Kultur
11.04.2012

Die unkaputtbare Küchenschabe

"Verfressen, sauschnell, unkaputtbar": Hannes Sprado klärt in seinem Buch über die außergewöhnlichen Fähigkeiten der gemeinen Küchenschabe auf.

Und am Ende der Welt wird sie auf einem Stein sitzen und an einer Flechte knabbern. Und ziemlich am Anfang, vor 350 Millionen Jahren, war sie auch schon da. Gleich nach den Bienen. 15 Zentimeter war sie groß, und Hannes Sprado hätte sich damals vermutlich verkrochen anstatt mutig ein Buch auf sie fallen zu lassen.
Der Journalist lernte die heutzutage freundlicherweise viel kleinere Küchenschabe erst vor Kurzem in einem Hotel in Manhattan kennen. Er nannte sie Paula. Seine erste Kakerlake.

Sprado ist Münchner und dort sagt man offensichtlich "Kakerlake". Wir aber bleiben bei der korrekten Bezeichnung: Küchenschabe. Jedenfalls überstand Paula den Angriff im Hotelzimmer, durfte weiterleben und ist nun der Star im Taschenbuch "verfressen, sauschnell, unkaputtbar", das zwar im Titel so locker-lustig tut, doch mit erstaunlich Wissenschaftlichem zum Thema aufwarten kann. Küchenschaben haben ihre Ohren in den Kniebeugen. Deshalb nehmen sie den heranschleichenden Feind, der sie erschlagen will, wie ein Erdbeben wahr.


Dann starten sie mit 1,6 Meter pro Sekunde. Auf den Menschen übertragen, würden sie 25 Meter pro Sekunde schaffen. Der Weltrekordhalter im 100-Meter-Lauf schafft bloß 10,44 Meter pro Sekunde.

Seit dem 16. Jahrhundert werden deshalb Küchenschaben-Wettrennen veranstaltet. Eine russische Tradition. Wobei Publikum die Insekten in ihrer Konzentration beeinflusst. Wahrscheinlich überlegen sie, ob sie den Fans zuwinken sollen.
Zwar gehen sie den Menschen aus dem Weg, aber die männlichen Vertreter haben ein Faible für den Geruch in Frauenschuhen. Wobei kein Unterschied zwischen Humanic und Prada festgestellt werden konnte. In der Früh sind die Schaben dumm. Will man ihnen etwas beibringen - manche Forscher wollen das! -, ist die Lernfähigkeit am Abend besonders gut.

Menschenähnlich

Warum bloß sind sie uns derart verhasst? Bei Umfragen werden Schaben in den Ekel-Hitparaden gleich hinter den Ratten auf Platz zwei geführt (gefolgt von Schlangen und Quallen).


Dabei sind sie uns ähnlich. Nicht, weil sie so simpel sind, was sie zum Erfolgsmodell der Evolution machte. Sondern weil Küchenschaben nicht gern allein sind, sondern Freunde brauchen. Weil sie’s gern warm haben; und Allesfresser sind; und im Alter unbeholfen durch die Gegend watscheln.


Sie sind sauber, mit den vielen Bürsten im Mund reinigen sie ständig Beine und Fühler, und ihr Chitin-Panzer schützt sie vor schweren Büchern und Krankheitserregern – aber sie selbst übertragen (unabsichtlich) Polio, Gelbfieber, Typhus, Lepra, Milzbrand, Salmonellen, Tuberkulose, Cholera ... vor allem in Ländern der Dritten Welt. Hannes Sprado berichtet, dass es Küchenschaben in den Abwasserrohren von Hongkong waren, die 2003 für die rasante Ausbreitung der lebensgefährlichen Lungenkrankheit SARS sorgten.

Und wieso werden die nicht selbst krank? Wenn sie auf ihren Füßen – die übrigens nachwachsen, sollten sie verloren gehen – Keime und Bakterien mitschleppen?
Weil sie ihre eigenen Antibiotika produzieren: Im Schlund und im Nervensystem töten die Schaben Staphylokokken und Kolibakterien ab.
(Vielleicht könnten wir von ihren Abwehrstrategien lernen anstatt sie entzückt bei ihrer Vorliebe für duftende Damenschuhe zu beobachten.)

"Cooking is fun"

Der Unterschied zu den geschätzten 800 anderen neuen Kochbüchern ist: Auf jeder Seite lacht die Sonne, und man tanzt Reggae. Kochen wird als Partyspaß angepriesen, und die Fröhlichkeit steckt an. Der britische Fernsehkoch Levi Roots wuchs auf Jamaika auf: geröstete Kokosnuss, grüner Reis, Lamm mit Rumsauce, Tamarinden-Kichererbsen, Inselmüsli.

KURIER-Wertung: **** von *****

"Vergessene Klassiker"

Knollenkerbel, Sonnenwurzel, Chinesische Artischocke – in Frankreich sind diese alten Gemüsesorten einfacher zu bekommen. In Österreich könnte die Suche nach ihnen ein neues Hobby werden. Die Porträts sind mit Rezepten angereichert. PS: Die Mairübe, die man bis Jänner kaufen kann, heißt gar nicht Mairübe, sondern Mailänder Rübe.

KURIER-Wertung: ***** von *****

"Der Kampf geht weiter"

Die Mafia hat Angst vor Bestsellern. Weil sich die Geschichten unkontrolliert verbreiten. Deshalb schreibt Saviano („Gomorrha“), obwohl er Polizeischutz braucht. Und verrät z. B., dass im Süden eine Stimme für die Regionalwahl 50 Euro wert ist. 1000 Euro für den, der Leute zur Wahl eines Politikers überredet. Geliebtes, unzivilisiertes Italien.

KURIER-Wertung: **** von *****

"Das Kolosseum"

Der Untertitel heißt: Bewundert, bewohnt, ramponiert. Übers erste und dritte Eigenschaftswort braucht man nichts zu sagen. Aber bewohnt? Im Kolosseum – von den Katholiken übernommen – lebten im Mittelalter Adelige; und in der Mitte stand ein Kirchlein. Ein Besuch der Ruine wird noch interessanter, wenn man vorher Wegerhoffs Buch gelesen hat. (Er ist Architekt.)

KURIER-Wertung: **** von *****

"Falsche Frösche"

Warnung vor Fröschen: Wie viele Frösche muss man küssen, um einen Prinzen zu erwischen? Die Wiener Journalistin Sandra Schönthal klatscht eine Menge Frösche an die Wand, und nichts „Richtiges“ ist dabei. Ihre Typologie der Männer geht beachtlich in die Tiefe und ist mehr als reine Unterhaltung: Klammeraffe, Parasit, Tyrann, Heimwerker, Lügner ... Schönthal ertappt sie alle. Und warnt.

KURIER-Wertung: **** von *****

Meisterwerk "1812"

Eine außergewöhnliche Geschichte. Jeder hat von Napoleons Debakel in Russland gehört, aber keiner weiß Genaueres. Es gibt noch unglaublich viele Berichte von Beteiligten, z. B. wie die Franzosen ihren Brei würziger gestalteten: mit dem Pulver ihrer Patronen. Daraus hat der New Yorker Historiker Zamoyski „1812“ gemacht. Ein Meisterwerk.

KURIER-Wertung: **** von *****

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