Das alte Punk-Fieber glüht noch immer

die toten hosen graz…
Foto: oliver wolf Unprätentiöser Diener des Publikums: Campino unterhielt 11.000 Grazer mit lieb-gewonnenen Posen.

Kritik: Die Toten Hosen machten am Freitag auf ihrer "Der Krach der Republik"-Tour in Graz halt. Am Samstag spielen sie auch in der Wiener Stadthalle.

Denn es geht nie vorüber, dieses alte Fieber, das immer dann hochkommt, wenn wir zusammen sind“, sang Campino, der Frontmann der Toten Hosen, kurz nach dem er Freitagabend die Bühne der Grazer Stadthalle betreten hatte. Geschrieben hat er die Zeilen des Hits "Altes Fieber" über den Zusammenhalt in der Band. Mehr denn je sind sie aber auch ein Abbild der Beziehung der deutschen Punk-Band zu ihren Fans. Und in der mit 11.000 Leuten ausverkauften Stadthalle Programm für den Abend. Jeder kennt seine Rolle in der ritualisierten Begegnung, jeder spielt sie mit Lust und Euphorie, mit dem Wissen, nichts weiter zu tun und zu wollen, als sinnlos Spaß zu haben.

Eindrücke aus der Grazer Stadthalle

Im Dezember machten die Toten Hosen auf ihrer "Der Krach der Republik"-Tour in Graz halt. 11.000 begeisterte Fans sahen Frontmann Campino in Hochform. Tags darauf kamen die Düsseldorfer nach Wien. Die Stimmungsbilder aus Graz waren da einen erster Vorgeschmack. Die Wiener mussten sich jedenfalls ordentlich anstrengen, um mit den Grazern mithalten zu können. Jeder kannte seine Rolle in der ritualisierten Begegnung. Die Grazer sangen lauthals mit. Und Campino animierte nicht nur mit Posen, sondern auch mit gewohnt viel Einsatz. Der 50-jährige Frontmann rackerte wie besessen, rannte, hüpfte und sprang ins Publikum. Die Rolle der Band hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Die Toten Hosen sind noch immer unprätentiöse Diener des Publikums. Auch wenn nicht jeder Ton saß - der Einsatz stimmte. Neben Scherzen zum Weltuntergang gab es dann auch "Stille Nacht". Weihnachten steht ja auch vor der Tür.

Die Fans kippen schon eine Stunde vor der Show in ihren Part, steigern sich im Vorraum der Toiletten in „Wir würden nie zu Bayern München gehen“-Chöre, stimmen kurz vor Beginn in der Halle „You'll Never Walk Alone“ an. Man muss sich ja aufwärmen, der Job heißt mitgrölen, Arme in die Höhe reißen, Springen, Toben – für zwei volle Stunden.

Die Rolle der Band hat sich in den letzten Jahren kaum verändert. Und das ist großartig. Nach wie vor sind die Düsseldorfer unprätentiöse Diener ihres Publikums. In der Stadthalle gibt es alles, was man erwartet: Altere Hits wie „Hier kommt Alex“, „Sascha“, „Zehn kleine Jägermeister“, „Steh auf, wenn du am Boden bist“ und den jüngsten „Tage wie diese“. Campino rackert wie besessen, rennt, hüpft, dreht sich wie ein Kreisel, biegt sich wie ein Schlangenmädchen, rutscht auf den Knien und springt ins Publikum.

Fans singen mit

„Paradies“ unterbricht er, holt sich Robert auf die Bühne, der die zweite Strophe singen muss, weil Campino schon seit einer Stunde den Grazer-Chor hört, die Fans so toll singen, „vielleicht besser als ich“. „Besser geht's nicht“, stellt er danach fest: „Wenn die Welt schon unter geht, dann so“. Und weil das mit dem Weltuntergang eine Stunde später immer noch „lahm vorangeht“, bereitet er die Grazer doch auf Weihnachten vor. „Stille Nacht“ peitscht er mit Turbo-Tempo durch, „Still Still Still“ singt  (na ja, eigentlich brüllt er mehr) Gitarrist Kuddel, weil da muss Campino Triangel spielen und wäre „mit zusätzlichem Gesang überfordert“.

Vielleicht haben die Toten Hosen schon mal konzentrierter und kompakter geklungen, als hier in der Stadthalle. Campino versingt sich, brüllt sich zwischendurch heiser. Egal. Auf Details lauscht man bei dieser Band zu Hause, wenn die CDs erschallen. Hier geht es um die Gaudi am Mitmachen, ums Zelebrieren der Hymnen, die einen schon so lange begleitet haben. Von einer Band, die über all die Jahre, Teil des Lebens geworden ist, die es heute Abend einmal mehr geschafft hat, vom zweiten bis zum letzten Song, das alte Fieber zum Glühen zu bringen.

KURIER-Wertung: ***** von *****

(KURIER) Erstellt am
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