie und Popkultur eine andere Darstellungsform gefunden. Es ist der Vampir.

Die Verbindung zwischen Viren und Vampiren ist dabei keineswegs neu: Die Horror-Kreatur, die schon seit der Antike in verschiedenen Kulturen nachweisbar ist und ab dem 18. Jahrhundert in Europa und den USA immer wieder Popularitätsschübe verzeichnete, scheint überhaupt ein Produkt von Krankheitsbildern zu sein, die man sich nicht erklären konnte. So dürfte die Porphyrie, eine Stoffwechselerkrankung, die mit schmerzhafter Lichtempfindlichkeit und Zahnverformungen einhergehen kann, für die Anatomie des Vampirs Pate gestanden zu haben.

Die Idee, dass sich Vampire vermehren, indem sie ihre Opfer im Schutz der Nacht beißen und diese (durch Blutaustausch) selbst in Vampire verwandeln, erzeugte aber offensichtliche Resonanzen im Territorium der Virologie. Insbesondere in den frühen 1990er-Jahren, als die Aids-Epidemie die westliche Welt in Atem hielt, sickerte der Konnex in die Populärkultur durch: Arlene Russo, Autorin des Standardwerks „Vampire Nation“, zählte mehr als 70 Vampirfilme, die allein zwischen 1990 und 1992 auf den Markt kamen. Auf Werke wie Francis Ford Coppolas Verfilmung von „Bram Stoker’s Dracula“ und „Buffy der Vampir-Killer“ (1992) folgten „Interview mit einem Vampir“ (1994) und zahlreiche weitere Filme und Serien. Die potenzielle Aids-Gefahr, die von Blutaustausch, vor allem aber von riskanten sexuellen Kontakten ausging, wurde in diesen Werken häufig auf die Vampir-Ebene transponiert.

Spiegel der Ängste

Dass ein Vampir der Erzählung nach kein Spiegelbild hat, ist da nur folgerichtig: Vielmehr ist er dankbares Spiegelbild der Ängste, Befürchtungen und Begehrlichkeiten, die eine Gesellschaft auf ihn projiziert.

Diese verändern sich: So konstatierte die Autorin Lorna Piatti-Farnell in ihrem Werk „The Vampire in Contemporary Popular Literature“, dass sich die Vampir-Metaphorik Anfang des 21. Jahrhunderts mehr auf die Gentechnologie verlagert habe. Weil ein Virus seine genetische Information in eine gesunde Zelle injiziert, führt er gewissermaßen eine „Genmutation“ durch – auf vergleichbare Weise verwandeln auch Vampire (in Serien wie „Buffy – im Bann der Dämonen“) Opfer in blutdürstige Wiedergänger ihrer selbst.

Analog zur Tatsache, dass elaborierte Gen-Therapien heute Viren als Träger nutzen, um Erbinformation in Zellen einzufügen, ist auch die Grenze zwischen guten und bösen Vampiren in der Populärkultur längst nicht mehr so klar gezeichnet: In der „Twilight“-Saga oder der Serie „True Blood“ tauchen die Blutsauger durchaus auch als Sympathieträger oder gar Heilsbringer auf.

Der Resonanzraum des Vampirmythos reicht aber noch weiter. In der (noch vor der Corona-Krise konzipierten) Ausstellung „Durst“, die bis 14. 8. im Kunstraum Niederösterreich in der Wiener Herrengasse zu sehen ist, zieht etwa die Künstlerin Katharina Swoboda eine Verbindungslinie zwischen der als gefährlich gebrandmarkten, weil selbstbestimmten Frauenfigur des „Vamp“ und der abergläubischen Praxis: In Bulgarien wurden vermeintliche Vampire nämlich buchstäblich mundtot gemacht, indem man den Leichnamen einen Ziegelstein in den Mund legte.

Die Angst vor der Wiederkehr der untoten Gefahr, die uns auch heute begleitet (Stichwort: „Zweite Welle“) wird in der Ausstellung außerdem noch im Meer verortet: „Vampyrotheutis infernalis“ ist nämlich auch der Name eines 1897 entdeckten Tiefsee-Tintenfischs, auf den die Forscher jener Zeit allerhand projizierten, was eher der populären Vampir-Imagination als gesichertem Wissen entsprang, wie die Autorin Maren Mayer-Schwieger in einer Begleitpublikation ausführt.

Wer möchte, kann auch hier Parallelen zum Balanceakt zwischen Imagination und Forschung ziehen, der unseren Umgang mit dem Coronavirus heute begleitet. Es ist am Rande nicht uninteressant zu wissen, dass David J. Skal – Verfasser einer Vampir-Anthologie und einer Kulturgeschichte des Horror-Genres – bereits 1987 einen Sci-Fi-Roman mit dem Titel „Antikörper“ verfasste. Es geht darin um Menschen, deren Ziel es ist, sich nach und nach ihres menschlichen Körpers zu entledigen und zur Maschine zu werden. Heute heißt diese Idee „Transhumanismus“ und hat zahlreiche Anhänger, u.a. im Silicon Valley. Vielleicht ist die Flucht aus dem Körper in die digitale Wolke ja tatsächlich der letzte Weg aus der viralen Misere.

Infos: Die Ausstellung mit dem vielsagenden Titel „Durst“ im Kunstraum Niederösterreich begreift die Figur des Vampirs als sozio-kulturelles Phänomen: Definieren wir Vampirismus als das sinnbildliche Absaugen von Energien und Ressourcen anderer Lebewesen und unserer Umwelt. Eine soziokulturelle Reise durch Bilder von Unsterblichkeit, Verführung und Gewalt in der Unterhaltung und in der Literatur. Die Ausstellung läuft  bis 14. August. Der Kunstraum NÖ  bietet außerdem  an zwei Wochenenden „Vamp Camps“ –   Ferienworkshops  für Kinder  an.

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