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Literatur
04/27/2019

Die Beichte nach dem Irak-Krieg und zehn Banküberfällen

Der Amerikaner Nico Walker schrieb im Gefängnis "Cherry“. Die Filmechte sind schon verkauft.

von Peter Pisa

Nico Walker - Bild oben - ist noch bis November 2020 eingesperrt.
Danach wird er bestimmt mit seinem Roman  „Cherry“ auf Amerika-Tournee gehen, und wahrscheinlich wird es dann heißen: Hätte Ernest Hemingway über den Irak-Krieg geschrieben – er  hätte   eine ähnliche Satzmelodie angeschlagen. (Was kompletter Unsinn ist.)
Und wahrscheinlich wird  Nico Walker  (dann ist er 36) bereitwillig zugeben, dass ihm der Verlag sehr geholfen hat. Denn wäre es  nach ihm allein gegangen, wäre sein „Held“ – also er selbst – ein unsympatisches A...
Hingegen ist er jetzt ein sympathisches A...

Vanessa

Walker wurde im Alter von 19 Soldat, im Irak war er als 20-, 21-Jähriger an 250  Gefechten als Sanitäter involviert. Mit Orden kehrte er nach zwei Jahren traumatisiert heim.
Er flüchtete zu Heroin, das ist teuer, und überfiel im Großraum Cleveland, Ohio, hintereinander zehn Banken; Beute  jeweils ungefähr 4000 Dollar.
 Manche Angestellte kannte er schon.
„Wie heißt du?“
Vanessa.“
„Tut mir leid, Vanessa.“
 Und wie heißt du?“
 „Sehr witzig, Vanessa.“

Cherry“  ist  ein Begriff für junge Soldaten, die noch nichts  erlebt haben.
Und „Cherry“ ist  Walkers Beichte, aber nicht ausdrücklich autobiografisch. Aus eigenem Schutz ist sie das nicht:  Gezeigt wird nicht allein der grausame Krieg. Sondern auch, wie entmenscht sich  einige Kameraden in der Wüste aufführten. Irakische Kinder werden gefoltert, Hunden wird zum Spaß ins Gesicht geschossen.
Nun ist Kevin Powers’  Roman  „Die Sonne war der ganze Himmel“ (2013) über einen US-Soldaten im Irak allerdings Sprengstoff genug gewesen ...
...  ein Hund trottet mit dem Arm eines Granatenopfers durch den Sand.
Powers, der selbst Maschinengewehrschütze  war,  veranschaulicht, welche gewaltigen Gefechte sich nach der Heimkehr  in den Köpfen abspielen.
Das  erfährt man jetzt auch von Nico Walker.
Aber „Die Sonne war der ganze Himmel“ ist ein fein gesponnenes Buch. Kevin Powers versuchte dem Entsetzen mit ein bisschen Lyrik beizukommen.

Regen

Cherry“ hingegen ist wie ein Neuling unter  routinierten Boxern, ungestüm ist dieser Autor, voll roher Kraft, schimpfend, prügelnd, auch auf sich selbst einschlagend, weil:
Wie kann man nur so dumm sein und zur Army gehen anstatt daheim mit seiner Freundin ... und so weiter!
Seltsamerweise berührt „Cherry“ selten. Der Teil, der  vom Einsatz im Irak handelt, ist eine reine Aneinanderreihung  explodierender Sprengfallen, brennender Panzer, durch die Luft fliegender Körperteile, Pornos schauender Soldaten.
Der eindringlichste Satz ist dem Roman vorangestellt und stammt vom Country-Sänger Toby Keith.
Nämlich:
 Dass sich jemand, der solche Erfahrungen gemacht hat, fühlt, als würde die ganze weite Welt auf ihn herunterregnen.
Die Filmrechte wurden inzwischen um eine Million Dollar verkauft.


Nico Walker:
Cherry"
Übersetzt von
Daniel Müller.
Heyne Verlag.
384 Seiten.
22,70 Euro.

KURIER-Wertung: *** und ein halber Stern

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