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Kultur
08/27/2019

Deutscher Buchpreis: Ein Fußballer denkt meist an Sex

Tonio Schachinger ließ sich durch Selbstdarstellungen im Internet zur Figur des Ivo Trifunovic inspirieren. Der Roman heißt "Nicht wie ihr".

von Peter Pisa

Eine der – vielen – Überraschungen beim heurigen Deutschen Buchpreis ist Tonio Schachinger - Foto oben -, geboren vor 27 Jahren in New Delhi, aufgewachsen in Nicaragua und Wien, wo er Germanistik und Sprachkunst (an der Angewandten) studiert hat.

Der nominierte Roman beobachtet jemanden, der dem Titel gemäß „Nicht wie ihr“ ist. Einen Fußballer, einen österreichischen Fußballstar namens Ivo Trifunovic, der in England spielt und am Ende in Italien.

Er verdient 100.000 Euro in der Woche, und schon deshalb kann es sich unmöglich um Marko Arnautovic handeln, denn der verdient angeblich 200.000 Euro.

Außerdem kommt Arnautovic auf Seite 242 höchstpersönlich vor.

Also Trifunovic, der meist an Sex denkt, mit seiner Frau und seiner kurzzeitigen Freundin, und denkt er nicht an Sex, dann schimpft er über Sportreporter („die letzten Wappler“).

Überhaupt alle, die ihn kritisieren, möchte er „in die Goschn hauen“.

Alles findet er „scheiße“ ... und bittet ihn jemand, ausnahmsweise etwas Positives zu sagen, sagt er: „Oida, deine Freundin ist geil.“

Auch hält er Toni Polster für intelligent – aber nur, wenn Polster neben Hans Krankl steht.

Schachingers Debütroman ist sehr unterhaltsam, laut Verlag ist er „rotzig und fresh“, das muss nicht unbedingt sein; aber man darf sich nicht täuschen lassen:

So wie Trifunovic den Ball beherrscht (aber den Kampf mit sich selbst noch nicht gewonnen hat), so beherrscht der Autor die sprachlichen Feinheiten eines Wiener Ballesterer – und mehr als das: Zwei beim Sex vergleicht er mit geriffelten Chips, überall Rillen, Poren, Oberfläche.

Anleihen

Nebenbei ist „Nicht wie ihr“ eine Liebeserklärung an Wien, diese Stadt mit ihrer „geilen Arroganz“, die sie davor bewahrt, so zu werden wie der Rest der Welt. (Auch) Trifunovic mag Wien. Hier fährt er in seinem Bugatti spazieren und schaut sich „perfekte Brüste“ an.

Einen „Informanten“ aus der Fußballszene hatte Tonio Schachinger nicht. Er meint, „Informanten“ seien für Fiktion nicht geeignet.

„Inspiration“, sagt er, „gab es aber zuhauf, und durch das Internet und die Social-Media-Selbstdarstellung der Fußballer ist der Zugang dazu ein einfacher.“

Sein Ivo Trifunovic ist eine Erfindung mit Anleihen an verschiedene existierende Menschen

Wer sich an Arnautovic erinnert fühlt, möge bedenken: Das mache nur Sinn, wenn man den Betreffenden genau kennt. „Wenn nicht, fühlt man sich nämlich nicht an diesen Menschen erinnert, sondern an die eigene Vorstellung von diesem, die selbst eine Fiktion ist.“

„Nicht wie ihr“ ist vielleicht nicht der Buchpreis-Gewinner. Aber DER österreichische Roman mit Schauplatz: Fußball.

Sowieso, Oida.


Tonio
Schachinger:
„Nicht wie ihr“
Verlag Kremayr und Scheriau.
304 Seiten.
22,90 Euros.

KURIER-Wertung: ****