Kultur
28.07.2018

Die neue "Zauberflöte": Zu Hilfe! Zu Hilfe!

Salzburger Festspiele – die Kritik. Die Premiere der Mozart-Oper mit neuen musikalischen und szenischen Zugängen enttäuschte

Wow, das war was! Action an allen Ecken und Enden, ein Effekt nach dem anderen, auf der Bühne wie im Orchestergraben. Bumm, Zack, Knuff in der von US-Comics (Winsor McCay) inspirierten Inszenierung. Falls Sie diese „ Zauberflöte“ in Salzburg erlebt haben, schenken wir Ihnen zur Erholung ein bisschen Ruhe und Leerraum. Damit nicht alles so voll gerammelt ist wie auf der Bühne des Großen Festspielhauses . . .

 

 

 

So, einmal tief Luft geholt habend, versuchen wir zu analysieren, was sich da alles abgespielt hat. Ja, ABGESPIELT, denn diese „Zauberflöte“ ist möglicherweise ideal für Kinder (die echte ist alles andere als ein Kinderstück), für viele Musikliebhaber aber problematisch. Zu Hilfe! Zu Hilfe!, möchte man in manchen Momenten rufen. Aber der Reihe nach.

Die Salzburger Festspiele 2018 haben also diese Mozart-Oper als erste Großpremiere angesetzt. What else, werden vielleicht einige sagen, ist ja eine Bank in Salzburg. Das Gegenteil ist wahr. „Die Zauberflöte“ ist eines der riskantesten Werke der Opernliteratur und geht bedeutend öfter schief als gut. Fast jeder Besucher hat eine Vorstellung, wie „Die Zauberflöte“ auszusehen und sich anzuhören hat. Und das ist mit einem zeitgemäßen theatralischen Zugang nicht immer zu vereinbaren.

Die Festspiele haben eine Hoch-Risiko-Variante gewählt. Eine Art 160-km/h-Mozart-Teststrecke. Risiko ist in der Kunst (anders als auf der Autobahn) unerlässlich. Leider haben sie diesfalls Schrammen abbekommen.

Wie soll Mozart heute klingen? Wie bläst man die Schwere etwa einer historischen Karl-Böhm-Interpretation weg? Welcher Weg ist nach Harnoncourt möglich? Und welches Orchester soll überhaupt spielen, nachdem die Originalklang-Spezialisten sich immer breiter machen?

Der Dirigent

Diesbezüglich machen die Festspiele einiges richtig: Sie setzen auf die Kompetenz der Wiener Philharmoniker und konfrontieren diese musikalische Instanz mit einem Dirigenten mit radikal neuen Zugängen. Constantinos Carydis am Pult der Spitzenmusiker schafft mit dem klein besetzten Klangkörper auch einen transparenten, schlanken, eleganten, niemals üppigen oder gesüßten Mozart-Klang. Der Weg mit diesem talentierten, gestaltungswilligen Dirigent ist also nicht grundsätzlich falsch.

Allerdings gehen auf diesem zentrale musikalische Parameter verloren. Die Tempi von Carydis etwa sind aberwitzig. Schon in der Ouvertüre so schnell, dass selbst die Philharmoniker an ihr Limit gepeitscht werden. Bei vielen Arien extrem gehetzt, sodass die Sänger vor riesige Hürden gestellt werden. Dann wieder geradezu absurd langsam. Das wirkt, obwohl offenbar lange geprobt, willkürlich, beliebig, erzeugt wenig Spannung und keinen großen Bogen.

Dass auch in die Partitur eingegriffen wird, ist noch schlimmer. Warum etwa die letzte Strophe des Papageno-Auftrittsliedes nur von Hammerklavier und Cembalo gespielt wird, ist unverständlich. Besonders seltsam ist, dass die Freimaurer-Rufe und sogar einige Chorpassagen vom Band kommen. Hier überlagert das Konzept das Werk, was niemals gut ist. Diese „Zauberflöte“ ist ebenso heikel wie die „Titus“-Produktion 2017 unter Teodor Currentzis.

Die Sänger

Gesungen wird solide, jedoch nicht auf einem Niveau, wie man es sich bei Mozart in Salzburg wünschen würde. Mauro Peter ist ein unauffälliger Tamino, ohne viel Ausstrahlung. Christiane Karg singt die Pamina schön in der Höhe, allerdings recht eindimensional. Albina Shagimuratova hat alle Töne für die Königin der Nacht und würde in ihrer ersten Arie die Koloraturen bestimmt noch besser singen, würde sie von Carydis nicht so gejagt. Adam Plachetka ist ein Mittelklasse-Papageno, Maria Nazarova eine brave Papagena. Die drei Damen und der Chor singen gut. Das größte Problem ist die Besetzung von Matthias Goerne als Sarastro. Ihm fehlt eindeutig die Tiefe für diese Partie.

Die Regie

Die Inszenierung von Lydia Steier basiert auf einem theatralisch klugen Gedanken: Sie streicht die Dialoge und baut stattdessen eine Rahmenhandlung um einen Großvater, der seinen Enkeln eine Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Die drei Knaben werden mehr und mehr selbst zu Protagonisten. Diese Idee nimmt dem Libretto einige Längen.

Klaus Maria Brandauer (eingesprungen für Bruno Ganz) spielt den Erzähler mit Buch im Ohrensessel zurückhaltend, uneitel, manchmal etwas unbeteiligt. Warum er auch in die Musik reden muss, ist unverständlich. Die drei Knaben (Jeong-min Lee, Matthew Helms, Philipp Rumberg) sind dauernd präsent und famos.

Schauplatz ist ein Wiener Palais im Jahr 1913. Mehr und mehr spielt sich die Handlung aber auf einem Jahrmarkt ab, mit Sarastro als Zauberer, mit Artisten, Clowns, Messerwerfern, mit einem Feuerwerk an Effekten, ohne viel Substanz. Die voll gerammelte Bühne (Katharina Schlipf) besteht großteils aus Metallgerüsten, die beim Verschieben manchmal krachen. Während der Feuer- und Wasserprobe tauchen Tamino und Pamina in Schockbilder des Ersten Weltkrieges ein, am Ende fährt die Königin per Panzer auf, Monostatos (sehr gut: Michael Porter, der diesmal ganz weiß statt schwarz ist) wird erschossen. Ein bissl politisch muss es wohl sein. Aber auch da hat man den Eindruck, dass eine Idee die andere überholt und es am Ende des Regie-Highways staut. Dieser Mozart bräuchte eine Rettungsgasse.

Über die Figuren erfährt man wenig, am meisten noch über Papageno, den Fleischhauer mit großem Suppenhuhn. Auch sie werden vom Konzept erstickt.

Eine höchst Moz-artifizielle Produktion.