© paris tsitsos/Studio Lois Weinberger und Galerie Krinzinger

Kultur
10/11/2020

Die erschöpfte Natur und ihr Pflegepersonal

Das frisch preisgekrönte Dom Museum Wien widmet seine neue Schau „Fragile Schöpfung“ der Beziehung von Mensch und Natur

von Michael Huber

Ein Messgewand mit Blumendekor aus dem 18. Jahrhundert, Blumenstudien eines Mönchs aus der Klosterneuburger Stiftsbibliothek. Daneben eine Gemeinschaftsarbeit von Günter Brus und Arnulf Rainer und Plastikblumen, von der Künstlerin Regula Dettwiler abfotografiert.

Im Wiener Dommuseum sind solche Konfrontationen von neuer und alter, sakraler und säkularer Kunst Teil des Programms, seit Johanna Schwanberg 2013 die Leitung des Hauses übernahm und es nach einem Umbau 2017 neu eröffnete.

Konfrontationskunst

Für die neue Ausstellung „Fragile Schöpfung“ wurden wieder etliche Werke neu angekauft, erzählt Schwanberg. Gerade in der Krise sei Geld, das Künstlern und Galerien direkt zugutekommt, nachhaltiger investiert als in Leihgebühren und Versicherungsprämien.

Auch wenn das Dom Museum explizit Menschen jeder Kultur und Religion ansprechen will, stellt die neue Schau doch gleich im Titel die Glaubensfrage, indem sie mit dem Begriff der „Schöpfung“ hantiert. Wie Co-Kurator Klaus Speidel mit Rückgriff auf Papst Franziskus erklärt, ist der biblische Begriff aber durchaus mit der Evolution vereinbar – und wie die Kunst zeigt, erlaubt das Verhältnis zwischen Mensch und Natur durchaus verschiedene Konzepte der Beseelung und auch Beherrschung des einen durch das andere. Im katholischen Feld hat sich der Begriff der „Schöpfungsverantwortung“ an die Seite des biblischen Mottos „Macht euch die Erde untertan“ gestellt.

In den Sälen des Dommuseums durchschreitet man daher weniger einen Lehrpfad über ökologische Problemstellungen als ein Stationentheater zu einer komplexen Beziehungsgeschichte. In einem Video am Beginn singt da die Künstlerin Estefanía Peñafiel Loaiza aus Ecuador tatsächlich Bäumen Schlaflieder vor (wer tiefer gräbt, entdeckt ein komplexes Beziehungsgeflecht zur Kolonial- und Migrationsgeschichte).

Malen, zeichnen, formen

Der Wunsch, die Natur (oder Gottes Plan dafür, je nachdem) durch Darstellung zu begreifen, wird entlang verschiedener Epochen und Materialien durchdekliniert – von den erwähnten Blumenstudien um 1900 bis hin zur Darstellung eines Sonnenaufgangs mit einer Wurstscheibe bei Dieter Roth (1988) bis zu Bodenproben, den sogenannten „Schollen“ von Betti Beier (2005 – 2014).

In den hinteren Bereichen der Schau bekommt dann die verletzte Natur mehr Gewicht – Mark Dions mahnende Skulptur, bei der ölverschmierte Vögel wie Lynching-Opfer von einem Baum hängen, paart sich hier mit Catrin Bolts scheinbar romantischem Bild einer Eislandschaft, die bei näherer Betrachtung ein Plastiksackerl in Großaufnahme ist.

Wenn man der Ausstellung etwas vorwerfen kann, dann wohl, dass sie in zu viele Richtungen gleichzeitig denkt. Auch erzeugt das Nebeneinander von eklatant unterschiedlichen Kunstwerken eine Unruhe, die dem konzentrierten Schauen entgegensteht; vielen Werken wünscht man mehr Platz, um alleine für sich zu strahlen. Doch aus der Reibung des Gegensätzlichen springen dann doch Funken der Anregung, die eine reine Ausstellung zum Thema Ökologie oder Landschaft in dieser Form nicht zustande brächte.


Die Schau  „Fragile Schöpfung“ läuft bis zum 29. August 2021. Begleitend ist ein Katalog erschienen (16,95 €).

Museumspreis

Das Dom  Museum Wien am Stephansplatz  wurde 2017 in generalüberholter Form neu eröffnet. Es beherbergt neben  bedeutenden Werken der  Sakralkunst auch die Sammlung des kunstsinnigen Dompredigers Msgr. Otto Mauer (1907 – 1973).  Vergangene Woche erhielt das Haus  den mit 20.000 Euro dotierten Österreichischen Museumspreis:  Die Institution in kirchlicher Trägerschaft sei „ein vermittelnder und der Vermittlung dienender sozialer Ort, der Menschen aller Kulturen und Religionen gleichermaßen anspricht“, urteilte die Jury.
 

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