© Josefstadt/Roland Ferrigato

Kritik
09/03/2021

"Der Weg ins Freie“ in der Josefstadt: Brillante Analyse politischer Zustände

Stück von Susanne F. Wolf nach Arthur Schnitzler in der Josefstadt – eine beeindruckende Ensembleleistung beim Entwurf eines Panoramas der Wiener Gesellschaft um 1900.

von Werner Rosenberger

Ein politischer Roman, zugleich Bild der gesellschaftlichen Zerrüttung Wiens um 1900: Arthur Schnitzler, der beste Schilderer der Frauenseele, wurde zum Politik-Beobachter. Und Susanne Wolf hat „Der Weg ins Freie“ für die Josefstadt dramatisiert, ergänzt mit Tagebucheinträgen des Autors und Stimmen aus der Zeit des Fin de Siècle.

Dank Janusz Kica wurde kein Lehrstück daraus. Der Regisseur erzählt eine Ge-schichte, in der die Figuren in eleganten Kostümen der Epoche (Eva Dessecker) glänzend charakterisiert und Bezüge zum Heute erkennbar sind.

Antisemitismus

Im vom Schnürboden herab schwebenden Salon des Industriellen Ehrenberg (Bühnenbild: Karin Fritz) spielt sich alles ab: Das geistreiche Plaudern über die Kunst, das Spintisieren über tiefe und flüchtige Gefühle, das Sezieren von Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten und die – im fast dreistündigen Stück vielleicht etwas zu ausführliche – Auseinandersetzung mit dem Thema Judentum und dem sich verstärkenden Antisemitismus in Politik, Militär und Gesellschaft. Was zwangsläufig Assoziationen an das Schauspiel „Professor Bernhardi“ (1912) weckt.

Überzeugend als gewissenloser Liebesabenteurer: Alexander Absenger ist der weltfremde adelige Komponist Georg von Wergenthin, der sich jede – auch seine erotische – Unabhängigkeit bewahren will, angehimmelt von der kapriziösen Ehrenberg-Tochter Else (Michaela Klamminger), dem typischen Wiener Mädel aus gutem Hause, geliebt von der jungen Musikerin Anna (Alma Hasun), deren Kind tot geboren wird, spontan geküsst von der klassenkämpferischen Therese (Katharina Klar).

Während Georg die Willensschwäche und die Ziellosigkeit der Zeit nur auslebt, ist der Schriftsteller Heinrich Bermann – mit Verve dargestellt von Raphael von Bargen – derjenige, der mit dem „Talent, in menschliche Seelen schauen zu können“, sowie mit Selbstbeobachtung diese Phänomene auch reflektiert – und sichtbar am Leben leidet.

Es stehen moderne und unmoderne Juden auf der Bühne, mehr oder weniger assimilierte, finanziell einflussreiche, Gigerln und Fanatiker, altliberale und sozialistische Juden. Solche, die Duelle erzwangen, und jene, die sich dem Katholizismus und dem Adel anbiederten.

Politisch reicht das Spektrum vom Liberalen über die Sozialistin bis hin zum Zionisten; es dominiert aber das Bild vom Intellektuellen und Künstler.

Siegfried Walther gibt den alten Ehrenberg schrullig und doch würdevoll: Eine Kummerfalte auf zwei Beinen für seine Frau, die harmoniebedürftige Salondame, die Elfriede Schüsseleder trockenhumorig anlegt.

Michael Schönborn ist der stets freundlich-joviale und trotzdem menschenverachtende Typ Politiker, dem es um die Macht geht, und zwar um jeden Preis.

Eine Kostbarkeit im Ensemble: Joseph Lorenz, als menschenfreundlicher Arzt Doktor Stauber die personifizierte Güte, quasi ein Cousin von Nathan der Weise.

Das Kaleidoskop von anno dazumal, das Psychogramm einer Gesellschaft von einst, der unseren nicht unähnlich, ist vielleicht sogar der Ursprung dessen, was heute „Polarisierung“ heißt.

„Für unsere Zeit gibt es keine Lösung, das steht einmal fest. Keine allgemeine wenigstens“, steht bei Schnitzler. „Eher gibt es hunderttausend verschiedene Lösungen ... Jeder muss selber dazusehen, wie er herausfindet aus seinem Ärger, oder aus seiner Verzweiflung, oder aus seinem Ekel.“

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