Fünf silikongefüllte Flaschen von Pamela Rosenkranz sollen in der Schau u.a. auf die Künstlichkeit des Wassers verweisen.

© Stephan Wyckoff

Kultur
09/30/2014

Die Kunsthalle Wien macht blau

Die neue Schau „Blue Times“ widmet sich der Farbe Blau – und ist zwischen Ästhetik und Politik gespalten.

von Michael Huber

Denken Sie 30 Sekunden lang nicht an die Farbe Blau“, fordert die Leuchtschrift der Künstlerin Sylvie Fleury, die an einer Stirnwand der Kunsthalle Wien im MuseumsQuartier prangt.

Machen wir es umgekehrt: Denken Sie 30 Sekunden lang an die Farbe Blau – und erleben Sie, wie die Assoziationsmaschine im Gehirn rattert. Blauhelme, die blaue Blume der Romantik, der Blues, das Facebook-Logo – die Farbe Blau hat einen riesigen kulturellen Resonanzraum. Was sie als Ausstellungsthema einerseits attraktiv macht, andererseits jede solche Schau akuter Beliebigkeitsgefahr aussetzt.

Das Kuratoren-Trio Amira Gad, Anne Faucheret und Nicolaus Schafhausen, das in der Schau „Blue Times“ (bis 11. 1. 2015) seine Interpretation des Themas abliefert, hat die Beliebigkeit insofern umschifft, als es sich nicht damit begnügte, blaue Kunst zu versammeln. Ein Gemälde von Yves Klein (1928–’62), der sich seinen Farbton als „International Klein Blue“ patentieren ließ, darf trotzdem nicht fehlen.

Zweigleisig ins Blaue

Ansonsten aber verfolgt die Schau zwei Thesen-Stränge, die sich nicht unbedingt miteinander vertragen: Denn einerseits möchte man über den politischen Symbolgehalt der Farbe Blau erzählen – über ihre Verwendung in der EU-Flagge, aber auch über ihre Rolle als Symbolfarbe der europäischen Rechten von der FPÖ bis zur „Partij voor de Vrijheid“ von Geert Wilders in den Niederlanden.

Andererseits steht der selbstbezügliche Kosmos der Kunst im Fokus – hier wird die Farbe Blau gern auf wahrnehmungstechnische Eigenheiten hin abgeklopft oder mit teils sehr individuellen Bedeutungen aufgeladen.

Einige Künstler, aber auch die Kuratoren scheinen die Möglichkeiten, aus dem hermetischen Kunstkosmos heraus Aussagen über politische und soziale Zustände machen zu können, stark zu überschätzen. Die mit blauem Silikon gefüllten Plastik-Wasserflaschen von Künstlerin Pamela Rosenkranz etwa sollen laut Begleittext auf künstliche Substanzen verweisen, die über das Wasser in den menschlichen Körper gelangen – doch die Flaschen bleiben stumm.

Sprachlose Farben

Dass sich die Erläuterungstexte im Booklet zur Ausstellung nur finden lassen, nachdem man in Miniaturschrift am Boden versteckte Künstler-Namen entdeckt hat, ist übrigens eine Zumutung – mit ein paar Bogen Klebeschrift dürfte sich das Manko aber rasch beheben lassen (außer man hat die Schau auf Unlesbarkeit angelegt).

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Der libanesische Künstler Walid Raad beanspruchte als Einziger einen Wandtext für sein Werk: Dieser erzählt von einem Fund monochrom blauer Dias, die nach einer Bearbeitung im Labor Bilder von Personen freigaben. Diese Menschen, so ergaben Recherchen, waren zwischen 1975 und 1991 im Mittelmeer umgekommen. Es ist eines der wenigen Werke, bei denen sich der Kreis vom blauen Bild zur politischen Aussage tatsächlich (er)schließt.

Im Kontrast zur Hauptausstellung soll schließlich noch ein „Blauer Salon“ jenen kulturgeschichtlichen Hintergrund zur Farbe liefern, den die Kunst so zäh freigibt: Hier stehen – kommentarlos – Schlümpfe, Buntstifte und eine Flasche blauer Gin, deren Hersteller zufällig auch als Sponsor auftritt. Eine höchst seltsame Schau.

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