Maryse und Georges Wolinski

© APA/AFP/PATRICK BERNARD

Charlie Hebdo
01/04/2017

Die Bleistifte werden weggeräumt

Zweiter Jahrestag: Die Witwe des ermordeten Zeichners Georges Wolinski trauert in einem Buch – und klagt an.

von Peter Pisa

Noch immer – und um den zweiten Jahrestag am 7. Jänner besonders häufig – legen die Franzosen Bleistifte und Kugelschreiber auf das Grab von Georges Wolinski.

Die Witwe, Maryse Wolinski, freut sich zwar darüber, aber sie räumt trotzdem alles weg. Sie will, dass das Grab leer ist wie ein weißes Blatt Papier.

Die letzte Seite des berühmten Zeichners.

Abschiedsworte

Wolinski, 80 Jahre alt, war einer der elf Toten in den Redaktionsräumen der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Die Journalistin Maryse, die mit ihm 43 Jahre verheiratet war, vermutet nach ihren Recherchen, er habe … einen Bleistift in der Hand gehalten, als er von einem der maskierten El-Kaida-Attentäter erschossen wurde.

"Schatz, ich geh zu Charlie!", hatte er zu ihr gesagt.

Die Abschiedsworte.

Traurig schien er. Einerseits, weil die Zeitschrift am Rand des finanziellen Ruins stand.

Traurig auch, weil das nicht mehr sein Humor war. Georges Wolinski provozierte nie mit Mohammed-Witzen. Er provozierte mit einfachst gestrichelten nackten Männern und Frauen (und viel Text). Respektlos gegenüber dem Papst, der Armee, dem Vaterland … der Prophet interessierte ihn nicht. Politik hatte er am Ende seiner jahrzehntelangen Karriere satt.

Herausgeber Charb allerdings forderte Comics zur aktuellen Lage – was bedeutete: Mohammed und die Dunkelmänner sollten in den Vordergrund.

Wolinski wollte sich deshalb langsam zurückziehen. Redaktionssitzungen besuchte er kaum noch. Er suchte ein Atelier und wollte künftig mehr malen

Keine Polizei

"Schatz, ich geh zu Charlie!": So heißt das Buch, in dem Maryse einer großen Zärtlichkeit nachtrauert: So oft hatte ihr Mann Post-its auf der Badezimmerwand zurückgelassen, "Post-its d"amour":

"Schatz, ich geh zu Charlie!" ist auch ihre Anklage: Sie wollte Antworten auf Fragen zum Attentat und weiß jetzt, warum Charlie Hebdo keinen Polizeischutz hatte. Weil die größte Polizeigewerkschaft die Regierung unter Druck gesetzt habe: Wieso Überwachung für eine Zeitschrift, die über die Polizei spottet?

Und wieso gab es keinen Schleuseneingang, keine Alarmanlage? Trotz Drohungen und trotz einer Brandbombe im Jahr 2011?

Weil die Redaktion die närrische Meinung vertrat, Humor mache unverwundbar …

Es gibt zurzeit keinen einzigen Cartoonband von Wolinski auf Deutsch.


Maryse Wolinski:
„Schatz, ich geh zu Charlie!“
Übersetzt von Dieter Hornig und Katrin Thomaneck.
Residenz Verlag. 144 Seiten. 19 Euro.

KURIER-Wertung: ****

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