Ein Totentanz im Schnee: Josef Ellers (Gustave), Alexander Absenger (Armand Duval), Tonio Arango (Alexandre Dumas)

© /Sepp Gallauer

Das Liebesleid im Spiegelkabinett
12/19/2014

Das Liebesleid im Spiegelkabinett

"Die Kameliendame" von Alexandre Dumas – optisch apart, aber enttäuschend in der Josefstadt.

von Werner Rosenberger

Vor Beginn gammelt ein Paar Stöckelschuhe einsam auf der Bühne vor sich hin. Chapeau! Schön bebildert ist Alexandre Dumas’ berühmtes Melodram über eine Mätresse aus dem Paris des 19. Jahrhunderts im Theater in der Josefstadt: "Die Kameliendame". Nur drängt sich rasch der Gedanke auf:

Es muss gute Gründe geben, warum die traurige Liebesgeschichte zwischen dem adeligen Armand und der Kurtisane Marguerite, die auf Druck von Armands Vater der Beziehung entsagt, ehe sie an Schwindsucht stirbt, nur durch Verdis Oper "La Traviata" bigger than life zum Welthit wurde.

Das 1852 vom Roman zum Theaterstück umfunktionierte Rührstück in der Version von Herbert Schäfer (nach einer Übersetzung von Ludwig von Alvensleben) wiederzubeleben, ist auch aktuell in der Josefstadt als Versuch einer Neudeutung großteils gescheitert.

Szenenfotos

PROBE: "DIE KAMELIENDAME" IM THEATER IN DER JOSEFS

PROBE: "DIE KAMELIENDAME" IM THEATER IN DER JOSEFS

PROBE: "DIE KAMELIENDAME" IM THEATER IN DER JOSEFS

PROBE: "DIE KAMELIENDAME" IM THEATER IN DER JOSEFS

PROBE: "DIE KAMELIENDAME" IM THEATER IN DER JOSEFS

Kameliendame…

Kameliendame…

Kameliendame…

Antiquiert

Aus mehreren Gründen: Der Stücktext bleibt Papier. Erklärungen und Kommentare des Erzählers wirken langatmig und die Dialoge schwülstig bis banal-pathetisch.

Regisseur Torsten Fischer setzt mit Willy DeVilles "Heaven Stood Still" und Billie Holiday die richtigen akustischen Akzente, und vor allem auf Optik – und entfacht ein apartes Schneegestöber. Klar: Die Welt, in der auch im Glückspiel der Liebe das Geld regiert, ist bitterkalt.

Der Blick auf den Totentanz über einen schrägen Spiegel, der immer wieder aus dem Schnürboden fährt, ist mittlerweile sosehr Mode wie vor einiger Zeit das Kopulieren auf schrägen Bühnen in fast jeder Theaterproduktion.

Was zeitlich und räumlich beim Leben und Sterben der Halbwelt-Dame undefiniert bleibt, verweist durch schwarze Tüllröcke und Korsette, Frack und Zylinder, den Hinweis auf Kutschen und Soupers doch wieder ins 19. Jahrhundert.

Sandra Cervik in der Titelrolle der eigentlich blutjungen Edel-Kurtisane, die um ihr kurzes Leben weiß und es bis zum Tod mit 23 Jahren in vollen Zügen genießt, müht sich nach Kräften: Aber eine femme fatale oder die Herzdame im Spiel, wer richtet wen zugrunde, ist sie glaubhaft nicht. Tonio Arango ist in der nonstop 100-Minuten-Aufführung in wechselnder Funktion Erzähler und abgeklärter Autor Dumas, dann wieder Alter Ego des jungen Liebenden Armand.

Alexander Absenger als Armand in der Amour fou mit Eifersuchtsdelirien ist ein unbedarftes Buberl und darf sich zur Gänze entblättern. Obwohl szenisch ebenso unnotwendig wie Cerviks partielle Barbusigkeit. Denn ein Gefühl der Erotik kommt in diesem Milieu der Käuflichkeit ohnedies nicht auf.

Udo Samel hat nur einen Zehn-Minuten-Auftritt und vermag bei seinem Debüt in der Josefstadt in der Rolle von Armands Vater diesem Georges Duval keine Konturen zu geben. Und Marguerite? Auch ihr Versuch scheitert bekanntlich. Der "blutspuckende Geldraffautomat", der beschlossen hatte, sich ernsthaft lieben zu lassen, geht daran zugrunde – und stirbt diesmal im Schnee.

KURIER-Wertung:

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