Des Kaisers letztes Schloss

Nationalpark Donauauen
Foto: KURIER/Gerhard Deutsch Spaziergang durch den Nationalpark Donauauen am 02.05.2017.

100 Jahre nach dem Ende der Monarchie dient die letzte Station Kaiser Karls in Österreich als Kulisse für das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker.

Ein Barockschloss im niederösterreichischen Marchfeld, das wie kein anderes den Untergang der alten Donaumonarchie symbolisiert. Denn hier in Eckartsau hat Kaiser Karl vor 100 Jahren die letzte Verzichtserklärung unterschrieben und damit das Ende der Herrschaft des Hauses Habsburg besiegelt. Am morgigen 1. Jänner 2018 ist das Schloss Schauplatz einer Balletteinlage des Neujahrskonzerts. So lernt die Welt den Ort kennen, an dem Österreichs Schicksal seine Wendung nahm.

Die letzten Getreuen

Kaum hatte Kaiser Karl I. am 11. November 1918 in Schönbrunn "den Verzicht auf meinen Anteil an den Regierungsgeschäften" unterzeichnet, verließ er Wien mit Familie und seinen letzten Getreuen. Der aus sieben Automobilen bestehende Konvoi fuhr nach Eckartsau, wo Karl über ein Jagdschloss verfügte, das sich im Privatbesitz der Habsburger befand – im Gegensatz zu Schönbrunn und anderen Palästen, die bereits der jungen Republik zugefallen waren.

Besonders sicher konnte sich Karl während des viermonatigen Aufenthalts in Eckartsau nicht fühlen. Zwar hatte der Wiener Polizeipräsident Schober zehn Polizisten zur Bewachung des Schlosses abgestellt, aber auch die hätten einem ernsthaften Angriff kaum standhalten können. Tatsächlich gab es Drohungen plündernder Banden und der kommunistischen Roten Garde, die den Ex-Kaiser – wie das Monate davor mit dem russischen Zaren und seiner Familie geschehen war – töten wollten. Letztlich kam es aber für die Angehörigen des ehemaligen Erzhauses zu keiner bedrohlichen Situation.Bedrohlich war allerdings der Gesundheitszustand des Kaisers und seiner fünf Kinder, die in Eckartsau alle an der Spanischen Grippe erkrankten. Kaiserin Zita blieb als einziges Familienmitglied von der Infektion, die damals Millionen Todesopfer forderte, verschont. "Mein jüngster Sohn Karl Ludwig, der acht Monate alt war", schreibt Zita in ihren Memoiren, "wäre beinahe gestorben". Erst nach Weihnachten 1918 waren Ex-Kaiser Karl, seine Tochter Adelheid und die vier Söhne außer Lebensgefahr.Der neuen, aus Sozialdemokraten und Christlichsozialen gebildeten Regierung in Wien war es gar nicht recht, dass sich Karl nach wie vor in Österreich aufhielt. Denn der ehemalige Kaiser hatte den Kampf um die Herrschaft noch nicht aufgegeben. So korrespondierte er von Eckartsau aus mit den Königen von Spanien und Großbritannien – mit dem Ziel, die Krone wiederzuerlangen. In verzweifelten Briefen an König George V. bat der abgesetzte Regent um die Entsendung von 10.000 Soldaten, um die Monarchie wiederherzustellen. Doch Karls Appelle wurden meist nicht einmal beantwortet.

Hoffnung auf den Thron

Der Kaiser gab die Hoffnung, auf den Thron zurückkehren zu können auch deshalb nicht auf, weil er in Wien nur auf die Mitwirkung an den Regierungsgeschäften in der österreichischen Reichshälfte verzichtet hatte. Doch in Eckartsau trifft eine ungarische Delegation ein, die seinen Rücktritt auch als König von Ungarn erzwingt. Obwohl Karl die formelle Abdankung in beiden Fällen verweigert, ist das Ende der Habsburger Herrschaft nicht mehr aufzuhalten.

Keine Audienz

Fern jeder Realität, sieht sich Karl immer noch als Kaiser, wie diese Episode zeigt: Im Jänner 1919 erscheint Staatskanzler Karl Renner in Eckartsau, um mit Karl über seinen künftigen Status zu verhandeln. Doch der fühlt sich nach wie vor dem Spanischen Hofzeremoniell verpflichtet, das es der Apostolischen Majestät nicht erlaubt, eine Person unangemeldet in Audienz zu empfangen. Da man andererseits nicht unhöflich sein will, wird Renner im Erdgeschoß des Schlosses ein Mittagessen serviert, während Karl und Zita im ersten Stock verweilen. Ex-Kaiser und Staatskanzler haben einander bei dieser "Begegnung" nicht gesehen, geschweige denn miteinander gesprochen. Und so reist Renner nach dem Mittagessen unverrichteter Dinge von Eckartsau zurück nach Wien.Dort löst man das Problem auf andere Weise. Mitte März 1919 werden Karl drei Möglichkeiten unterbreitet:VerzichtWürde er auf alle Rechte als Monarch verzichten, also auch formell abdanken, könnte er mit seiner Familie als einfacher Bürger weiterhin in Österreich leben.ExilSollte er die Abdankung verweigern, müsste er augenblicklich das Land verlassen.Haft Wäre er zu keinem dieser beiden Schritte bereit, hätte er mit seiner Inhaftierung zu rechnen.Karl entscheidet sich für Variante 2: Er geht, ohne abzudanken, ins Exil – wobei sich Zeitzeugen erinnerten, dass die Entscheidungen in seinen schwersten Stunden nicht vom Kaiser, sondern von seiner viel stärkeren Frau Zita getroffen wurden.

Der letzte Tag

Am 23. März 1919 ist es so weit, in der Schlosskapelle von Eckartsau wird eine Messe gelesen, bei der Karls ältester Sohn, der sechsjährige Kronprinz Otto, als Ministrant assistiert. Während des Gottesdienstes fährt der ehemalige k. u. k. Hofzug in den nahen Bahnhof Kopfstetten ein. Die Regierung hat Karls Bedingung akzeptiert, ihn "wie einen Kaiser und nicht wie einen Dieb" ausreisen zu lassen. Karl und seine Familie besteigen den Salonwagen, der sie in die Schweiz führt, von wo sie später nach Madeira, der letzten Station seines Lebens, fahren.

Untergang im 3/4-Takt

Im Park und in den Prunkräumen von Schloss Eckartsau, die zum Abgesang des 600 Jahre alten Habsburgerreichs wurden, tanzen beim morgigen Neujahrskonzert die Solistinnen und Solisten des Wiener Staatsballetts zu den Klängen des Johann-Strauß-Walzers "Rosen aus dem Süden".Die alte Donaumonarchie geht somit, wie sich’s für Österreich gehört, im Dreivierteltakt unter.

Von den Raubrittern über die Habsburger zur Republik

Raubritter Das barocke Jagdschloss Eckartsau steht an der Stelle einer im Jahr 1175 erstmals erwähnten Wasserburg, die lange im Besitz des Raubritter-
Geschlechts von Eckartsau war. Später gehörte das Anwesen den Grafen Kinsky, die die Burg 1720 vom Architekten Joseph Emanuel Fischer von Erlach zu dem heutigen Jagdschloss umbauen ließen. 1760 wurde das Gebäude kaiserlich, als es Franz Stephan I. erwarb. Nach dem Tod seiner Frau Maria Theresia verfiel das Jagdschloss dermaßen, dass der Ostflügel abgetragen werden musste.

Franz Ferdinand Erst Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand entdeckte das Kleinod wieder, ließ es im Stil des Neobarocks sanieren und den fehlenden Trakt wieder aufbauen. Als letzter Aufenthaltsort des letzten Kaisers Karl I. in Österreich schrieb Eckartsau schließlich Geschichte.
Republik Das Schloss ging 1919 in den Besitz der Republik über, heute wird es von den Bundesforsten verwaltet und als Museum betrieben. Es ist auch Sitz des Nationalparks Donau Auen.

Schauplätze Neben Schloss Eckartsau dient der Kaiser-Franz-Joseph-Hofpavillon von Otto Wagner in Wien-Hietzing als Schauplatz der Tanzeinlagen
des Neujahrskonzerts 2018

(kurier) Erstellt am
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