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Kultur
10/29/2012

Die Schuldlosen - Von Hermann Broch

Hermann Broch verflicht in mehreren Erzählungen kunstfertig Einzelschicksale aus den Jahren 1913, 1923 und 1933.

Hermann Broch war einer der produktivsten und bedeutendsten, aber auch einer der immer wieder vergessenen österreichischen Autoren. Neben seinen großen und umfangreichen Prosa-Werken "Der Tod des Vergil" oder "Die Schlafwandler" schrieb er eine Reihe theoretischer Abhandlungen zur Literatur, zur Politik und zur Philosophie. Als eine Art "Einstiegs­droge" für seine Romane und Novellen kann der Band "Die Schuldlosen" gelten, ein "Roman in elf Erzählungen", wie es im Untertitel heißt, der über einen langen Zeitraum hinweg entstanden ist.

Der 1886 in Wien geborene Autor arbeitete von 1913 bis 1949 daran. Das Buch ist wie ein Kaleidoskop strukturiert in "Vor-Geschichten", die 1913 spielen, "Geschichten" von 1923 und "Nach-Geschichten", die im Jahr 1933 angesiedelt sind. So weit voneinander entfernt diese elf Erzählungen entstanden, so kunstvoll sind sie ineinander verflochten. Aus der Summe seiner Teile entstand schließlich ein – wie Broch es selbst formulierte – "niet- und nahtloses Kunstwerk".

Zusammengehalten werden die Erzählungen durch die Schilderung der Erlebnisse des Holländers A. in einer mittelgroßen deutschen Provinzstadt. Eine Geschichte, die 1933 endet und einzig in – von Broch surreal geschilderter – Gewalt enden kann. Zur zentralen Figur des Romans wird aber nicht A. – Sinnbild der anonymen Masse – sondern eine greise Dienstmagd, die sich in der "Erzählung von der Magd Zerline" zu Wort meldet. Sie ist eine Frau voller Triebe, derer sie sich nicht schämt, sie ist eine Urkraft, körper- und willensstark. Aber gerade weil sie so selbstbewusst ist, leidet sie umso stärker unter ihrer niedrigen sozialen Stellung: Mehr als dreißig Jahre lang bedient Zerline die Baronin Elvira, bis endlich auch ihre Stunde schlägt.

Vielschichtige Romanwelt

Viele andere Figuren mischen sich in diese vielschich­tige Romanwelt, etwa der deutsche Studienrat Zacha­rias, der die Deutschen als "Weltlehrmeister" feiert und großspurige Reden schwingt, sich zuhause aber als Pantoffelheld von seiner Ehefrau gängeln lässt. Eine weitere Episode im Roman, "Die Ballade vom Imker", schildert die Suche nach Sinn und sinnstiftender Tätigkeit eines Handwerkers, dem die Bindung an Geld und Lebenssicherheit – "um derentwillen der Mensch eng und unsicher in der Seele wird" – mehr und mehr "unnatürlich" scheint. Broch selbst bezeichnet all diese Figuren als durchaus unpolitisch – keine sei unmittelbar schuldig. Ihr Geisteszustand allerdings sei der Nährboden für die "Hitler-Katastrophe" gewesen, denn politische Gleichgültigkeit "… ist ethischer Perversion recht nah verwandt".

Er ahnte lange vor der Machtergreifung Hitlers, wohin dessen Ideologie führen würde. Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland wurde der Autor – als konvertierter Jude und verdächtiger Oppositioneller – verhaftet, konnte aber noch 1938 fliehen. Mit der Unterstützung von James Joyce, Thomas Mann und Albert Einstein gelang ihm die Emigration nach Amerika. Bis heute wirken seine Schriften nach, immer wieder berufen sich junge Autorinnen und Autoren auf dieses Universalgenie, das sich mit Psychologie und Literaturwissenschaft genauso auseinandersetzte, wie mit Mathematik oder theoretischer Physik.

Hermann Broch starb am 30. Mai 1951, ein Jahr nach der Veröffentlichung der "Schuldlosen" in New Haven, Connecticut.

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