Kultur
19.02.2018

Die "Schieß-Dome" als Mahnmäler

In Wien gibt es sechs Flaktürme. Jener im Esterházypark ist als Mahnmal bereits verloren. Die anderen zeugen von Schrecken, Hunger und Tod.

Das Haus des Meeres, 1958 eröffnet, war viele Jahrzehnte eine Art Gruselkabinett. Nicht nur, weil man Raubfische und giftiges Getier zu sehen bekam. Denn das Aquarium ist in einem Flakturm aus der NS-Zeit – und damit in einem Hochbunker – untergebracht. Mit seinen weit auskragenden Erkern, "Schwalbennester" genannt, hatte dieses Monstrum aus Stahlbeton etwas Bedrohliches.

Er wurde aber rund um das Jahr 1999 verschandelt und zur Kletterwand umfunktioniert, er bekam ein gläsernes Tropenhaus als Rucksack umgeschnallt. Man richtete, wie geschmackvoll, ein Foltermuseum ein. Und nun soll die Transformation zur Vergnügungsstätte vollendet werden. Kürzlich stellte der Betreiber seine bereits genehmigten Ausbaupläne vor. Dem Flakturm vorgelagert wird eine Kubatur mit Glasfassade, hinter der man geschickt die Vergangenheit versteckt. Nur die Ohrwascheln lugen noch heraus.

Auf dem Rendering sieht man einen fröhlichen Luftballonverkäufer – aber nicht mehr den Text, der 1991 von den Wiener Festwochen im oberen Teil aufgetragen wurde. Er stammt vom Konzeptkünstler Lawrence Weiner, 1942 in New York geboren, und lautet "Zerschmettert in Stücke (im Frieden der Nacht) / Smashed to pieces (in the still of the night)". Die Festwochen hatten damals nicht das Werk, sondern die Nutzungsrechte erworben – für eine unbestimmte, temporäre Dauer.

Doch nun regt sich Protest; weniger gegen den Ausbau der Attraktion, als gegen die Zerstörung von Weiners Botschaft. Eva Blimlinger, Rektorin der Akademie der bildenden Künste, forderte in einem öffentlichen Brief den "Stopp der Kunstvernichtung". Allerdings: Handlungsanweisungen wie jene von Weiner lassen sich nicht zerstören – und auch andernorts in Wien realisieren.

Weil er das Stadtzentrum als "eines der wertvollsten in Deutschland" erachtete, gab Adolf Hitler im September 1942 den Befehl, es mit Flakturmanlagen, wie sie bereits in Berlin und Hamburg errichtet worden waren, gegen Angriffe der alliierten Bomberverbände zu schützen. Sechs wurden hochgezogen: je ein Geschütz- und ein Leitturm im Arenbergpark und im Augarten, der Geschützturm in der Stiftskaserne und die dazugehörige Leitstelle im Esterházypark.

Grobe Klötze

Den Auftrag, die "Fliegerabwehrtürme der Deutschen Wehrmacht" zu konstruieren, hatte Friedrich Tamms, Architekt der Autobahnen, 1940 erhalten. 1965 schrieb er: "Ausgangspunkt der Planung war die Forderung der Luftabwehr, im Kerngebiet großer Städte eine Flakbatterie so aufzustellen, dass sie höher standen als die Firste der umgebenden Dächer. Da außerdem ein Schusswinkel mit bis 15 Grad unter der Horizontalen angenommen werden musste, war die Höhe der Aufstellung mit 40 bis 50 Meter über Straßenniveau fixiert. Unterhalb der schweren Flakgeschütze wurde eine Plattform für die Aufstellung von leichter Flak zur Bekämpfung von Tieffliegern verlangt."

Aufgrund dieser Vorgaben entstanden neben den schlanken Feuerleittürmen, auf denen die "Würzburg-Riesen", das Pendant zum Radar, installiert waren, grobe Klötze: Der Geschützturm im Arenbergpark, der vom MAK als Depot verwendet wird, ist noch ein solcher. Die anderen beiden aber, weiterentwickelt und komprimiert, sind 16-eckig (Durchmesser: 37 Meter). Und bei allen führt zehn Meter unter dem Plateau eine Galerie mit mit den Erkern rundum.

Die Türme verfügten, wie Tamms schrieb, "über Eigenbrunnen, eigene Kraftwerke und waren gegen Kampfgase sowie Sprengstoffe vollkommen abgeschirmt. Sie waren in jeder Weise gegenüber der damaligen Waffentechnik autark." Und damit die letzten Burgen des Abendlandes: In ihnen befanden sich Schutzräume für die Bevölkerung, Krankenhäuser, Lagerräume für Kulturbesitz. Sie waren bis ins letzte Detail (z.B. Klimatisierung) durchdacht.

Totenburgen

Und die Standorte hatte man bewusst gewählt: Trigonometrisch angeordnet, umschließen die Türme die Altstadt innerhalb des Rings. Zudem achtete Tamms auf städtebauliche Gegebenheiten. Der Geschützturm in der Stiftskaserne z.B. bildet den Abschluss des symmetrisch angelegten Kaiserforums. Otto-Wagner-Schüler Hans Mayr entwarf 1902 für diesen markanten Punkt auf dem Spittelberg eine Kathedrale. Tamms, der die Türme euphemistisch "Schieß-Dome" nannte, hatte Ähnliches im Sinn: Nach dem "Endsieg" sollte der Zweckbau in den Kreis der "Totenburgen", die Wilhelm Kreis, Generalbaurat für die Gestaltung deutscher Kriegerfriedhöfe, ersonnen hatte, eingegliedert werden. Der Flakturm in der Stiftskaserne wäre entlang der Kante der Plattform mit schwarzem Marmor ummantelt worden. Er hätte dann wie das Castel del Monte in Apulien gewirkt oder das Theoderichgrabmahl in Ravenna: Tamms führt sie als Beispiele in seinem Beitrag über "Das Große in der Baukunst" an. Zudem sollten Hitlers Bauten dann noch ihren symbolischen Wert besitzen, wenn sie den praktischen schon verloren hätten: Der Flakturm wäre eine Totenburg, ja ein Kunstwerk geworden.

Denn für Adolf Loos gehörte nur ein kleiner Teil der Architektur der Kunst an: das Grabmal und das Denkmal. "Alles andere, alles was einem zweck dient, ist aus dem reiche der kunst auszuschließen." So gesehen, ist der Flakturm im Esterházypark, genutzt als Aquarium, schon lange kein Denkmal mehr. Der eine oder andere hingegen erinnert mit nacktem Stahlbeton sehr wohl an Schrecken, Hunger und Tod.

Doch kaum jemand will von den "grässlichen Ungetümen" an die fürchterliche NS-Zeit erinnert werden. Schon die Russen hätten versucht, den Geschützturm im Augarten zu sprengen. Relativ erfolglos. Immer wieder meldeten sich Sprengmeister, die vorgaben, es doch zu können, und eine Schweizer Firma wollte die Flaktürme mit Laserkanonen zerschneiden.

Zudem beflügelten die grauen Monolithe die Fantasie. Hans Hollein setzte 1960 wilde Kubaturen drauf, Johannes Spalt und Friedrich Kurrent wollten den Stadtkern mit "Kerzen" auf den Flaktürmen optisch fixieren, 1976 reizte es Christo, jenen im Esterházypark einzupacken – und "die schwere und massive Struktur zum Verschwinden zu bringen".

Champignonzucht

Ideen gab es genug: Man ersann ein Studentenhaus für Musikbeflissene, die ungestört hätten Krach machen können, man wollte den Versuchsreaktor unterbringen, überlegte einen Hubschrauberlandeplatz, träumte von einer Champignonzucht.

Man schlug ein Hallenbad vor, dachte an Garagen und Appartementanlagen. Vor allem aber: Man wollte die Flaktürme ummanteln und verkleiden. Friedrich Achleitner sagte schon vor Jahrzehnten: "Ich könnte mir vorstellen, dass man ein Aussichtsrestaurant draufmacht oder einen Turm umnutzt, das ist klar, aber umbauen und den Augarten damit versauen, dagegen spreche ich mich aus." Zum Glück wurde, abgesehen vom Haus des Meeres, nichts realisiert. Die Türme sind Mahnmäler. Auch ohne den Text von Weiner.