Kultur
29.12.2017

Der Traum vom Meer hat kein Alter

Das wahre Märchen aus Italien ging um die Welt. Es ist Film geworden und jetzt auch Buch.

Die Frage war nur: Soll man sich den Papst gönnen oder ein Konzert von Gianni Morandi (auch schon 73)?

Oder das Meer?

Aber den Papst und den Sänger kann man nicht so einfach angreifen. Also lieber das Meer.

Da kann man sogar die Füße hineinstecken ...

Rhododendron

Der Plan der 80-jährigen Frauen aus dem Bergdörfchen Daone im Trentino kam in die Weltnachrichten. Sogar in Südkorea wurde berichtet.

Derart lebenslustige Geschichten sind nicht so oft erhältlich. Und dass Träume kein Alter haben, hört man nicht so oft.

Die Regisseurin Katia Bernardi aus Turin hat darüber einen Dokumentarfilm gedreht ("Fumme", 2016) und danach ein Buch geschrieben. Sie sagt: "Ich habe mich ein bisschen verliebt in diese alten Damen" ... und jetzt wird es Zeit, vom Seniorenclub "Rhododendron" zu berichten:

Von den rund 600 Einwohnern sind 125 Clubmitglieder, das älteste 92 Jahren alt. Man trifft einander in Daone Mittwoch und Sonntag, und einmal im Jahr verreisen einige Rüstige.

Viele haben das Meer nie gesehen, sie kamen nur bis zum Häuschen der Madonna della Neve, sieben Kilometer von der Ortsmitte Daones entfernt.

In der Vereinskasse ist Ebbe. Dass für die Reise ans Meer Kuchen gebacken und nach der Messe verkauft werden, bringt nur etwa 200 Euro. Kroatien ist zwar billiger, aber so billig nicht.

Die Pflichten

Der nächste Versuch, an Geld zu kommen, ist schon so märchenhaft, dass Katia Bernardi das einzig Richtige macht: Sie hält sich zurück und lässt wirken, was danach geschehen ist.

Ein Enkelkind ist Fotograf und stellt einen Kalender her – mit Bildern von zwölf 80-Jährigen und, dank Photoshop, ihre schwer zu erfüllende Wünsche.

Also: Erminia will einen Millionär heiraten, Orsolina will ihre Blumengemälde im Louvre ausstellen, Berta will bloß Espresso kochen – zu fad, sie fliegt raus ...

Der Pfarrer mahnt, die Frauen möge bei dem vielen Fotografieren nicht auf ihre Pflichten vergessen – so einen Pfarrer hat Daone –, aber das Unternehmen scheitert ohnehin: Auch diese Einnahmen reichen nicht fürs Meer.

Da taucht der seltsame Name "Crowdfunding" auf. Man kann’s kaum aussprechen, aber es funktioniert. Radio Vatikan berichtete als erstes Medium, und die Meldung zog Kreise.

So. Das ist genügend Information an dieser Stelle. Nur dieses noch: Die vielen Menschen, die das Projekt: Meer finanzierten, bekamen als Gegenleistung Kalender – plus Ansichtskarte aus Kroatien. Vereinspräsidentin Erminia bekrittelte, dass sich Gianni Morandi nicht beteiligt hatte.


Katia Bernardi: „Die alten
Damen und das Meer“
Übersetzt von Sigrun Zühlke.
Goldmann
Taschenbuch.
270 Seiten. 10,30 Euro.

KURIER-Wertung: ****