© GA.NG Records/Linda Weitzer

Kultur
11/02/2020

Die Müßig Gang hat die Konsumgesellschaft im Visier

Die Wiener Mundart-Band macht sich in dem Album "Massenlethargie" über Handy-Fetischisten und lethargische Mitläufer lustig

Irgendwann in den späten 80er-Jahren kam H. C. Artmann für eine Lesung in die Schule in der Wiener Boerhaavegasse. Im Publikum der damalige Schüler Rudi Gratzl, den das Event nachhaltig beeindruckte. „Damals habe ich gemerkt, dass das Wiener Idiom super ist, weil es einem so viele Möglichkeiten gibt, Gefühle und Stimmungen auszudrücken“, erzählt Gratzl, heute 46, im Interview dem KURIER.

Gerade hat er mit seiner Band Müßig Gang das neue Album „Massenlethargie“ veröffentlicht, und wie bei seiner zweiten Band Wienerglühn sind auch dabei alle Texte im Hauptstadtdialekt. Denn, wie sein Songwritingpartner, der umtriebige Rapper und Street-Art-Künstler Skero es beschreibt: „Wenn wir die Wiener Mundart hochhalten, geraten damit gewisse Begriffe vielleicht nicht so schnell in Vergessenheit. Außerdem kann man sich damit so gut von der Volksmusik abgrenzen. Die pocht zwar immer auf Heimat und alte Werte, gesungen wird aber immer nur in Hochdeutsch.“

Diese Art der „Kulturpflege“ betreiben Müßig Gang aber eher unbewusst. Im Vordergrund steht für das Quintett auch bei „Massenlethargie“, das musikalisch auf handgemachten Pop mit unterschiedlichsten Einflüssen setzt, die Balance zwischen entspannten Sounds, Humor, sozialkritischer Ironie und der Wiener Morbidität.

In der Gitarrenballade „Zerbrochen“, bei der der Sänger mehr und mehr den Tränen nahe kommt, merkt man erst zum Schluss, dass der Grund dafür nicht der schmerzhafte Verlust einer geliebten Person ist, sondern das gesprungene, zerbrochene Display des Handys.

Der Song „Verhatschter Samstag“ hat zwar das Wort Corona im Text, ist aber nicht wegen und in der Virus-Krise entstanden. „Wir hatten das Album schon vorher fertig“, erzählt Skero. „,Verhatschter Samstag’ war eigentlich ein Song über einen verkaterten Samstag, wenn man am Freitag fort war und am nächsten Tag ist tote Hose. Aber als dann der Lockdown kam, habe ich ihn umgetextet und angepasst.“

Sowohl Skero als auch Gratzl sind gut durch die Krise gekommen, hatten trotz wegfallender Auftritte keine die Existenz bedrohende Situation. Gratzl ist nämlich „im Brotberuf“ Lehrer, unterrichtet Deutsch und Musik.

Skero, der bürgerlich Martin Skerwald heißt und als Musiker bei der Gruppe Texta begann, hat mit dem Linzer Rapper BumBum Kunst das West-Coast-Soun-Album „Maasnbriada 2“ veröffentlicht, sich ansonsten aber auf seine Tätigkeit als bildender Künstler konzentriert. Er hinterließ Graffitis an diversen Wiener Plätzen, darunter dem Yppenplatz, organisierte in seinem Galerie-Atelier „Boutique Romana“ Ausstellungen anderer Künstler und entwarf auch Fliesen- und Stoffmuster.

Dass der Titelsong „Massenlethargie“ so perfekt in die Corona-Zeit passt, ist nur Zufall: „Das ist natürlich gerade ein hochaktuelles Thema“, sagt Gratzl. „Aber eigentlich spielt der Song auf den Konsumwahn an, auf dieses Mitlaufen mit Trends, von denen einem immer eingeredet wird, dass man mitmachen muss, wenn man erfolgreich sein will.“

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