Der Palast vom Semmering

Südbahnhotel Ausstellung im Jüdischen Museum am Ju…
Foto: /Yvonne Oswald Inspiration Südbahnhotel – das Geisterschloss am Zauberberg: „Nur die Halle ist für alle“, lässt Arthur Schnitzler den Hotelportier Rosenstock in „Das weite Land“ sagen

"Das Südbahnhotel" im Jüdischen Museum Wien am Judenplatz.

Säle und Zimmer mit Ausblicken auf Rax und Schneeberg, bröckelnde Fassaden, ein vergammeltes Schwimmbad ... Der Charme längst vergangener Tage ist noch da, der einstige Glanz und Glamour immerhin zu erahnen. Im verwitterten Südbahnhotel am Semmering.

Wo Arthur Schnitzler den ersten Akt in seinem Drama "Der Weg ins Freie" spielen ließ. Auch den Portier Rosenstock in der Tragikomödie "Das weite Land" gab es wirklich. Er hieß Karl Rosenbaum und nannte sich später aus naheliegenden Gründen Karl Rostler.

Schnitzler, langjähriger Stammgast des Südbahnhotels, war von 1909 bis 1912 zwölf Mal auf dem Semmering, und widmete Rosenbaum ein Exemplar der Erstausgabe von "Das weite Land" mit den Worten: "Dem scharmantesten, mir persönlichsten aller Portiere." Der berichtete 20 Jahre nach der Premiere des Stückes, "Das weite Land" sei im Südbahnhotel entstanden. Er könnte, behauptete Rostler-Rosenbaum, "ohne Weiteres" die Namen aller Figuren im Stück "aus unserem Fremdenbuch heraussuchen", unterließ es aber als professionell diskreter Hotelportier.

Aktuelle Bilder zeigen den 1882 als "Hotel Semmering" eröffneten und heute leeren und verfallenden Prachtbau im Dornröschenschlaf: Die Fotografin Yvonne Oswald hat das einst "größte und bestausgestattete Grand- hotel Mitteleuropas" fünf Jahre immer wieder besucht und dessen Aura für ihr Buch "Das Südbahnhotel am Zauberberg des Wiener Fin de Siècle" (Metroverlag) und die Ausstellung "Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit" (bis 11. 1.) im Jüdischen Museum Wien am Judenplatz eingefangen.

Südbahnhotel – das Geisterschloss am Zauberberg

           

Relikt des Fin de Siècle

Als sie zum ersten Mal durch das Hotel gegangen sei, habe sie vor allem die Leere und Kälte wahrgenommen, sagt sie, und doch das Gefühl des Zauberhaften und der starken Präsenz der Geschichte gehabt. Oswald: "Ich habe die Bühne des einstigen Gesellschaftslebens gesehen, allerdings ohne ihre Akteure."

Bergluft

Stefan Zweig siedelte seine Novelle "Brennendes Geheimnis" über die Liebelei einer verheirateten Frau mit einem jungen Baron am Erholungsort der vermögenden und intellektuellen Wiener Gesellschaft des Fin de Siècle an.

Wo Schnitzler, Sigmund Freud oder Ludwig Wittgenstein ihre Sommer und auch so manchen Winter verbrachten. Und wo ganz in der Nähe Alma Mahler ihr Ferienhaus errichten ließ.

Kulisse zur Selbstdarstellung waren im Südbahnhotel die Salons, wie der "rote" Salon, Spiel- und Rauchzimmer. Und wer die roten Sisalläufer der Beletage betrat, war, wie es damals so schön hieß, "entweder der Creme der Gesellschaft zuzurechnen – oder Zimmerkellner".

Über die Semmering-Begeisterung seiner Zeitgenossen schrieb Peter Altenberg: "Wir steigen aus. Wir atmen rasiermesserscharfe Bergluft ein. Wir sind geborgen und im Waldesfrieden. Hinter uns der Dunst des Getümmels, Getriebes. Alles kommt uns da unnötig vor, lächerlich. Wir sind 1000 Meter über dem Dunkel der Großstadt."

Mit den Nazis kam der Anfang vom Ende der Blütezeit der Semmeringregion: Nur 75 Jahre nach ihrer Erschließung durch die Eisenbahn erklärten die Nationalsozialisten die Region als "judenrein". Die Abwesenheit der früheren Gäste hinterließ nach dem Zweiten Weltkrieg eine Lücke, die nicht zu schließen war.

www.jmw.at
www.metroverlag.at

(kurier) Erstellt am
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