Der Raub der Mona Lisa

Der Dieb betrat das Museum, steckte die Mona Lisa ein und ging. Das wertvollste Bild der Welt wird heute im Pariser Louvre jährlich von acht Millionen Menschen besichtigt.
Foto: bbc

Am 21. August 1911 kam es im Pariser Louvre zum größten Kunstraub aller Zeiten. Zweieinhalb Jahre fehlte jede Spur.

Die Welt stand still, in jenen Augusttagen des Jahres 1911, als der größte je dagewesene Kunstraub gemeldet wurde. Unbekannte Täter hatten das Bild aller Bilder, Leonardo da Vincis Mona Lisa, aus dem Pariser Louvre gestohlen. Es folgte ein zweieinhalbjähriger Kunstkrimi, in dem kein Geringerer als der weltberühmte Maler Picasso in den Kreis der Verdächtigen geriet.

Paris, am 21. August 1911. Der Louvre ist wie jeden Montag für Reinigungsarbeiten geschlossen. Um sieben Uhr früh betritt ein Mann das Museum. In seinem Arbeitskittel fällt er nicht weiter auf, da an diesem Tag viele Arbeiter aus- und eingehen. Er läuft durch die langen Gänge des Museums, bis er zum Salon Carré kommt, in dem die Perle der Sammlung hängt. Die Mona Lisa.

Der Salon Carré ist menschenleer, niemand bewacht das wertvollste Bild der Welt . Der Mann hebt das Porträt seelenruhig von seinem Haken, geht zu einer kleinen Treppe, wo er das Bild von seinem Rahmen trennt, und diesen an der Stiege liegen lässt. Die Mona Lisa versteckt er unterm Arbeitskittel. Doch das Tor zum Hof ist verschlossen. "Öffnen Sie mir die Tür!", herrscht der Fremde den zufällig vorbeikommenden Haus-Schlosser Sauvert an. Der hält den Mann im Kittel für einen der 120 Aufseher und öffnet das Schloss.

Der Mann eilt mit Leonardos Meisterwerk durch das offene Portal des Louvre. Der Portier ist gerade im Hof, um Wasser zu holen. Es dauert 28 Stunden, bis der Verlust entdeckt wird. Nicht, dass der leere Fleck im Saal niemandem aufgefallen wäre, aber in diesen Tagen wurden viele Bilder ins Atelier des Hausfotografen gebracht, um reproduziert zu werden. Daher dachten die Mitarbeiter des Louvre, dies sei auch mit der Mona Lisa geschehen.
Der Diebstahl wird erst bemerkt, als man am nächsten Tag den leeren Bilderrahmen unter der Treppe findet. Jetzt geht alles ganz schnell. Der Louvre wird von der Polizei geräumt, Zeitungen drucken Sonderausgaben. Man ist fassungslos, galt die Mona Lisa doch als bestbewachtes Bild der Welt. Theophile Homolle, der Direktor des Louvre, tritt zurück, Museumswärter werden von Detektiven beschattet, Hinweise auf Verdächtige langen ein. Der spektakulärste betrifft den später weltberühmten Maler Picasso, der ins Visier der Ermittler gerät (siehe unten).

Von der Mona Lisa fehlt jede Spur - und das, obwohl man auf dem zurückgelassenen Rahmen die Fingerabdrücke des Täters findet. Doch sie sind wertlos, da man 1911 die Methode, Fingerabdrücke abzunehmen, zwar schon kannte, sie aber in der Praxis noch nicht anwandte. Der Raub der Mona Lisa sollte zum Wendepunkt in der Kriminalgeschichte werden, da seit damals die Fingerabdrücke kriminell gewordener Personen ins Polizeiarchiv kommen.

Zweieinhalb Jahre vergehen. Die Kunstwelt hat die Hoffnung aufgegeben, Leonardos Meisterwerk je wieder zu Gesicht zu bekommen. Da erhält der Galeriebesitzer Alfredo Geri aus Florenz am 2. Dezember 1913 einen sonderbaren Brief: Geri hat kurz davor in Zeitungen inseriert, dass er Gemälde alter Meister kaufen möchte. In dem Brief bietet ein gewisser Vincenzo Leonardi die abgängige Mona Lisa an!

Signor Geri vereinbart ein Treffen mit Vincenzo Leonardi, der fast so heißt wie der Schöpfer des Bildes. Leonardi führt den Galeriebesitzer in ein Zimmer des Hotels Tripoli Italia in Florenz. Er holt unter dem Bett einen alten Koffer hervor, dem er ein rahmenloses Bild samt Originalstempel des Louvre auf der Rückseite entnimmt. Der Kunsthändler erkennt sofort, dass er die echte Mona Lisa vor sich hat.

"Was soll das Bild kosten?", fragt Geri. "500.000 Francs", antwortet der Fremde. Und geht auf Geris Vorschlag ein, ihm die Mona Lisa mitzugeben, um die Echtheit prüfen zu lassen.
Leonardi wird am selben Abend verhaftet. Der Mann, der die Mona Lisa so geschickt aus dem Louvre schaffen konnte, hat sein Verbrechen zu einem stümperhaften Ende gebracht.
Vincenzo Perugia, wie der aus Italien stammende Täter wirklich hieß, hatte kurze Zeit als Anstreicher im Louvre gearbeitet und sich "gekränkt, dass das Bild eines Italieners in Paris ausgestellt ist. Er beschloss, "es meiner Heimat Italien wiederzugeben" und erwartete dafür, "vom italienischen Staat nicht bestraft, sondern belohnt zu werden".

Tatsächlich wird der Täter zu nur sieben Monaten verurteilt, weil es seinem Anwalt gelingt, den Diebstahl als "patriotische Tat" darzustellen. Er kommt sofort frei, da die Strafe durch die Untersuchungshaft abgegolten war.

Das Bildnis der Mona Lisa wurde am 31. Dezember 1913 dem Louvre rückerstattet, wo es seit damals wieder besichtigt werden kann. Wer meint, ein solcher Kunstraub war nur vor hundert Jahren möglich, sei daran erinnert, dass der Diebstahl der "Saliera" am 11. Mai 2003 im Kunsthistorischem Museum in Wien auch nicht viel anders ablief.

Der weltberühmte Maler Pablo Picasso war mit dem Dichter Guillaume Apollinaire befreundet, der vier Jahre vor dem Raub der Mona Lisa von einem Belgier namens Géry Pieret zwei Skulpturen gekauft hatte, die zuvor aus dem Louvre gestohlen wurden. Im Zuge der Ermittlungen nach dem Raub der Mona Lisa wurde Picassos Freund verhaftet. Als Apollinaire gestand, die Skulpturen an Picasso weiterverkauft zu haben, wurde auch Picasso von der Polizei einvernommen. Später stellte sich heraus, dass er und Apollinaire nichts mit dem Raub der Mona Lisa zu tun hatten.

La Gioconda - Die Mona Lisa gilt mit einem Schätzwert von heute 400 Milliarden Euro als teuerstes Bild der Welt. Leonardo da Vinci hatte das nur 77 x 53 cm kleine Porträt der geheimnisvoll lächelnden Kaufmannsgattin Lisa del Giocondo um 1503 in Öl auf Holz gemalt. Anderen Deutungen zufolge handelt es sich um ein Bild von Leonardos Mutter oder um das Gesicht eines Knaben, den der angeblich homosexuelle Maler liebte. Leonardo verkaufte das Bild kurz vor seinem Tod an den französischen König Franz I. Das Bild wird im Louvre jährlich von 8 Millionen Menschen besichtigt.

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(kurier) Erstellt am
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