Die bunten Pfade der Evolution: Horten Collection zeigt "Animalia"

Die Ausstellung fußt auf der Tierliebe der Museumsgründerin, baut aber Brücken zu neueren Diskursen: ein interessantes Spannungsfeld.
Ulrike Müller

Auf der Homepage des Kärntner Landestierschutzvereins wird das Andenken von „Gräfin“ Heidi Goëss-Horten (1941–2022) hochgehalten. Der Verein betreibt das Klagenfurter Tierheim, dessen Ausbau die Milliardärin zu wesentlichen Teilen finanzierte. Ein Saal in der Anlage ist nach ihr benannt. Man erfährt, dass Goëss-Horten in ihrem Anwesen am Wörthersee „acht Hunden, zwei Katzen und zwei Papageien“ ein Zuhause bot.

Das bronzene Pferd des Italieners Mimmo Paladino findet aber ebenso wenig Erwähnung wie der ebenso aus Bronze gegossene Gorilla des Franzosen François-Xavier Lalanne und die Möpse aus Meißener Porzellan, die den Hunden, mit denen sich die Mäzenin gern fotografieren ließ, sehr ähnlich schauen.

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Die Kunstwerke sind Teil der Ausstellung „Animalia“, mit denen die 2022 eröffnete Heidi Horten Collection nun ihre Entwicklung fortschreibt – von einer auf private Vorlieben fokussierten Kunstsammlung hin zu einer Institution mit Anschluss an das Kunstgeschehen der Gegenwart.

Gefährten und Bestien

Der Diskurs über Tiere und ihr Verhältnis zum Menschen ist in dieser Sphäre schon länger im Gange: Oft geht es um Kritik an Machtstrukturen und an der Unterwerfung jener Lebewesen, die der westlich-weißen Zivilisation nicht ebenbürtig erachtet wurden.

Vielleicht haben Tierliebende immer schon ihr Unbehagen mit diesen Verhältnissen zum Ausdruck gebracht. Ob sich Goëss-Horten aber auch für die zerfetzten Bücher erwärmt hätte, die nun in der Schau wie unter Glasstürzen präsentiert werden?

Werke wie „Brehms Tierleben“ oder „Das Manifest der Gefährten“ der im Mensch-Tier-Diskurs maßgeblichen Theoretikerin Donna Haraway wurden da von Clara und Karl, äh, „skulptural bearbeitet“. Clara und Karl sind zwei Papageien, die das Künstlerduo Ute Hörner und Mathias Antlfinger als gleichwertige Mitarbeiter erachtet.

Die Kuratorinnen Véronique Abpurg und Annkathrin Weber bürsten den Ausstellungsparcours mit solchen Werken gegen den Strich. Gleichwohl ist die Schau leichtfüßiger, als es die ähnlich gelagerte Ausstellung „Das Tier in dir“ (2022/’23 im mumok) war.

Das Tier und wir

Überschneidungen gibt es dennoch: Ulrike Müller, Künstlerin und Co-Kuratorin der mumok-Schau, fand etwa mit einem Bildteppich Eingang in die Horten-Sammlung. Der US-Künstler Mark Dion, der seit den 1990ern Präsentationsweisen der Naturkunde analysiert und oft im Umfeld der Wiener Galerie Georg Kargl ausstellte, ist ebenso dabei.

Andere Arrangements gehen wieder stark auf den Geschmack Hortens zurück: Die von Roy Lichtenstein im Comic-Stil aufgelöste Landschaft mit Pferden spielt etwa famos mit einem Gemälde des Expressionisten Franz Marc zusammen; die Werke wurden schon mit Blick auf eine gemeinsame Präsentation erworben. Marc Chagalls grüner Esel und Picassos Friedenstaube sind auch dabei.

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Anders als im Zoo tritt bei der Kunst aber der Symbolcharakter der Wesen hervor. Auch diese Bedeutung durchläuft eine Evolution: Das Leopardendress, das Frauen in einem Video von Gülsün Karamustafa anziehen, steht etwa weniger für exotische Sexyness als für den Ausbruch aus dem reglementierten Alltag. Das Fuchs-Fellchen, das sich Birgit Jürgenssen 1974 überzog, ist weit weg von Rubens’ „Pelzchen“ und näher an Totem-Kulten, in denen sich die Stärke des Tiers auf Menschen überträgt.

Vielleicht waren die tierischen Begleiter und Accessoires, mit denen sich Damen wie Horten umgaben, ebenfalls Totems, oder gar Werkzeuge sanfter Rebellion? „Animalia“ gibt jedenfalls viel Stoff, um auf den doppelten Boden des scheinbar Gefälligen zu schauen.

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