Jeff Koons sieht Kunst als Angebot zum „Dialog“ über Zeitgrenzen hinweg. Die Venus von Willendorf im Wiener Naturhistorischen Museum hat es dem US-Amerikaner angetan

© KURIER/Gerhard Deutsch

Jeff Koons in Wien
10/01/2015

"Die Macht folgt der Kunst"

Kunstmarktliebling Jeff Koons über seine Venus-Skulptur, Zeitreisen, seine Arbeitsweise und den Erfolg.

von Michael Huber

Mit 60 Jahren steht Jeff Koons auf einem Karrieregipfel: Eben ging in Bilbao die zuvor in New York und Paris gezeigte Retrospektive des weltweit teuersten lebenden Künstlers zu Ende. Nun wurden seine Skulpturen im Zentrum von Florenz neben Renaissance-Idolen platziert. Im Naturhistorischen Museum Wien präsentierte Koons seine „Balloon Venus“: Die von der Venus von Willendorf inspirierte Skulptur ist dort bis 13. März 2016 zu sehen.

KURIER: Sie zeigten Ihre Werke zuletzt oft in historischem Kontext – Versailles, Florenz, Wien. Warum ist Ihnen das wichtig?
Es ging mir immer darum, an etwas teilzuhaben. Wann immer man eine Verbindung zu Dingen herstellt, wird Information übertragen, und man kann so einen Eindruck gewinnen, wie es war, zu einer bestimmten Zeit zu eben. Und mich interessiert die Sterblichkeit und die Übertragung von Lebensenergie.

Mit der Venus-Skulptur treten Sie in Dialog mit einem Objekt, das 29.500 Jahre alt ist.
Der Aspekt der Sterblichkeit wird hier visuell behandelt: Ballons verlieren ihren Druck, weil die Luft entweicht. Die Nachbildung eines echten Ballons in rostfreiem Stahl hält diesen sehr optimistischen Moment, erfüllt von Lebensenergie zu sein, fest, macht ihn permanent. Man könnte sich die „Ballon-Venus“ auch als ein rituelles Objekt vorstellen, das von Menschen des Paläolithikums aus einem Tierdarm oder einem ähnlichen Material gemacht wurde.

Welches Ritual macht Ihre Venus wertvoll? Die Platzierung im Museum? Oder der Geldwert?
Ich bin mit dem monetären Wert nicht befasst – sondern mit Sehnsüchten, Verführungen und all den Möglichkeiten, Kunst zu schaffen und mit Menschen in Dialog zu treten. Der Geldwert ist eine Abstraktion, etwas ganz anderes als die Kunst.

Würden Sie sich als bescheidene Person bezeichnen?
Ich denke schon. Am wichtigsten ist mir meine Familie, dann kommt meine Arbeit und die Möglichkeit, durch sie mit der Gemeinschaft, die mich umgibt, zu kommunizieren. Ich sammle Kunst, lebe aber nicht mit meinen eigenen Arbeiten. Meine Frau ist auch Künstlerin, und meine Kinder sollen wissen, dass die Kunst viel umfassender ist als die Welt ihrer Eltern. Wenn sie an Kunst denken, können sie an Manet, Dali oder an griechische Skulpturen denken.

Jeff-Koons: Werke des Skandal-Künstlers

Sie beschäftigen viele Menschen, um Ihre Werke zu produzieren. Wann haben Sie zuletzt etwas gezeichnet oder geformt?
Ich schaffe jedes Werk. Es ist mein Design, und alle Systeme, die zur Produktion dienen, werden von mir genehmigt. Ich erfinde ständig neue Systeme, damit das Werk meiner ursprünglichen Idee so nah wie möglich ist. Ich stehe in der Tradition von fast jedem Künstler der Vergangenheit – Michelangelo, Leonardo da Vinci, Botticelli, Courbet: Sie alle hatten Werkstätten. Erst nach der Französischen Revolution waren Künstler in der Situation des Bohemiens auf sich allein gestellt.

Doch wenn ich Michelangelos Studien sehe, spüre ich in gewisser Weise die Hand des Künstlers. Von Ihnen habe ich noch nie eine grobe Skizze gesehen.
Ich sehe keinen Unterschied zwischen Kunst und Ideen. Eine Geste muss also keine körperliche Geste sein, es kann auch eine intellektuelle Geste sein. Ich kann etwa Monate damit verbringen, zu entscheiden, ob ein gewisses Stück einer Skulptur ein paar Zentimeter weiter links oder rechts sein soll – weil es einen emotionalen Unterschied macht, wenn man mit dem Objekt in Kontakt kommt. Ich bin an der Ausführung meiner Vision interessiert. Aber anstatt ein Jahr lang nur einen Stein zu behauen, kann ich in meiner limitierten Lebenszeit noch andere Ideen verfolgen.

Sie sprechen oft vom Dialog mit einer Gemeinschaft. Die Menschen, die Ihre Werke schätzen und sammeln, gehören zum oberen „1 Prozent“ der Vermögenden. Denken Sie auch an die anderen 99 Prozent, wenn Sie von „Gemeinschaft“ sprechen?
Hat Leonardo das getan? Oder Michelangelo, Botticelli, Picasso? Oder Matisse? Oder Manet? Sie alle waren Künstler, und an der Geschichte des Sammelns hat sich nichts geändert. Die Macht folgt der Kunst, denn die Leute interessieren sich für das Potenzial, das wir im Leben haben. Künstler widmen sich diesen Fragen in einer poetischen Weise, daran ändert sich nichts. Wenn jemand dabei erfolgreich ist, wird er gewisse ökonomische Mittel haben, weil die Gemeinschaft will, dass er weitermacht. Wenn man in die Geschichte schaut, waren die Verhältnisse früher übrigens extremer als heute.

Folgt die Macht der Kunst, oder folgt die Kunst der Macht?
Das hängt von der Qualität der Kunst ab. Ich denke, es läuft in beide Richtungen, das hängt immer auch von den Motiven der handelnden Personen ab. Ich interessiere mich für Kunst und habe das immer getan. Darum ist meine Kunst so, wie sie ist.

Jeff Koons - der Über-Künstler

Seit die Skulptur „Balloon Dog“ 2013 um 58,4 Mio. US-Dollar ersteigert wurde, hält Jeff Koons den Rekord für das teuerste versteigerte Kunstwerk eines lebenden Künstlers. Nur mit Werken von Gerhard Richter wird in Summe mehr Geld bei Top-Auktionen umgesetzt. Zur Produktion seiner extrem aufwendigen Werke beschäftigt Koons in seinem Studio mehr als 120 Mitarbeiter.

An den Rekordergebnissen bei Auktionen - dem "Sekundärmarkt" - verdient Koons selbst nur marginal; auf den Marktpreis seiner Werke, die u.a. von der mächtigen Gagosian Galerie vertreten werden, wirkt sich der STatus freilich aus.

Koons ist aber auch Auftragsarbeiten nicht abgeneigt: 2013 gestaltete er die Yacht „Guilty“ für den griechischen Milliardär Dakis Joannou sowie das „BMW Art Car“. Lady Gaga engagierte ihn für das Cover ihres Albums „Artpop“ (2013). Eine Version der „Balloon Venus“ wurde als Behälter für Champagner von Dom Pérignon in limitierter Auflage produziert (ca. 18.000 €)

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