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Kultur
09/22/2012

Die neue Mission zweier Weltstars

Sängerin Cecilia Bartoli im Interview: Über ihr Projekt mit Bestsellerautorin Donna Leon, Raritäten, Starglanz und die Salzburger Festspiele.

Wenn Cecilia Bartoli eine neue CD präsentiert, ist das vom Aufwand und vom Medieninteresse fast so, als würden die Beatles wieder auferstehen und gemeinsam mit Elvis vor den Vorhang treten: Es ist nicht nur inszeniert wie ein Ereignis, es ist auch ein solches.

Schloss Schleißheim bei München. Ein Barockjuwel von gigantischer Größe, 20 Kilometer nördlich der Stadt, nicht sehr bekannt. Aber gerade das Unbekannte hat Bartoli, die sich stets jenseits ausgetretener Pfade bewegte, fasziniert.

In München lebte vor weit mehr als 300 Jahren ein Komponist namens Agostino Steffani (1654–1728). Geboren in Castelfranco Veneto, sang er schon mit elf Jahren an der Oper in Venedig. Dort hörten ihn bayerische Adelige, die ihn an den kurfürstlichen Hof nach München brachten. Später landete er in Hannover und in Düsseldorf. Allerdings nicht primär in seiner Profession als Komponist, sondern als Diplomat und Kirchenmann.

Diesen Steffani hat Bartoli nicht nur wiederentdeckt, sondern auch wiederbelebt: mit einem noch nie da gewesenen musikalischen Projekt. Sie selbst singt auf der CD "Mission" Arien des vergessenen Komponisten, die Barockspezialistin Donna Leon schrieb dazu das Buch "Himmlische Juwelen".

Heldin im Computer

Außerdem gibt es erstmals im Bereich der klassischen Musik eine App, mit der man das Leben des Komponisten nachspielen kann und zur Belohnung Bartoli singen hört.

Aber zurück nach Schleißheim, wo Bartoli, der Klassikstar, der mehr CDs als alle anderen verkauft, ihr Projekt präsentierte: Im Rahmen eines Galakonzertes im Festsaal des Schlosses, begleitet von Diego Fasolis am Pult des Orchesters "I Barocchisti", und mit Countertenor-Star Philippe Jaroussky, der für ein einziges Duett mit Bartoli angereist war. Danach gab es im Schlosshof noch ein barockes Feuerwerk mit Bartoli aus den Lautsprechern. Eine solche Show bietet sonst niemand im Klassik-Bereich.

"Dieses Projekt hat so viel Freude gemacht", sagt Bartoli im KURIER-Interview. Aber wie stieß sie überhaupt auf diesen Künstler? "Das war schon vor Jahren. Ich habe mich immer für Komponisten am Ende eines Jahrhunderts interessiert, so etwa auch für Gluck. Und bei meiner Recherche für mein damaliges Projekt ,opera proibita" bin ich auf Steffani gestoßen. Aber da gab es nur Duette. Und ich konnte nicht glauben, dass jemand, der so wunderbare Musik komponiert, nur Duette geschrieben hat. Also machte ich mich auf die Suche."

Recherchen in Wien

Bartoli kontaktierte Musikwissenschaftler, begab sich in Bibliotheken und wurde fündig. "Auch in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien gab es einiges."

Wie würde Bartoli Steffani musikalisch einordnen? "Er ist ein Genie. Und er klingt wie der Opa von Händel."

Händel war auch die Brücke zu ihrer Freundin Donna Leon, die sie damit zu einem Roman über dieses Thema verführen konnte (siehe Seite 32) . "Dove c’è Händel, c’è Donna", sagt Bartoli in charmantem Italienisch. Keine Händel-Aufführung ohne Frau Leon. "Nur bei Vivaldi sind wir uns nicht immer einig", lächelt Bartoli.

Bei Steffani, der also Compositeur, Diplomat, möglicherweise Kastrat, ziemlich sicher Kirchenmann und auch Heiratsvermittler war, gebe es neben den biografischen Geheimnissen eine "musikalische Transzendenz", so Bartoli. "Er erhebt sich mit seinen Werken von der Erde. Aber nicht zu Gott, sondern zu den Sternen."

Auf dem Cover der CD ist Bartoli mit Kreuz und Glatze zu sehen, was ihren uneitlen Zugang beweist. "Wenn es ums Cover der Vanity Fair geht, sind andere Fotos gefragt. Aber hier geht es doch nicht um Schönheit, um Starglanz, sondern um Wahrhaftigkeit. Und um einen seriösen, aber auch humorvollen Zugang. Warum sollte denn in der Klassik nicht Platz für Humor sein?"

In zahlreichen Ländern ist Bartoli mit ihren CD-Verkäufen immer wieder in den Pop-Charts, insgesamt hat sie schon weit mehr als zehn Millionen Tonträger verkauft. Braucht es, um solche Zahlen zu erreichen, eine derartige Inszenierung bis hin zu Computer-Apps?

"So etwas muss man ordentlich oder gar nicht machen. Steffani verdient das. Es stimmt auch nicht, dass es so schwierig ist, CDs zu verkaufen. Es ist nur schwierig, immer wieder dasselbe zu verkaufen. Ich hätte in der Zeit, in der ich mich damit beschäftigt habe, mindestens drei Best-of-Rossini CDs machen können. Aber wen interessiert das schon?"

Pläne für Salzburg

Auch bei den Salzburger Pfingstfestspielen, wo sie zuletzt als Cleopatra in Händels "Giulio Cesare" für Furore sorgte, geht sie ungewohnte Wege. Im kommenden Jahr etwa wird sie als Bellinis "Norma" auf der Bühne stehen – eine Rolle, die zuletzt immer mit Sopranen (meist sogar dramatischeren) besetzt wurde und die man mit der Mezzosopranistin Bartoli nicht in Verbindung bringt.

"Bei der Uraufführung hat Giuditta Pasta die Norma gesungen. Das war eine Rossini-Sängerin, die ein ähnliches Mezzo-Repertoire hatte wie ich. Und die Adalgisa war Giulia Grisi, ein leichter Sopran. Heute ist es zumeist umgekehrt. Aber wir wollen wieder zurück zum Original von Bellini. Die Tradition ist schon wichtig. Aber noch wichtiger ist der Wunsch der Komponisten", sagt Bartoli.

Dass sie überhaupt zum Job einer künstlerischen Leiterin der Salzburger Pfingstfestspiele kam, hat sie "sehr überrascht", weil sie niemals dachte, dass Alexander Pereira ihr das anbieten werde. "Diesen Job hatten immer nur Männer. Und die meisten waren Dirigenten. Ich dachte mir: Wenn ich das als erste Frau mache, muss ich auch das Thema Frau künstlerisch ins Zentrum rücken."

Auftritt im Musikverein

In Wien wird sie am 1. November im Musikverein mit Steffani-Arien zu hören sein. Ab 16. Februar 2013 singt sie im Theater an der Wien in Rossinis "Le comte Ory". In der Wiener Staatsoper ist vorerst kein Bartoli-Auftritt geplant, obwohl Direktor Dominique Meyer Barockmusik forciert. "Ich habe bei ihm in Paris gesungen", sagt Bartoli. "Ich würde mich freuen, wenn es an der Staatsoper auch einmal dazu kommt."

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