Theater im Gasthaus Birner: "Ihr wollt’s mein Schnitzel umvolken"
Miriam Strasser, Isabella Knöll, Florentin Groll
Menschen sind mehr als ihre politische Meinung. Auch mit Andersdenkenden sollte man immer im Gespräch bleiben.
Was aber, wenn diese „Andersdenkenden“ ein Neugeborenes mit Migrationshintergrund als Ungeziefer bezeichnen? Ein Neujahrsbaby namens Asel mit einer eierlegenden Assel vergleichen und hoffen, bald werde „gesäubert“? Wenn sie dafür tausende Likes, Herzerln und sonstige Beifallsbekundungen bekommen? Und zwar nicht nur von rechtskräftig verurteilten Neonazis und Holocaustleugnern, sondern von „ganz normalen“ Leuten, darunter Bezirkspolitikern? So geschehen in der Facebook-Gruppe „Ich wohne auf der richtigen Seite der Donau“.
Will man, muss man mit ihnen im Gespräch bleiben?
Bernhard Dechant will. Er will es zumindest versuchen. Der Schauspieler und Regisseur glaubt daran, dass sich Menschen mit den richtigen Argumenten davon überzeugen lassen, dass Rassismus keine Meinung ist. Und dass niemand ihnen ihr Schweinsschnitzerl wegnehmen will.
Dechant weiß aber auch, dass das ein Kampf gegen Windmühlen ist. Über diese Zweifel sowie über die „künstlerische Erkenntnis, die in diesen Digitalisierungshöhlen“ zu gewinnen ist, hat der Nestroy-Preisträger ein Stück geschrieben und inszeniert. „Die richtige Seite“, Untertitel: „Eine dunkelbraune Groteske“, ist inspiriert vom Dramatiker Werner Schwab und einer realen Facebook-Gruppe, in der Rechte und Verschwörungstheoretiker mit Menschen mit, wie es heißt, „unterschiedlichen Weltanschauungen“ zusammenfinden.
Am Donnerstag hatte das Stück im Floridsdorfer Gasthaus Birner Premiere. Je nachdem, wo man wohnt, hört sich das für manche ziemlich weit weg an. Ist es nicht. U6 und ein paar Minuten zu Fuß. Die Reise lohnt sich. Dieses Stück ist fantastisch. Klug, komisch und unfassbar gut gespielt.
Der Reihe nach. Die Facebook-Gruppe „Ich wohne auf der richtigen Seite der Donau (21/22 Bezirk)“ hat mehr als 20.000 Mitglieder. Darunter viele sogenannte besorgte Bürger. Sie halten sich für Widerstandskämpfer gegen ein jede Freiheit raubendes „System“, das wahlweise in der EU, in der großen Koalition, und bei Linken aller Art verortet wird.
Bernhard Dechant ist seit acht Jahren Mitglied dieser durch eine parlamentarische Anfrage 2018 zu zweifelhafter Berühmtheit gelangten Gruppe. Warum? Er will ihren Hass ergründen. Wissen, woraus er sich speist.
Im Stück fungiert ein Wirtshaus als Gruppe. Das Regime führt eine resche Wirtin (Babett Arens). An den Stammtischen tauschen sich die Gruppenmitglieder aus. Da ist der betagte Herr Jürgen (Florentin Groll), der früher bei Puch gearbeitet hat und davon überzeugt ist, man wolle ihm seine schöne alte Motorrad-Sammlung wegnehmen und daraus Windräder bauen. Er hat „das Land allein aufgebaut“ und heute „mehr Angst vor Regenbogen als damals vor den Alliierten“.
Da ist der stets kurz vor der Explosion stehende Herr Karl (Didi Kern), dessen Wut nur besänftigt wird, wenn er die „Winnetou“-Musik hört. Da ist seine Gefährtin, die Herta, die höchstwahrscheinlich von ihm gehaut wird, ihn aber energisch gegen die „ultra Woken“ verteidigt, und wenn sie gegen „die Linken“, denen „unsere Kinder wurscht sind“, plärrt, dann platzt sie fast aus ihrer Plastiklederhose, obwohl sie so dünn ist, so groß sind ihr Zorn und ihr Schmerz. An dieser besonders überzeugenden, ja wirklich herzergreifenden Figur zeigt sich das ganze Dilemma: Egal, wie verrückt es ist, was sie sagen: Sie sind Menschen.
Das dicke Riesenbaby
Das trifft auch auf Schweindi (Thomas Frank) und Hasi (Betty Schwarz) zu, beide in zarttürkisen Trainingsanzügen und pinken Crocs (Kostüme: Gudrun Lenk-Wane): Über ihren grotesken Unfug lacht man hier am meisten. Schweindi fürchtet sich, so scheint es, vor nichts mehr als davor, dass man ihm sein Schweinsschnitzerl wegnimmt: „Ihr wollt's mein Schnitzel umvolken“.
So harmlos, wie es ausschaut, ist das dicke Riesenbaby aber nicht. Schweindi postet gern Bilder von Hühnerkeulen, die er wie ein Hakenkreuz in der Pfanne anordnet. Und er vergleicht Neugeborene mit Migrationshintergrund mit Ungeziefer. Belohnung für all diese Sprüche erfolgt in Form von Likes, Herzerln und Kommentaren, am besten mit fünf Ausrufungszeichen. Ausgeteilt vom hysterischen Chatbot Fotzi (Johnny Mhanan).
Sie alle wirken wie vom Brachial-Dramatiker Werner Schwab erfunden, basieren aber auf echten Menschen. Ihnen entgegenstellen sich Bernhard Dechant (als er selbst) und Miriam Strasser als „Antifa“. Sie versuchen, zu argumentieren. Man nennt sie dafür „Nestbeschmutzer und Brunnenvergifter“, finanziert vom Staat, „während Omas Pfandflaschen sammeln gehen müssen“.
Klingt völlig absurd? Grell, grotesk und unterhaltsam ist dieser Abend. Man lacht viel, bildet sich gern ein, das alles wäre nur Theater. Ist es nicht. „Die richtige Seite“ ist tatsächlich das Stück zur Stunde.