SOMMERNACHTSKONZERT DER WIENER PHILHARMONIKER

© APA/GEORG HOCHMUTH / GEORG HOCHMUTH

Kultur
05/31/2021

Die Klassik lebt wieder: Die gesammelten Konzertkritiken seit dem Neustart

Vierzehn hochkarätige Konzerte: Die Kritiken umgekehrt chronologisch zum Nachlesen (und mit einer ordentlichen Prise Jazz).

Von Daniel Barneboim bis Jonas Kaufmann, von Rudolf Buchbinder bis Chilly Gonzales - zum Neustart nach dem Lockdown boten Wiens Konzerthäuser ein unglaubliches Schaulaufen an musikalischen Stars. Hier gibt es die KURIER-Konzertkritiken der ersten Tage zum Nachlesen.

Das Streichquartett Quatuor Modigliani im Wiener Musikverein

Darf, kann, soll Musik politisch sein? 

Diese Fragen werden obsolet, wenn ein Komponist wie Mark-Anthony Turnage ans Werk geht.
Der 1960 geborene Brite ist ein Meister der musikalischen Beschreibung von menschlichen Befindlichkeiten. Das manifestiert sich in „Split Apart“ (2020). In diesem fünfteiligen Werk für Streichquartett reflektiert er die Stimmung seiner Landsleute nach dem Brexit.

Der englische Tonsetzer hatte es für eine der spannendsten Formationen dieser Kategorie geschrieben: das in Paris beheimatete Quatuor Modigliani.

Die Gesellschaft der Wiener Musikfreunde fungierte als Co-Auftraggeber. Im Brahmssaal brachten diese formidablen Streicher –  Amaury Coeytaux und Loïc Rio (Violinen), Laurent Marfaing (Bratsche) und François Kiefer (Cello) – dieses 20-minütige, kurzweilige Kleinod zur österreichischen Erstaufführung.

Wer meint, das sei höchstens eine Fußnote in der Musikgeschichte des 21. Jahrhunderts, irrt. Denn Turnage, dessen Mentor Hans Werner Henze war, lässt jüngste Zeitgeschichte packend zur Musik werden.

Als Basis dient ihm die „Europahymne“, Beethovens „Ode an die Freude“. Diese vier Musiker generierten aus Turnages Tonsprache aufwühlendes Klangtheater. Expressiv ließen sie Empörung und Resignation in schroffen Akkorden und zarten lyrischen Passagen von unsäglicher Melancholie hören.

Amaury Coetyaux brachte seine Violine mit Hingabe zum Lamentieren. Bei Franz Schuberts Streichquartett in G-Dur, D887, demonstrierten diese Musiker ihre Virtuosität. Mit Korngold als Zugabe klang das heftig akklamierte Konzert aus. Susanne Zobl

Chilly Gonzales weiß, was Fans wünschen: „Shut up and play!“

Der Pianist, Sänger und Entertainer aus Kanada genoss sichtlich gut gelaunt seinen ersten Live-Auftritt nach mehr als zehn Monaten Pandemie-bedingter Bühnenabsenz im Zyklus „Comedy & Music“ am Sonntag im Wiener Konzerthaus: 

Jason Charles Beck alias Chilly Gonzales   begann – als erklärter Widerständler gegen alles Elitäre  – im Schlafrock  solo am Flügel wie beiläufig mit einer Art kleiner Träumerei, romantisch-impressionisten Präludien  mit melodramatischen Kapriolen.

Wie ein musikalisches Chamäleon wechselt Gonzales ständig die Klangfarben. Und begeistert in der Folge mit seiner genreübergreifenden Musikalität.

Der Mann kann offenbar alles, spannt den großen Bogen von Klassik bis Pop und zu den Rhythmen des Hip-Hop. Und erinnert daran, dass er mit Rap-Alben um die Jahrtausendwende in Berlin bekannt wurde.

Alles würzt er gut und gern mit Schmäh und allerlei Sperenzchen, spielt etwa Klavier und Melodika gleichzeitig, was die Zuhörer  schmunzeln lässt.

Zum Teil sind die pianistischen Petitessen so neu, dass sie noch gar keinen Titel haben.

Aber Gonzales sagt, er wisse genau, was seine Fans denken: „Shut up and play!“ Und so ist die Performance, in der man bisweilen Debussys Poesie und Saties Melancholie zu hören meint, alles in allem mehr eine One-Man-Show, die nur kurz zum Trio aufgestockt wird.

Ehrlich gesagt hatte Gonzales noch nie vorher mit der aus Frankreich angereisten Marine Goldwaser (Klarinette, Gesang) und Yannick Hiwat  (sechssaitige Viola und Gesang)   aus Rotterdam musiziert. So blieben deren Beiträge nur akustischer Schnittlauch auf der teils exzentrischen kammermusikalischen Suppe. Werner Rosenberger

51st Montreux Jazz Festival

Erste Schritte in Richtung einer neuen Normalität: Tschechische Philharmonie mit Bychkov

Gastspiele internationaler Orchester sind in Zeiten der Pandemie bekanntlich rar. Doch auch hier geht der Weg allmählich zurück zur Normalität.

Bestes Beispiel: Die so renommierte Tschechische Philharmonie, die mit  ihrem Chefdirigenten  Semyon Bychkov  im Wiener Konzerthaus  gleich öfters (nächster Termin: 13. Juni) zu erleben ist.

Das Prozedere ist ebenso klar wie logisch. Man spielt an einem Tag zwei (pausenlose) Konzerte  hintereinander, kann somit das Publikum doppelt glücklich machen. Das ist den Damen und Herren aus Prag schon beim ersten Auftritt bestens gelungen. Auch dank Katia und Marielle Labèque, die  beim „Konzert für zwei Klaviere und Orchester“ des Amerikaners Bryce Dessner ihre Virtuosität zeigten.

Dessner – ein Grenzgänger zwischen  Klassik, Filmmusik  und Pop – verlangt den beiden Solistinnen einiges ab; die Labèques haben bei dem für sie komponierten Werk alles eingelöst. Ein starkes Lebenszeichen zwischen allen Genregrenzen.

Bychkov und die Tschechen wiederum präsentierten bei der dritten Symphonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy vollendete, samtene Töne. Jubel. Peter Jarolin

AUSTRIA-ENTERTAINMENT-US-RUSSIA-TCHAIKOVSKY-BYCHKOV

Wenn eine neue Generation den musikalischen Gipfelsturm wagt: Jakub Hrusa, das RSO und der Geiger Augustin Hadelich

Aufregend ist das, wenn zwei herausragende Musiker aufeinandertreffen wie beim Konzert des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien. Jakub Hrusa, einer der spannendsten Dirigenten der jüngeren Generation, begleitete mit dem RSO das Debüt des Violinvirtuosen Augustin Hadelich im Konzerthaus.

Mit Bela Bartoks zweitem Violinkonzert, einem Bravourstück für Geiger, stellte sich der vielfach Ausgezeichnete vor. Sein warmer, reicher Ton ließ aufhorchen. Mit wohldosiertem Vibrato, brillanter Technik arbeitete er die Bartokschen Bizarrerien heraus. Mit Eleganz gestaltete er die lyrischen Passagen.  Hrusa setzte mit dem RSO auf Transparenz und leuchtete mit Intellekt und Präzision das Werk aus. Mit einer Zugabe von Coleridge-Taylor Perkins demonstrierte Hadelich seine Vielfältigkeit und wurde bejubelt.

Im zweiten Teil ließ Hrusa hören, warum er bei bedeutenden Orchestern so gefragt ist. „Asrael“, die zweite Symphonie von Josef Suk, ließ er im Breitwandsound erklingen. Suk war als Violinvirtuose eine Legende, als Komponist setzte er sich nicht durch. Hrusa gab mit seiner fein nuancierten Interpretation  aber ein denkwürdiges Plädoyer für diesen Giganten. Susanne Zobl

 

Vom Kini über den Monaco und sein Spatzl bis zu Wagner – bayerische Gemütszustände. Marisa Burger und Max Müller mit „Bayern – Eine Begegnung“

In Rosenheim haben sie es Woche für Woche mit  einer Leiche zu tun; im Wiener Musikverein  aber gingen die Ermittlungen in eine andere Richtung. Denn im Gläsernen Saal  wandelten die Schauspieler Marisa Burger (alias Miriam Stockl) sowie  Max Müller (sonst als Michi Mohr im Einsatz) nicht auf den Spuren der „Rosenheim-Cops“, sondern auf jenen der bayerischen Seele. Mit dabei Pianist Andreas Lübke.

Das Ergebnis? Ein herrlich kurzweiliger, komischer, auch gesanglich  überzeugender Streifzug, durch das bayerische Wesen. Karl Valentin und Liesl Karlstadt kommen da zu Wort, ebenso Gerhard Polt, König Ludwig II.  (ja, der Kini) und Richard Wagner bis hin zu dem unvergessenen Helmut Fischer, der als  Monaco Franze sein „Spatzl“  wieder einmal mit Schmäh und Charme um den Finger  wickeln darf.

Dazu noch Ludwig Thoma, Kompositionen von Richard Strauss und Richard Wagner mit dem Vorspiel zum dritten Akt der Oper „Lohengrin – gut: Andreas Lübke am Klavier – und natürlich die „Einsatzzentrale“ der „Rosenheim-Cops“ mit Marisa Burger und Max Müller. Wie diese beiden  Künstler großartig rezitieren und singen, sorgt für Freude. Bitte mehr davon! Peter Jarolin

Die Rosenheim-Cops

Orgelwelten und eine Hymne an die französische Musik im Musikverein

Wie magnetisierend, wenn die Orgel im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins auf ein Streichorchester trifft, wenn sich zarte Geigenklänge mit urgewaltigen Tonkaskaden paaren, das war beim Konzert der Wiener Symphoniker zu erleben. Die widmeten mit Stéphane Denève, Chefdirigent der Brüsseler Philharmoniker und des St. Louis Orchestra, am Pult ihr Konzert Frankreichs musikalischen Schätzen.

Auf den Auftakt, Maurice Ravels „Le Tombeau de Couperin“, folgte ein echtes Juwel: Das „Konzert für Orgel, Streichorchester und Pauken“ in g-Moll von Francis Poulenc mit Olivier Latry als Solisten. Er weiß, wie man dieses gigantische Instrument zum Singen bringt. Der Titularorganist von Notre Dame war im Beraterteam, als die neue Rieger Orgel im Goldenen Saal konzipiert wurde. Virtuos zog er alle Register dieses vielschichtigen Werks und machte in feinsten Nuancen  alle  Klangwelten differenziert hörbar. In den sakralen Passagen betonte Latry die Anklänge an Bach, entfaltete in mystischen Momenten eine Intensität und ließ in frohsinnigen Rhythmen sein Instrument wie eine liebevolle Spieluhr ertönen. Der Applaus für diesen herausragenden Solisten wollte nicht enden.

Großes Klangtheater folgte danach mit der dritten Symphonie von Albert Roussel in g-Moll, einem Zeitgenossen von Maurice Ravel. Denève kostete mit den akkurat musizierenden Symphonikern (exzellent die Flöte und die Klarinette, ausgezeichnet das Violinsolo des Konzertmeisters) die Opulenz dieses Werks aus. Beim abschließenden  „La Valse“ von Ravel setzte er auf Sinnlichkeit. Susanne Zobl

Ein kosmopolitischer Klangmix und eine sanfte Stimme zwischen Folk und Maghreb: Weltmusik der algerischen Sängerin Souad Massi im Konzerthaus

Die Sounds aus dem Maghreb haben einen besonderen Charme, und die Chansons der aus Algerien stammenden Sängerin einen starken arabisch-andalusischen Touch: Die studierte Stadtentwicklerin Souad Massi war am Donnerstag mit Quartett im Konzerthaus und brachte als Opener den Titelsong ihres aktuellen Albums „Oumniya“ (zu Deutsch: „Mein Wunsch“)  und in der Folge so manchen akustischen Stimmungsaufheller.  Vielfältig sind die Einflüsse, buchstäblich Weltmusik von Folk über westafrikanische und kapverdische Klänge,  Berber-Gesänge und Tuareg-Grooves bis Flamenco und Bossa nova.

Eine Aura von Zerbrechlichkeit, Weltschmerz und tiefer Melancholie umgibt einige der fein instrumentierten und arrangierten Songs der 48-jährigen Liedermacherin, die Assoziationen an Joan Baez weckt und die akustische Gitarre spielt, begleitet von Mandoline, Geige und einer sparsam und dezent, aber wirkungsvoll eingesetzten Percussion. 

„Ich rufe um Hilfe, aber niemand antwortet“ heißt es in der Ballade „Thegri“,  Und „Deb“ erzählt von einem gebrochenen Herzen.  Berührend und intensiv. Mit viel Sehnsucht und Wehmut in den Melodien. Werner Rosenberger

 

 

Sentimental emotionaler bis Post-Bop-beschwingter Jazz: Star-Pianist Brad Mehldau im Konzerthaus

Gepflegte Routine mit drei absoluten Top-Musikern Mittwoch im Konzerthaus, als spielten sie zum Fünf-Uhr-Tee in einer Hotelbar: Das Trio des Star-Pianisten Brad Mehldau mit Larry Grenadier (Kontrabass) und Jeff Ballard (Schlagzeug) spielt in mit zwei Zugaben exakt abgezirkelten 90 Minuten kein Programm, bei dem ein roter Faden erkennbar gewesen wäre, sondern einfach nach Lust und Laune ein Potpourri u. a. mit Mehldaus „Twiggy“ aus dem Album „Ode“ (2012), einem strudelteigig langsam intonierten Beatles-Oldie von Paul McCartney: „Baby’s In Black“; außerdem „Skippy“, eine herrliche „Pfeif di nix!“-Nummer von Thelonious Monk – wohl Kraft der Komposition einer der besten Momente des ganzen Abends – vor dem Cole-Porter-Klassiker „From This Moment On“.

Mit „Here’s That Rainy Day“ von Jimmy Van Heusen, „Autumn in New York“ von Vernon Duke und – zum Drüberstreuen – einem John Coltrane als Zugabe mit einem zum Kehraus doch eher ungewöhnlich langen Schlagzeug-Solo geriet die Performance mehr zur stilvollen Übung und Herausforderung für den aufopferungswilligen Zuhörer. Ein Konzert ohne besondere Vorkommnisse. Werner Rosenberger

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Wahre Glücksgefühle mit Ludwig van Beethoven: Rudolf Buchbinder im Konzerthaus

Im Musikverein hat Daniel Barenboim seine Reise zu allen 32 Klaviersonaten  erst begonnen. Im Konzerthaus hätte der Ausnahmepianist Rudolf Buchbinder  seinen großen  Beethoven-Zyklus  am Wochenende mit den letzten drei Sonaten abschließen sollen. Die Betonung liegt auf dem Konjunktiv. Denn aufgrund der Pandemie konnte zuvor nur ein Konzert stattfinden; bis Ende Juli will Buchbinder jedoch alle 32 Klaviersonaten vor Publikum spielen.

Als „wahres Glücksgefühl“ beschrieb denn Buchbinder auch zu Beginn in einer kurzen Ansprache die Chance, wieder vor Zuhörern auftreten zu dürfen. Ein „wahres Glücksgefühl“ konnte man auch im Großen Saal  spüren, nachdem Buchbinder die letzten drei Beethoven-Sonaten (E-Dur, As-Dur, c-moll)  ohne Pause  interpretiert  hatte.Denn keiner spielt Beethoven besser als Buchbinder. Bei ihm geht es nicht mehr um Fragen der Technik, der Virtuosität – das ist ohnehin alles im Übermaß vorhanden. Hier geht es um die Interpretationen, die bei Buchbinder vollendet in die Tiefe gehen, die eine Allgemeingültigkeit der Superlative erhalten. Ein Schubert als Zugabe! Peter Jarolin

INTERVIEW: RUDOLF BUCHBINDER

Reflexionen zu Beethoven: Daniel Barenboim im Wiener Musikverein

Die Klaviersonaten Ludwig van Beethovens sind für den Pianisten Daniel Barenboim ein Lebensprojekt. Seit seinem siebenten Lebensjahr spielt er sie. Nun, mit seinen 78 Jahren, führt er alle 32 in chronologischer Reihenfolge im Musikverein auf. Am zweiten Abend waren die Sonaten Nummer fünf bis acht dran. Ohne Pause spielte er alle vier durch. In der Trias der Sonaten in c-Moll (op. 10/1),  F-Dur (op. 10/2), D-Dur (op. 10/3) ließ er geschärfte Kontraste hören. Gewalt und Trost manifestierten sich in seinem Vortrag.

Wenn Barenboim spielt, ist das mehr als reines Virtuosentum, denn er ist ein Philosoph, ein Denker an den Tasten, der sein Publikum  auf seine Gedankenspiele mitnimmt. In düsterer c-Moll trat er seine Reise in die drei Mikrokosmen des Opus 10 an. Dabei zeigte er, wie eng diese miteinander verbunden sind.

Den schalkhaften Beethoven ließ er in der Sechsten hören, bevor er sich der fordernden viersätzigen mit Ausdruck widmete. Bei der „Pathétique“, der Sonate in c-Moll (op. 13), changierte er faszinierend zwischen expressiven Ausbrüchen und sanftem, tröstlichem Spiel. Da war klar: Seine Botschaft heißt Reflexionen zu Beethoven. Ovationen. Susanne Zobl

Hommage an Gustav Mahler mit dem „Wiener Klang“: Die Philharmoniker mit Daniel Harding

Die Wiener Philharmoniker wissen, was sich gehört. Ihr erstes Konzert vor Wiener Publikum im Konzerthaus widmeten sie Gustav Mahler, denn sein Todestag hatte sich am 18. Mai zum 110. Mal gejährt. Dirigent Daniel Harding gab mit dem Adagio der fragmentarisch gebliebenen 10. Symphonie den Auftakt zur Hommage.

Der Brite wählte die Fassung  von  Deryck Cooke, die zu den heute meist gespielten zählt. Das war, als würde in diesen etwas mehr als 20 Minuten die jüngste, pandemieüberschattete Vergangenheit reflektiert. Verstörend, getragen zelebrierte Harding diese Düsternis in Mahlers letzter Symphonie. Wie Balsam aber der  Klang der „Wiener“.

Den hatten sie auch  gepflegt – mit der Einspielung einiger Symphonien von Anton Bruckner unter Christian Thielemann und einer Konzerttournee in Italien mit Riccardo Muti. Doch zurück in die Gegenwart, zu Mahlers erster Symphonie in D-Dur. Harding  wusste, dass er sich auf brillante Musiker verlassen konnte.

Seine eigensinnige Lesart setzte auf Dekonstruktion und  Effekte.  Bravos für die glänzenden Leistungen dieser  Musiker. Susanne Zobl

Zwei Virtuosen, denen man stundenlang zuhören könnte: Julian Rachlin und Jonas Kaufmann im Konzerthaus

Mit (vorsichtigem) Optimismus darf behauptet werden, dass das  Kulturleben wieder seinen Lauf genommen hat. Im Konzerthaus herrscht Hochbetrieb, und der ist perfekt intakt. Sanitäter prüfen die obligaten Nachweise, will man das Haus in der Pause verlassen, bekommt man eine „Raucherkarte“, die eine Rückkehr ohne nochmaliges Vorweisen des Gesundheitszertifikats ermöglicht. Das zum praktischen Teil.

Der künstlerische prunkte im Großen Saal in zwei Konzerten mit Virtuosen  – Julian Rachlin und Jonas Kaufmann. Beide konnte man am selben Abend hören. Manche Konzerte beginnen um 18 Uhr wie jenes der Wiener Symphoniker mit dem  designierten Chefdirigenten der Volksoper, Omer Meir Wellber. Den Auftakt gab Sergej Prokofjews Violinkonzert in g-Moll, womit man beim ersten Virtuosen des Abends ist – Julian Rachlin. Der ließ  Russlands Seele erklingen und brachte seine Geige mit unfassbarer Zartheit zum Singen. Omer Meir Wellber hat  ein starkes Faible für Effekte. Das war bei der sechsten Symphonie von Dmitri Schostakowitsch zu hören. 

Ungewöhnlich auch der Konzertbeginn des Liederabends von Jonas Kaufmann um 20.30 Uhr. „Herzlichen Dank für Ihr Warten, hoffentlich hat das jetzt ein Ende“, kommentierte er die vergangenen Monate der Stille. Mit Franz Schubert  begann er seine Reise durch die Welt des Kunstlieds. Helmut Deutsch war ihm mit seinem facettenreichen Spiel ein zuverlässiger Partner am Klavier. Kaufmann interpretierte feinsinnig. Überwältigend auch Lieder von Robert Schumann  oder von Franz Liszt, wo Kaufmann seine Opernstimme in gewissen Momenten aufblitzen ließ. Seiner schönen, ins Baritonale reichenden Tenorstimme könnte man stundenlang zuhören. Stehende Ovationen. Susanne Zobl

Daniel Barenboim: Auftakt zu einem wahren Marathon mit kurzer Pause

„Ich weiß, dass wir keine Pause machen dürfen. Aber ich gebe Ihnen und mir jetzt fünf Minuten“, so Daniel Barenboim. Fünf Minuten Pause also (Publikum ist ja teilweise wieder zugelassen) im Goldenen Saal des Musikvereins, wo Starpianist Daniel Barenboim   den Auftakt zu einem wahren Marathon bestritt.

Alle 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven wird der Künstler  saisonübergreifend interpretieren. Und die kleine Pause – sie war tatsächlich notwendig – für das Publikum und für Barenboim. Denn der Pianist startete sein Beethoven-Projekt gleich mit vier Sonaten, jenen in f-Moll (op. 2/1), A-Dur (op. 2/2), C-Dur (op. 2/3) und Es-Dur (op. 7).  Vor der nicht zum Dreierblock gehörigen Es-Dur-Sonate gab es die kurze Ruhepause für beide Seiten.

Denn Beethoven ist und bleibt eine Herausforderung für jeden Interpreten  – in technischer und in interpretatorischer Hinsicht. Dass ein Daniel Barenboim diesem Kraftakt gewachsen ist, versteht  sich. Technisch  makellos, dramatisch, aber vor allem stets auch mit einer Prise Melancholie realisierte  Barenboim die einzelnen Werke.  Und nahm sich zudem auch sehr viel Zeit.

Denn bei Barenboim ist Beethoven weniger der Revolutionär, der  vorwärtsdrängende  Erneuerer. Er ist in dieser Deutung auch ein  Grübler, ein Zweifler, ein Suchender. Das wurde vor allem in den langsamen Sätzen sehr deutlich und ist völlig legitim. Als wäre es ein musikalisches Nachdenken über Humanismus  und über Romantik erklang etwa die Es-Dur-Sonate, stets träumerisch, graziös und im Largo mit einem schönen Hauch Wehmut ausgestattet.

Leidenschaftlicher, explosiver, und kühner modellierte Barenboim zuvor die Trias aus f-Moll, A-Dur und C-Dur aus. Wobei auch hier immer wieder einige elegische Zwischentöne  Raum erhielten. Barenboim  ist eben kein Berserker am Klavier und keiner, der auf bloße Effekte setzt.  Bei ihm entwickelt sich Beethoven in aller technischen Brillanz ganz organisch, harmonisch, quasi aus dem Inneren heraus.  Ein spannender Ansatz, der mit viel Applaus bedacht wurde und  heute, Samstag, seine Fortsetzung findet. Peter Jarolin

Wiedereröffnung im Musikverein mit jugendlicher Frische und Symbolcharakter

Wie sehnlichst  hatten Musikfreunde auf diesen Zeitpunkt gewartet. Jetzt war es endlich so weit: Nach mehrmonatigem Kultur-Lockdown durften die Tore der Konzertsäle wieder öffnen und die Klassikfans konnten nach langem Streamen endlich wieder Live-Musik hören. Und es hatte auch einen wunderbaren Symbolcharakter, dieses erste Konzert des Musikvereins der Jugend zu überlassen, sprich dem Gustav Mahler Jugendorchester.
SpielfreudeUnter Daniele Gatti zeigten sich die jungen Musiker von ihrer besten Seite: Ungemein spielfreudig, fein ausbalanciert, reich an Schattierungen und meist sehr exakt. All dies erlebte man bei Felix Mendelssohn-Bartholdys beliebter „Italienischer“ Symphonie, die den wegen der Pandemie nur zu 50 Prozent gefüllten Goldenen Saal mit mitreißender Frische und Italianitá ausfüllte.

Obwohl bei Ludwig van Beethovens „Pastorale“ der beim Komponisten sonst übliche titanenhafte Ton fehlt, sollte sie nicht als heiter-problemloses Nebenwerk verniedlich werden.

Der Komponist Hector Berlioz bezeichnete die sechste  Symphonie gar als die schönste aller Beethoven-Kompositionen überhaupt, weil „sie einen unvergleichlich größeren Eindruck macht als irgendeine andere“.

Zudem das Werk als Prüfstein an Klangkultur und Reichtum an Abstufungsmöglichkeiten gelten darf. Und gerade da war das oftmals als erste Programmmusik bezeichnete, für damalige Zeiten völlig untraditionell fünfsätzige Werk bei den Musikern unter dem viele Akzente und Stimmungen herausarbeitenden, italienischen Dirigenten  Daniele Gatti in besten Händen.

Mannigfaltige Valeurs, zahlreiche Nuancen, betörende Streicher erklangen besonders im Andante, im „Gewittersatz“ wie auch im Finale, das zu einem einzigen herrlichen Lobgesang wurde.

Großer Jubel eines dankbaren Publikums für die jungen Musikerinnen und Musiker sowie Daniel Gatti. Bleibt zu hoffen, dass dieser Auftakt inhaltlich die künstlerische  Richtung nach der Pandemie weiter vor Publikum vorgeben darf. Helmut Christian Mayer

 

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