© Gerhard Deutsch, Repro

Kultur
09/28/2012

Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst

Serie (Teil 4) "Wenn man trotzdem lacht, Geschichten und Geschichte des österreichischen Humors. Heute: Nestroy.

von Georg Markus

Wenn es einen Vater des österreichischen Humors gibt, dann ist es Johann Nestroy. Es mutet wie ein schlechter Scherz an, dass in den Tagen, als er seine zeitkritisch-pointierten Werke verfasste, die Zensur so streng war, dass er mehrmals in den Arrest musste.

Mit der Obrigkeit bekam er schon durch seinen ersten Erfolg, "Lumpazivagabundus", Schwierigkeiten. Er spielte den Schuster Knieriem und der Komiker Wenzel Scholz den Schneider Zwirn. Scholz baute in eine Szene einen kleinen Floh ein und sagte, als er das lästige braune Tier in seiner Hosentasche zu finden schien, zum Publikum: "Es is a Kapuziner!"

Weil Verunglimpfungen kirchlicher Stellen verboten waren, ging Scholz wegen der Anspielung auf die braunen Kutten des Kapuzinerordens für acht Tage ins Gefängnis. Wieder frei und auf der Bühne, wiederholte sich das Spiel, Scholz suchte den Floh, fand ihn und sagte: "Es is der nämliche!"

Jeder wusste, was gemeint war, aber die Behörde konnte nicht einschreiten.

georg.markus@kurier.at

GESCHICHTEN

mit Geschichte georg markus Nestroy schuf mehr als 50 Stücke, in denen er zum Meister pointierter Sprachkunst wurde, wie zahllose, oft bis heute gültig gebliebene Weisheiten belegen:

Die Nächstenliebe beginnt bei sich selbst.

Der Mensch ist gut, die Leut’ sind ein Gesindel.

Kunst ist, wenn man’s nicht kann, denn wenn ma’s kann, ist’s keine Kunst.

Ich habe nur einen Grundsatz, und das ist der, gar keinen Grundsatz zu haben.

Es ist oft schwer, die Vaterschaft zu beweisen, wenn keine Muttermäler da sind.

Ich fühle mich nie weniger einsam, als wenn ich allein bin.

Die Perücke ist eine falsche Behauptung.

Wenn alle Stricke reißen – häng ich mich auf.

Ich hab einen Sesselträger kennt, der hat die dicksten Herren tragen können wie nix, und seine hagere Gattin war ihm unerträglich.

Die Schwierigen sind die Einfachen.

Man möchte Kannibale sein, nicht um den oder jenen aufzufressen, sondern um ihn auszukotzen.

Ein seichter Mensch find’t bald was tief.

I sag nicht aso und nicht aso, damit man nicht sagen kann, ich hab aso oder aso g’sagt.

Zu viel plauschen tun die Weiber erst wenn sie alt sind. Wenn sie jung sind, verschweigen sie einem zu viel.

Mit dem letzten Satz hat sich Nestroy eine Lebenserfahrung von der Seele geschrieben, da seine Frau mit einem Grafen durchging. Von da an lebte Nestroy mit der Schauspielerin Marie Weiler, der er selbst alles andere als treu war.

Ein Mädchen sitzen zu lassen, ist auf alle Fälle billiger als Heiraten.

Nestroy starb 1862 mit 60 Jahren in Graz und hatte selbst seinen Tod mit einer Pointe vorhergesagt:

Ich hör schon das Gras wachsen, in welches ich beißen werd.

Das neue Buch von Georg Markus

Der KURIER bringt Auszüge aus dem eben erschienenen Buch „Wenn man trotzdem lacht, Geschichten und Geschichte des österreichischen Humors“, in dem die großen Humoristen, Sa­tiriker und Kabarettisten durch ihre Pointen und Biografien lebendig werden. 352 Seiten, zahlreiche Abbildungen. Amalthea Verlag
€ 24,95. Erhältlich im Buchhandel oder – handsigniert vom Autor – im kurierclub.at

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