"Die Macht folgt der Kunst"

Interview mit Jeff Koons, im Naturhistorischen Mus…
Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Jeff Koons sieht Kunst als Angebot zum „Dialog“ über Zeitgrenzen hinweg. Die Venus von Willendorf im Wiener Naturhistorischen Museum hat es dem US-Amerikaner angetan

Kunstmarktliebling Jeff Koons über seine Venus-Skulptur, Zeitreisen, seine Arbeitsweise und den Erfolg.

Mit 60 Jahren steht Jeff Koons auf einem Karrieregipfel: Eben ging in Bilbao die zuvor in New York und Paris gezeigte Retrospektive des weltweit teuersten lebenden Künstlers  zu Ende. Nun wurden seine Skulpturen im Zentrum von Florenz neben Renaissance-Idolen platziert. Im Naturhistorischen Museum Wien präsentierte Koons seine „Balloon Venus“: Die von der Venus von Willendorf inspirierte Skulptur ist dort bis 13. März 2016 zu sehen.

KURIER: Sie zeigten Ihre Werke zuletzt oft in historischem  Kontext  – Versailles, Florenz, Wien. Warum ist Ihnen das wichtig?
Es ging mir immer darum, an etwas teilzuhaben. Wann immer man eine Verbindung zu Dingen herstellt, wird  Information übertragen, und man kann so einen Eindruck gewinnen, wie es war, zu einer bestimmten Zeit zu eben. Und mich interessiert die Sterblichkeit und die Übertragung von Lebensenergie.

Interview mit Jeff Koons, im Naturhistorischen Mus… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Mit der Venus-Skulptur treten Sie in Dialog mit einem Objekt, das 29.500 Jahre alt ist.
Der Aspekt der Sterblichkeit wird hier visuell behandelt: Ballons verlieren ihren Druck, weil die Luft entweicht. Die Nachbildung eines echten Ballons in rostfreiem Stahl hält diesen sehr optimistischen Moment, erfüllt  von Lebensenergie zu sein, fest, macht ihn permanent. Man könnte sich  die „Ballon-Venus“ auch als ein rituelles Objekt vorstellen, das von Menschen des Paläolithikums aus einem Tierdarm oder einem ähnlichen Material gemacht wurde.

Welches Ritual macht Ihre Venus wertvoll? Die Platzierung im Museum? Oder der Geldwert?
Ich bin mit dem monetären Wert nicht befasst – sondern mit Sehnsüchten, Verführungen und all den Möglichkeiten, Kunst zu schaffen und mit Menschen in Dialog zu treten. Der Geldwert ist eine Abstraktion, etwas ganz anderes als die Kunst.

Interview mit Jeff Koons, im Naturhistorischen Mus… Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Würden Sie sich als bescheidene Person bezeichnen?
Ich denke schon. Am wichtigsten ist mir meine Familie, dann kommt meine Arbeit und die Möglichkeit, durch sie mit der Gemeinschaft, die mich umgibt, zu kommunizieren. Ich sammle Kunst, lebe aber nicht mit meinen eigenen Arbeiten. Meine Frau ist auch Künstlerin, und meine Kinder sollen wissen, dass die Kunst viel umfassender ist als die Welt ihrer Eltern. Wenn sie an Kunst denken, können sie an Manet, Dali oder an griechische Skulpturen denken.

Jeff-Koons: Werke des Skandal-Künstlers

Jeff Koons setzte sich in "Made in Heaven Starring: Jeff Koons and Cicciolina, 1989" mit seiner damaligen Ehefrau Ilona Staller in Szene.
Bild: Koons-Retrospektive im Centre Pompidou, Paris Kürzlich lief eine Koons-Retrospektive im Pariser Centre Pompidou. Hier im Bild: "Michael Jackson and Bubbles, 1988" aus Porzellan Mit einem seiner "Balloon Dogs" erzielte Koons im Jahr 2013 mit 58,4 Millionen Dollar einen Auktionsrekord.
Bild: "Balloon Dog (magenta) 1994-2000" "Cat on a Clothesline (yellow)" "Lobster" "Titi 2004-2009" "Hanging Heart (Red/Gold)1994-2000" "Gazing Ball (farnese Hercules)", 2013", und "Ballerinas", 2010 "Christ and Lamb 1988 gilded wood and mirror" "Bear and Policeman, polychromed wood (1988)" 1991 heiratete Jeff Koons die Pornodarstellerin Ilona Staller, bekannt als "Cicciolina". Mit einer Serie an Kunstwerken, welche die beiden in intimen Situation zeigen, erhöhten die beiden ihren Bekanntheitsgrad enorm.
Bild: "Ilona on Top" Foto aus der Serie "Made in Heaven" "Dirty-Jeff on top" (im Vordergrund) und "Burgeois Bust-Jeff and Ilona" im HIntergrund Für die Saison 2007/2008 gestaltete Jeff Koons den "Eisernen Vorhang" der Wiener Staatsoper.
Bild: "Geisha" Im Jahr 2000 wurde im Wiener Kasino am Schwarzenbergplatz das Rainald Goetz-Stück "Jeff Koons" aufgeführt (Katharina Schubert und Johannes Krisch) Jeff Koons posiert vor seiner Skulptur "Hanging Heart (Gold/Magenta)" (1994-2006) "Pink Panther'"(1988) "Pink Panther" wurde 2011 auf 20 bis 30 Millionen Dollar geschätzt. Jeff Koons vor "Monkeys (Chair)",  2003 "Fait d'Hiver" BMW M3 GT2, bemalt von Jeff Koons (2010) Serie "Inflatables" "Woman in Tub" (1988) "Woman in Tub" (1988) "Hulk (Organ)" "Two Ball 50/50 Tank " "Titi Tire", 2003-2010 "Diamond (Blue)" "Stacked" "Popeye Train (Birds)", 2009 "Yorkshire Terriers" "Elephant" und Ölmalerei "Lips" "ìMoon (Yellow)" Jeff Koons: Ein Meister der Selbstinszenierung

Sie beschäftigen viele Menschen, um Ihre Werke zu produzieren. Wann haben Sie zuletzt etwas gezeichnet oder geformt?
Ich schaffe jedes Werk. Es ist mein Design, und alle Systeme, die zur Produktion dienen, werden von mir genehmigt. Ich erfinde ständig neue Systeme, damit das Werk meiner ursprünglichen Idee so nah wie möglich ist.  Ich stehe in der Tradition von fast jedem Künstler der Vergangenheit – Michelangelo, Leonardo da Vinci, Botticelli, Courbet: Sie alle hatten Werkstätten. Erst nach der Französischen Revolution waren Künstler in der Situation des Bohemiens auf sich allein gestellt.

Kracher-48.jpg Foto: NHM Wien/Kurt Kracher Doch wenn ich Michelangelos Studien sehe, spüre ich in gewisser Weise die Hand des Künstlers. Von Ihnen habe ich noch nie eine grobe Skizze gesehen.
Ich sehe keinen Unterschied zwischen Kunst und Ideen. Eine Geste muss also keine körperliche Geste sein, es kann auch eine intellektuelle Geste sein. Ich kann etwa Monate damit verbringen, zu entscheiden, ob ein gewisses Stück einer Skulptur ein paar Zentimeter weiter links oder rechts sein soll – weil es einen emotionalen Unterschied macht, wenn man mit dem Objekt in Kontakt kommt. Ich bin an der Ausführung meiner Vision interessiert. Aber anstatt ein Jahr lang nur einen Stein zu behauen, kann ich in meiner limitierten Lebenszeit noch andere Ideen verfolgen.

Sie sprechen oft vom Dialog mit einer Gemeinschaft. Die Menschen, die Ihre Werke schätzen und sammeln, gehören zum  oberen „1 Prozent“ der Vermögenden. Denken  Sie  auch an die anderen 99 Prozent, wenn Sie von „Gemeinschaft“ sprechen?
Hat Leonardo das getan? Oder Michelangelo, Botticelli, Picasso? Oder Matisse? Oder  Manet? Sie alle waren Künstler, und an der Geschichte des Sammelns hat sich nichts geändert. Die Macht folgt der Kunst, denn die Leute interessieren sich für das Potenzial, das wir im Leben haben. Künstler widmen sich  diesen Fragen in einer poetischen Weise, daran ändert sich nichts. Wenn jemand dabei erfolgreich ist, wird er gewisse ökonomische Mittel haben, weil die Gemeinschaft will, dass er weitermacht. Wenn man in die Geschichte schaut, waren die Verhältnisse früher übrigens extremer als heute.

Folgt die Macht der Kunst, oder folgt die Kunst der Macht?
Das hängt von der Qualität der Kunst ab. Ich denke, es läuft in beide Richtungen, das hängt immer auch von den Motiven der handelnden Personen ab. Ich interessiere mich für Kunst und habe das immer getan. Darum ist meine Kunst so, wie sie ist.

Info

Jeff Koons - der Über-Künstler

Jeff Koons' Werke erzielen Top-Preise. Der Künstler verdient daran auch mit Auftragsarbeiten gut.

Seit die Skulptur „Balloon Dog“ 2013 um 58,4 Mio. US-Dollar ersteigert wurde,  hält Jeff Koons den Rekord für das teuerste versteigerte Kunstwerk eines lebenden Künstlers. Nur mit  Werken von Gerhard Richter wird in Summe mehr Geld bei Top-Auktionen umgesetzt. Zur Produktion seiner extrem aufwendigen Werke beschäftigt Koons in seinem Studio  mehr als 120 Mitarbeiter.

An den Rekordergebnissen bei Auktionen - dem "Sekundärmarkt" -  verdient Koons selbst  nur marginal; auf den Marktpreis seiner Werke, die u.a. von der mächtigen Gagosian Galerie vertreten werden, wirkt sich der STatus freilich aus. 

Koons ist aber auch Auftragsarbeiten nicht abgeneigt: 2013 gestaltete er die Yacht „Guilty“ für den griechischen Milliardär Dakis Joannou sowie das „BMW Art Car“. Lady Gaga engagierte ihn für  das Cover ihres  Albums „Artpop“ (2013). Eine  Version der „Balloon Venus“ wurde als Behälter für Champagner von Dom Pérignon in limitierter Auflage produziert (ca. 18.000 €)

(KURIER) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?