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Kultur
09/24/2012

Die letzte Welt - Von Christoph Ransmayr

Christoph Ransmayr gelingt mit "Die letzte Welt" ein Brückenschlag über die Zeiten hinweg, er formt Gestern und Heute zu einem schillernden und bedrohlichen Bild.

Ransmayrs Roman stürzt seine Leser in Verwirrung: Das Buch erzählt von Cotta Messalinus, der auf den ersten Textseiten die beschwerliche Schiffsreise von Rom zur Stadt Tomi am Schwarzen Meer unternimmt. Dort sucht er seinen vom römischen Imperator ins Exil verbannten Freund Ovid, den berühmten Dichter der "Metamorphosen". Anders als in unserer Realität vernichtete dieser Ovid aber sein Manuskript, so dass Cotta nicht nur dem Poeten, sondern auch dessen Werk nachspürt. Im düsteren Tomi, der Erze fördernden "eisernen Stadt", werden dann plötzlich Kaffeehäuser und Zeitungsleser beschrieben, Automobile und Filmvorführungen an der Mauer einer Schlachterei. Ransmayr erschafft eine Zeit, die die Zwanzigerjahre evoziert und so gar nicht zu Ovid, zu Augustus und Nero zu passen scheint.

Der Autor führt uns in ein Paralleluniversum, in eine, wenn auch noch nicht "letzte", so doch völlig andere Welt. Diese Verwirrung des Lesers inszeniert der 1954 in Wels geborene Ransmayr so kunstvoll wie faszinierend – mit wachsender Neugier folgt man Cotta 15 Kapitel lang auf seiner Ovidschen Spurensuche. Dabei trifft er auf Figuren, deren Leben Moderne und Mythos mischt: Etwa auf Lycaon, dem Seiler in Tomi, der zum Werwolf wird, auf die Krämerin Fama, geschwätzig und Gerüchte verbreitend wie die gleichnamige griechische Göttin, oder auf Arachne, die taubstumme Weberin. All diese antiken Figuren werden in Ransmayrs Welt modern interpretiert. Ihr Handeln schwankt dabei stets zwischen antiker Welt und industrieller Zeit: Wenn die Bewohner Tomis beispielsweise Karneval feiern, dann scheinen die Masken lebendig zu werden – fast meint man, Götter wie Bacchus aus ihnen heraus springen zu sehen, archaische Kräfte, die auch in jedem von uns stecken. Cotta entdeckt schließlich die Dichterklause Ovids, der im Roman meist nur Naso genannt wird. Dort findet er Fragmente von dessen Dichtung, eingemeißelt in steinernen Stelen, und er trifft auf Echo – eine rätselhafte Frau: halb Vertraute, halb Hure, von "berückender Schönheit" und doch mit dem Makel eines Schuppenflecks behaftet, der "unstetig über ihre Gestalt wandert." Sie wird Cottas Vertraute und Liebhaberin für eine Nacht, und sie wird es sein, die von Ovids letztem großen Werk erzählt: einem düsteren Epos über das Ende aller Zeiten. Die vom Dichter immer wieder besungenen Metamorphosen dringen schließlich in Tomi ein – Menschen verwandeln sich in Vögel oder werden zu Stein, Wahnsinn und Angst brechen aus, die Stadt selbst wird zu einem Urwald. Dies ist die "letzte Welt": dunkel, mythisch und vermeintlich ohne Zukunft.

Christoph Ransmayr gelingt mit seinem Roman ein Brückenschlag über die Zeiten hinweg, er formt Gestern und Heute zu einem schillernden und bedrohlichen Bild. Dazu passt, dass der Herrscher in Rom als Despot beschrieben wird – großartig etwa die in der Rückschau beschriebene Szene, wie das beiläufige Handwedeln des Imperators letztlich zu Ovids Verbannung führt. "Die letzte Welt" erhält so eine zusätzliche, politische Brisanz. Christoph Ransmayr ist selbst ein Reisender: Viele Jahre lebte er in Irland, begleitete Reinhold Messner auf Bergtouren nach Nepal oder Tibet – die Ränder der Kontinente haben ihn schon immer interessiert. Als "Die letzte Welt" 1988 in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen Reihe "Die Andere Bibliothek" erschien, wurde aus dem bis dahin als Geheimtipp gehandelten Schriftsteller ein Star – Ransmayr traf den Puls der literarischen Zeit. Die Verschmelzung der Zeitebenen wirkt nach wie vor faszinierend; die Szenen sind von einer archaischen Wucht, die auch heute noch mitreißen.

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