Landleben stinkt: "Die Infantin trägt den Scheitel links" im Kosmos
Man riecht sie schon, die Landluft, wenn man in den Theatersaal kommt. Kein Wunder, ist doch das Bühnenbild (Aurel Lenfert) ein gigantischer Misthaufen. Glücklicherweise aber ohne Dung, nur mit Stroh und Gatsch. Der daraus resultierende Dreck wird denn bald unausweichlicher Teil der Kostüme der Schauspielerinnen und Schauspieler sein. Und das passt auch ganz ausgezeichnet zum Ausgangstext des Abends: In „Die Infantin trägt den Scheitel links“ hat Helena Adler in eindrücklicher Sprache beschrieben, wie vielerlei beschmutzt man aus einer Kindheit am Bauernhof herausgehen kann.
Susanne Lietzow hat im Wiener Kosmostheater diesen bei seinem Erscheinen 2020 als kleine Sensation gefeierten Roman als „performative Sprechoper auf dem Heimatmisthaufen“ inszeniert. Das klingt sperrig, ist es aber nicht. Lietzow gelingt eine den Kern des Buchs einfangende, sehr kurzweilige Bühnenfassung.
"Hoamat"
Brutales Regenplätschern, das sich in entschlossene Beats verwandelt, eröffnet das Stück, fünf Gestalten grölen das Salzburger Heimatlied „Mei Hoamat“ in einer bundeslandtechnisch anonymisierten Version. Dass an die „Hoamat“ gerichtete „Wie hon i di gern“ hat schon zu diesem Zeitpunkt etwas Doppelbödiges.
Nicht nur doppelt, sondern gleich vierfach (fünffach, wenn man eine Klappmaulpuppe in Embryonalstellung mitrechnet) ist die Protagonistin des Stücks, die Infantin vorhanden. Klaus Huhle, Martina Spitzer, Lisa Schrammel und Sebastian Pass sind immer wieder sie – im Chor oder auch einzeln. Sie sind aber auch die restlichen Familienmitglieder. Huhle schleppt am Anfang ein Kreuz über den Heuberg und setzt es am Gipfel ab. Der wahrscheinlich größte Herrgottswinkel des Alpinraums unter dem sich die Familie zur „schwarzen Regensuppe“ und zum Tischgebet versammelt.
Widerstand
Man teilt sich Beschreibungen der Stube („Der Raum duckt sich, damit wir zusammenrücken“), der Landschaft (Straßen gepflastert mit von Landmaschinen „festgetrampelten Katzenkadavern“) und der Familie (über die Zwillingsschwestern: „Eineiigkeit nagt ihnen am Leibe“).
Es ist erstaunlich viel szenisch möglich auf so einem Misthaufen. Wenn der Urgroßvater stirbt, dann legt sich Huhle hin und wird mit Erde beschaufelt. Wenn die Urgoßmutter stirbt, legt sich Spitzer dazu und erfährt dieselbe Behandlung. Nur, dass aus ihrer „Runzelgosche“ Widerstand kommt: „Ich sterbe nicht!“
"Fädenzieherpratzen"
Pass und Schrammel sind besonders als bösartige Schwestern hochkomisch, von der schlaksigen Teenager-Schmollhaltung bis zur Botox-Gesichtsmaske, als sie sich in die „Fädenzieherpratzen“ des Jäger-Bürgermeister-Bankdirektors begeben haben, um hernach die Infantin vom Hof zu jagen.
Oliver Welter (auch mit Perücke) steuert die Musik bei, die dem anspielungsreichen, wortwitzbefrachteten Text nacheifert. Ob es nun ein säuselndes Synthie-„Ave Maria“ ist, zu dem die Kindheit der Infantin beerdigt wird (die Puppe wird hinten vom Misthaufen geschmissen) oder ob er das Ensemble mit derselben Ernsthaftigkeit dirigiert, als wär’s ein Auftritt bei „Mei liabste Weis“. Sogar ein Alphorn aus Rohren und Isolierband gibt es.
Auch wenn die Bühnenfassung eine Grauslichkleit des Buchs ausspart, ist klar, dass das Landidyll hier kräftig stinkt. Im Mai folgt im Kosmos eine Bühnenversion von „Fretten“, dem letzten Roman der 2024 mit nur 40 Jahren verstorbenen Helena Adler.
Termine: 14., 17., 19., 20., 21., 24.-27. März
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