"Die Tanzstunde" in den Kammerspielen: "Ein Überfall von Nähe!"

Katharina Klar und André Pohl in "Die Tanzstunde" in den Kammerspielen.
Über das Tanzen lernt man in dem Stück von Mark St. Germain wenig, über Vorstellungen von Autismus einiges.
Alles, was sie im Leben wollte, war in einem Augenblick zerstört. Ein Taxi raste auf den Gehsteig und in Broadway-Tänzerin Senga Quinn hinein. Zertrümmerte ihr Knie. Unmöglich zu operieren. Aus der Traum vom Tanzen. Sengas Leben, glaubt sie, ist vorbei. Sie könnte es auch gleich selbst beenden. Stünde da nicht dieser lästige Typ vor ihrer Tür. Der Nachbar von oben.
Ever Montgomery, Professor für Geowissenschaften am New York Institute of Technology. Er kommt gleich zur Sache. „Habe ich Sie beim Selbstmord unterbrochen?“

Keine Witze 

Montgomery ist in Vielem ein Genie. Bloß die Dinge, die angeblich alle können, fallen ihm schwer. Lügen kann er nicht. Auch Notlügen sind ihm fremd. Witzemachen kann auch nicht. Professor Montgomery versteht keine Witze, also macht er auch keine. Vor allem aber Körperkontakt ist unmöglich. Händeschütteln. Oder gar Küssen – „ein Überfall von Nähe.“  Berührungen sind das Schlimmste für den Professor. Nun aber muss er zu einer Preisverleihung. Eine Abendveranstaltung mit Tanz. Was tun? Der Hausmeister hat ihm von dieser Tänzerin erzählt. Ever Montgomery klingelt also an Senga Quinns Tür und bietet ihr unglaubliche 2153 Dollar für eine Tanzstunde. Er will einen Tanz lernen, etwas „Einfaches, das rasch vorbei ist.“ Senga lehnt erst ab, doch die Neugierde siegt. Wer ist dieser Mensch?
Ever Montgomery hat das Asperger-Syndrom, eine Form von Autismus. Er hat ein überempfindliches Sinnessystem. Soziale Kontakte und Kommunikation laufen bei ihm anders als bei den meisten Menschen ab. Benachteiligt fühlt er sich nicht. „Wir Aspis sind verschieden.“
 
Langsam, ganz langsam nähern sich die beiden einander an. Sie üben Händeschütteln. Üben Witze. Üben Nähe. Seine gnadenlose Ehrlichkeit sorgt für Gags, aber auch für Tiefe. Ihre Unfähigkeit, eine neue Lebensperspektive abseits des Tanzens für sich zu finden, kommentiert er mit der knappen Feststellung: „Sie sind selbstfixiert“.

Die Idee von "Normalität" 

Über das Tanzen lernt man hier wenig, über die Frage, was „normal“ ist, einiges. Mark St. Germains Stück „Die Tanzstunde“, 2014  in den USA uraufgeführt, bedient viele Vorstellungen, die man sich landläufig von Autismus macht. Das Stück basiert im Grunde auf einer einzigen Idee: Der von angeblicher „Normalität“. Immer schon ein guter Nährboden für Komödien. Das Konzept geht hier ganz gut auf. Gute Witze, gute Unterhaltung und ein bisschen Tiefgang. Alles recht vorhersehbar, aber gerade das kann ja manchmal ganz gut tun.
André Pohl und Katharina Klar sind ein sympathisches ungleiches Paar. Bei der Premiere am Samstag wirkte manches, insbesondere die Tanzszenen, noch einen Hauch schwerfällig (Regie: Folke Braband, Choreographie: Daniela Mühlbauer). Stephan von Wedel überzeugt mit dem Bühnenbild: Senga Quinns kleines New Yorker Apartment besteht aus einem  ungemachten Bett, ein paar Umzugskartons und dahinter der Skyline von New York, die immer wieder zur Projektionsfläche für Montgomerys Gedanken wird: Alles, was Senga ihm erzählt, wird dort sofort weitererforscht: Ihr kaputtes Knie, ihre Sehnsucht nach Tanz, nach Fred Astaire und „Singin’ in the rain“.
 
Gegen Ende heißt es: „Tun wir so, als hätten wir Hände geschüttelt. Wie Freunde.“ Daran ist rein gar nichts auszusetzen.

Kommentare