© Markus Proschek

Kultur
04/09/2021

Die radikalen Mutationen rechtsextremer Ästhetik

Die Codes demokratiefeindlicher Kräfte werden immer subtiler. Neue Kunst nimmt sie unter die Lupe

„Wir müssen die Sprache des Faschismus lernen“, konstatierte der Journalist Jeff Sharlet vor Kurzem unter dem Eindruck der Erstürmung des US-Kapitols am 6. Jänner. „Wir müssen sie gerade gut genug lernen, um sie niemals sprechen zu müssen, genauso, wie Wissenschafter Viren studieren, um Impfstoffe entwickeln zu können.“

Das Unterfangen ist allerdings kaum weniger komplex als die medizinische Herausforderung: Denn die Codes, mit denen sich demokratiefeindliche Kräfte heute verständigen und in neue Gesellschaftsschichten verbreiten, mutieren teilweise schneller als so manche Virenstränge. Sie treten oft als harmlose Zeichen in Erscheinung und entfalten ihre zersetzende Wirkung erst nach und nach.

„Das Neue an den Neuen Rechten ist ihr Design“, erklärte der Kulturwissenschafter Daniel Hornuff in einem 2019 erschienenen Essay, in dem er die Anpassungsfähigkeit der Radikalen analysierte. Seitdem haben sich Rechte die Corona-Skepsis zunutze gemacht und viele neue Masken aufgesetzt: Die Anmutung von Regenbogenfahnen schwingenden Hippies, naturnahen Esoterikern oder schnittigen Hipstern ist längst kein Garant mehr dafür, dass eine Person nicht extrem rechtes Gedankengut pflegt. Die Zeit von Springerstiefeln, Nazi-Fahnen oder auch nur rechts codierten Modemarken scheint vorbei.

Alter Inhalt, neue Form

„Transformation und Wiederkehr“ heißt eine neue Ausstellung im Linzer Lentos Museum (bis 6. 6.), die das Phänomen aus der Perspektive der Kunst zu fassen versucht. Der Kurator Markus Proschek ist auch Künstler und hat sein Konzept gleich auf Leinwand gemalt: Sein Werk „Laminat (Opfer)“ simuliert eine teilweise abgerissene Plakatwand. Das Bild „Und aus dem Opfer des Krieges entsteht das neue Europa“ von Wilhelm Dachauer, dessen Original 1944 von Hitler erworben worden war (und heute verschollen ist), bildet den Vordergrund, dahinter blitzt das Symbol der Identitären hervor: Begriffe wie „Opfer“ und „Neues Europa“ seien noch immer Leitmotive der heutigen rechten Szene, erklärt Proschek dazu. Die Propagandasprache wird aber ständig überklebt und überschrieben – „Palimpsest“ ist ein alter, heute aber wieder aktueller Begriff dafür.

In der zeitgenössischen Kunst fühlt auch die aus Ostdeutschland stammende Henrike Naumann der neurechten Ästhetik auf den Puls: Im Belvedere 21 installierte sie zuletzt eine banal wirkende Möbelhaus-Landschaft, in die versteckte Symbole wie die Flagge der „Reichsbürger“ oder Wikingerhörner eingewoben waren. In Linz zeigt sie einen Stuhl des Bauhaus-Künstlers Marcel Breuer, der zu einer Waffe umgebaut wurde: Hintergrund bildet die Szene der sogenannten „Prepper“, die einen unmittelbaren Zusammenbruch der Gesellschaft erwarten und alles Verfügbare nutzen, um sich dafür zu rüsten.

Todessehnsucht und Sex

Die bestimmenden Kräfte der Rechts-Ästhetik sind dabei nicht neu: Dass totalitären Ideologien eine „Todessehnsucht“ innewohne und ihre Anhänger die Erfüllung in einer Welt sehen, in der alles bereits in Ruinen liegt, habe etwa schon Elias Canetti beschrieben, erläutert Künstler-Kurator Proschek.

In seiner Schau im Lentos bringt er noch eine starke sexuelle Komponente in die Betrachtung ein: Der Befund des Psychoanalytikers Wilhelm Reich, wonach Totalitarismus ein Ersatzventil für unterdrückte sexuelle Energien sei, macht auch die Utensilien von Dominanz und Unterwerfung – Ledergürtel, Ketten, Sadomaso-Zubehör – zu rechten Codes. Ein Video der Schwedin Annika Larson, in dem zwei Männer und ein Hund gezeigt werden, bringt diese Ästhetik in einen abstrakten Raum, in dem nicht klar ist, wer wen dominiert. Dass nicht jeder Sadomasochist gleich Faschist ist, sollte allerdings dazu gesagt werden: Codes und Rituale haben stets auch das Potenzial, zweckentfremdet zu werden.

Kunst als Lupe

Am ehesten kommt der bildenden Kunst in der Auseinandersetzung mit der rechten Ästhetik von heute die Rolle eines Vergrößerungsglases zu. Statt mit Hitlergruß und Hakenkreuz zu provozieren, lenken Künstlerinnen und Künstler heute den Blick darauf, wie Bilder und Vorstellungen in den Alltag einsickern: Manche sind martialisch und provokant, manche zeichnen nur ein Bild einer konservativen Idylle und werden erst durch den Kontext zur Propaganda.

Dass sich die Gegenseite derweil in Debatten ergeht, was noch unverfänglich gesagt und gezeigt werden kann (Stichwort „Cancel Culture“), sieht Kurator Proschek potenziell als Problem. „Das Transgressive, Grenzüberschreitende ist den Linken abhandengekommen“, sagt er. „Die Rechten können dagegen aus dem Vollen schöpfen.“

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