Dann war da noch dieser Fisch

Der Roman "Der Weiße Hai" erinnert in neuer Übersetzung daran, dass er anders als der Film ist.
Ein Weißhai mit geöffnetem Maul schwimmt im türkisfarbenen Wasser.

Mit „Jaws“, dem Titel des Romans, waren vor 40 Jahren in erster Linie die menschlichen Kiefer gemeint, mit deren Hilfe alles zermalmt und gefressen wird.

Gierig, obwohl man doch eh schon satt ist.

Es ging um Korruption, ums Mafiöse in dem symbolischen Touristenbadeort Amity an der friedlichen Küste von Long Island. Der Bürgermeister handelte so nebenbei mit Immobilien.

Und dann tauchte noch ein Fisch auf. Großer Fisch. Sehr starke Kiefer. Ein Hai. Weißer Hai. Er biss und biss und verfolgte sogar ein Schiff. Ein Schmarrn, aber auch im Buch effektiv.

Freude bei Fidel

Ein Mann im Anzug betrachtet einen Hai in einem Aquarium.
"Jaws" author Peter Benchley looks at sharks and other aquatic creatures at Underwater World on the resort island of Sentosa in this file photo from Singapore July 20, 2001. Benchley is currently in a new role as spokesman for the University of Miami's Center for Sustanable Fisheries, and has lent his voice to research aimed at preserving the delicate balance among all the seas' creatures. FOR FEATURE LIFE BENCHLEY REUTERS/Simon Thong

Der Amerikaner Peter Benchley, der vorher Reden für US-Präsident Lyndon B. Johnson geschrieben hatte, bereute seinen Roman bis zu seinem Tod 2006.

Davon abgesehen, dass ihn „Der Weiße Hai“ reich gemacht hat: 20 Millionen Exemplare wurden ab 1974 verkauft. Fidel Castro sprach damals in ein Mikrofon, das Buch sei eine glänzende Metapher für das korrupte kapitalistische System.

In Erinnerung aber blieb nur, was Regisseur Steven Spielberg ein Jahr später mit Roy Scheider und Richard Dreyfuss ins Kino brachte.

Produzent Richard Zanuck hatte gleich zu Beginn der Dreharbeiten zu Benchley gesagt: „Dieser Film wird von A bis Z eine Abenteuergeschichte sein, mit geradlinigem Verlauf, und deshalb möchten wir, dass Sie den ganzen romantischen Kram, das Mafia-Zeugs und alles, was lediglich ablenkt, herausnehmen.“

Und Peter Benchley ließ es nicht nur geschehen, sondern arbeitete sogar am Drehbuch mit. Zwar erlaubte er sich seitenlange Briefe mit Kritikpunkten, doch rechnete er völlig zu Recht damit, man werde daraus ein Papierflugzeug basteln.

Damit war der Weiße Hai zum Dämon geworden, zum Symbol der feindlichen Natur – der Film löste nicht nur Angst beim Baden aus, sondern Hass: Menschen machten im Meer gezielt Jagd.

Peter Benchley: „Ich hätte den Hai als Opfer darstellen sollen!“

Hat er aber nicht.

Der Roman ist seit Jahren vergriffen. Vanessa Wieser – Verlegerin des kleinen, feinen Wiener Milena Verlags – hat ihn jetzt neu übersetzt. Lockerer, frecher als in der alten deutschen Fassung.

Vanessa Wieser: „Damals waren Schimpfwörter zensuriert worden. ,Marihuana‘ wurde durch ,Glücksspiel‘ ersetzt, und deutschsprachige Leser durften offenbar nicht dem Wort ,sonofabitch‘ ausgesetzt werden ...“ (Sie bekamen einen „Hundesohn“ serviert statt eines „Hurensohns“.)

Das Cover des Buches „Der Weisse Hai“ von Peter Benchley zeigt eine Person unter Wasser.
cover

Was die Neuausgabe auszeichnet, ist gewissermaßen das Bonusmaterial. Benchley war Hai-Liebhaber seit seiner Jugend, und als ihm klar war, was er angerichtet hatte, war er nur noch Forscher, Aufklärer, Vermittler.

Ab den 1980er-Jahren wusste man bzw. Benchley viel mehr über den Carcharodon carcharias, dessen Bestände im Nordatlantik Schätzungen zufolge – auch wegen des „Hollywood-Effekts“ – um bis zu 89 Prozent zurückgingen.

Er suchte fortan förmlich Kontakt mit dem Weißen Hai – und entschuldigte sich:

„Ich könnte mein Buch heute unmöglich so schreiben ... Damals war allgemein akzeptiert, dass Weiße Haie Menschenfresser sind. Heute wissen wir, dass fast jeder Angriff auf einen Menschen versehentlich geschieht.“

Manche sehen halt den Robben ziemlich ähnlich.

KURIER-Wertung:

Ein Weißhai öffnet sein Maul im blauen Wasser.

Der weiße Hai
Roy Scheider als Polizeichef Brody am Strand im Film „Der weiße Hai“.

Der weiße Hai 2
Robert Shaw, Roy Scheider und Richard Dreyfuss auf einem Boot während der Dreharbeiten zu „Der weiße Hai“.

Der weiße Hai
Ein Mann mit Mütze steht vor einer Tafel mit einer Kreidezeichnung eines Hais, der einen Menschen frisst.

Der weiße Hai
Robert Shaw als Quint mit einem Haiskelett im Hintergrund in „Der weiße Hai“.

Der weiße Hai
Szene aus dem Film „Der weiße Hai“, in der die „Orca“ sinkt und die Besatzung in Panik gerät.

Der weiße Hai
Eine verängstigte Frau wird auf einem Boot von zwei Männern und einer anderen Frau getröstet.

Der weiße Hai 2
Robert Shaw, Roy Scheider und Richard Dreyfuss auf einem Boot während Dreharbeiten zu „Der weiße Hai“.

Der weiße Hai
Ein Mann in einer Rettungsweste leuchtet mit einer hellen Lampe.

Der weiße Hai
Der Kopf eines Hais, der im Wasser treibt und von einer brennenden Stange durchbohrt wird.

Der weiße Hai 2
Roy Scheider als Polizeichef Brody im Film „Der weiße Hai“.

Der weiße Hai
Ein Segelboot wird von einem Hai angegriffen.

Der weiße Hai 2
Ein Mann klammert sich an ein Surfbrett, während ein großer Hai sich nähert.

Der weiße Hai 2
Ein Mann in Uniform steht im Wasser und zielt mit einer Pistole auf das Meer, während sich Badegäste am Strand aufhalten.

Der weiße Hai 2
Ein Mann zielt mit einer Pistole auf einen Hai, dessen Finne aus dem Wasser ragt.

Der weiße Hai
Eine Frau schwimmt im Meer, während eine Haifischflosse bedrohlich neben ihr auftaucht.

Der weiße Hai
Eine Frau schreit im Wasser, möglicherweise in Gefahr.

Der weiße Hai
Steven Spielberg und Roy Scheider am Set des Films „Der weiße Hai“ neben einem präparierten Hai.

Der weiße Hai

Verlegerin (und Übersetzerin) Vanessa Wieser hat dafür gesorgt, dass im „Weißen Hai“ auch Benchleys spätere Reportagen für National Geographic abgedruckt sind; In einem Text richtete er sich an die Leser:

„Als ich das Buch schrieb, gab es die Umweltbewegung, wie wir sie heute kennen, nicht. Gewiss, er formierte sich eine stetig wachsende Gemeinde von Walschützern. Klar, die Menschen waren sich bewusst, dass Luft- und Wasserverschmutzung ein Problem darstellte. Doch für die allgemeine Bevölkerung blieben die Ozeane , was sie immer gewesen waren – eine ewig währende Wassermasse, unverwundbar und imstande, alles, was die Menschheit in sie reinwarf, zu verdauen. Und was Haie anbetraf ... nun, lediglich eine Handvoll Leute auf der Welt wussten etwas über Haie Ich war stolz darauf, mehr über Haie zu wissen als der Durchschnittsbürger, gleichwohl erlag ich der anekdotischen Evidenz und akzeptierte sie als Fakt – und Anekdoten gab es ohne Ende. Griffen Haie Boote an? Natürlich. Gingen sie auf Menschen los? Aber klar.“

Schwarzweiß-Porträt einer Frau mit kurzem Haar und gestreiftem Oberteil.
Vanessa Wieser übersetzte Benchley für den Milena Verlag.

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