Kultur 05.12.2011

"Der ORF ist eine Geisel der Politik"

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Sieben Bewerber gibt es für den Posten des ORF-Chefs, nur einer hat echte Chancen. Wie frühere ORF-Generäle die Lage am Küniglberg einschätzen.

Der Befund fällt kurz, aber heftig aus: "Der ORF-Stiftungsrat ist eine Parteienveranstaltung. Faymann befahl Wrabetz."
Gerd Bacher hat genau zwei Sätze zur ORF-Wahl zu sagen. Darüber hinaus will sich der "Tiger" nicht mehr dazu äußern. Insgesamt 20 Jahre lang stand er an der Spitze des ORF, dem er auch nach seinem Abschied im Jahr 1994 verbunden blieb - und zu dem er sich mit Kritik nie zurück hielt. So auch jetzt nicht.
Am 9. August kommt es also zur Wahl des nächsten ORF-Generaldirektors. Aussichtsreiche Bewerber neben Amtsinhaber Alexander Wrabetz für den Top-Job im 950-Millionen-Unternehmen gibt es aber nicht. Ohnehin sei alles schon "ausgepackelt", sagen Kritiker.

"Der ORF ist eine Geisel der Politik, das war immer so. Die geben den ORF nicht aus der Hand", befindet Thaddäus Podgorski, der Ende der 80er Jahre das Sagen am Küniglberg hatte. Allerdings sei die politische Einmischung "jetzt noch schlimmer. Man hat ja an Gerhard Zeiler gesehen, dass es Bewerber gäbe. Und einen höher Qualifizierten gibt es ja gar nicht mehr in dem Geschäft. Der macht es aber auch nicht aufgrund der politischen Zwänge und Machtspiele."

Gerhard Zeiler, der das Unternehmen ab 1994 leitete und 1998 den ORF verließ, stieg in Folge bis zum Chef der RTL-Group, Europas größtem Rundfunkkonzern, auf.
Der Ex-Pressesprecher des früheren SPÖ-Kanzlers Franz Vranitzky war von ÖVP-Seite für den Job am Küniglberg ins Gespräch gebracht worden. Er wollte aber nicht ohne rote Unterstützung in die Wahl gehen. Doch die SPÖ hatte sich auf Wrabetz festgelegt.
Via profil erklärte Zeiler, dass er sich nicht um den Posten bewerben würde, da er nicht bereit sei, "willfährig parteipolitische Personalwünsche" umzusetzen. "Es ist ein Problem, wenn eine ORF-Führung heute nicht Herr im eigenen Haus ist und glaubt, nur dann gewählt zu werden, wenn sie politische Postenbesetzungen akzeptiert."

Vielleicht hat er sich mit der Absage einiges erspart, denn, so lautet die ernüchternde Analyse des Vor-Vorgängers Podgorski: "Für jeden Bewerber, der Ideale, Pläne, Vorstellungen und Visionen hat, ist es weniger frustrierend, nicht Generaldirektor zu werden als umgekehrt. Denn dann kommt er jeden Tag drauf, dass er das, was er machen will, gar nicht durchführen kann."

Nicht beneidenswert

Am 9. August kommt es am Küniglberg zur Wahl des nächsten ORF-Generaldirektors.
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Ausweglos Wrabetz' Vorgängerin Monika Lindner sieht die heurige Wahl als "reines Politikum." Die Situation sei ganz anders als bei früheren Wahlgängen: "Da gab es Alternativen." Sie sorge sich um den ORF, weil das eine fast ausweglose Situation sei. "Und das hat gar nichts mit dem Amtsinhaber zu tun. Dem kann es nämlich auch nicht recht sein, dass er als bloßes Politikum abgestempelt wird."
Den Mangel an Top-Kandidaten erklärt Lindner so: "Da lässt sich doch keiner als Kandidat verbrennen und seinen Ruf beschädigen. Dabei gibt es eine Reihe von Hochkarätern, die sich für den Generaldirektor interessieren würden."
Letztendlich hänge es auch diesmal wieder am Betriebsrat und dessen Stimmverhalten, "und das machte ihn schon in der Vergangenheit anfällig für Vereinnahmungen und Versprechen. Deshalb bin ich der Meinung, dass der Betriebsrat an der Wahl der Geschäftsführung nicht teilnehmen soll."

Gerhard Weis, jüngst zum Vorsitzenden des ORF III -Kulturbeirates bestellt, hält Wrabetz für nicht gerade beneidenswert: "Ich kann nur sagen, ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Denn die Aufgabe, die da auf einen zukommt, ist wirklich keine kleine."
Als er, Weis, das Unternehmen übergeben habe, habe es gute Bilanzen, Einnahmen, Rücklagen gegeben. "Doch dann kam die Reform und Schüssel, Molterer, Khol meinten, der ORF sei damit gestärkt und entparteipolitisiert: Was die Entparteipolitisierung bedeutet, da muss ich mich nicht äußern, das liegt auf der Hand. Und die Stärkung des ORF - die war auch nie beabsichtigt." Jetzt wanderten jährlich 300 Millionen € österreichisches Werbegeld zu deutschen Privatsendern - Geld, das dem ORF fehle, meint Weis.

Jahrestag: Zehn Jahre nach der Reform

Am 1. August 2001 trat das von Schwarz-Blau beschlossene neue ORF-Gesetz in Kraft. Eine wesentliche Änderung betraf die Chef-Wahl: Sie findet nun in offener Abstimmung und nicht mehr geheim statt - was Absprachen schwerer machen sollte. Die neuen Regeln kosteten Gerhard Weis den Job. Nachfolgerin Monika Lindner wurde wiederum von Alexander Wrabetz mit den Stimmen der "Regenbogen-Koalition" und gegen die relative "Kanzler-Mehrheit" Wolfgang Schüssels abgewählt.

Am 9. 8. wird gewählt. Neben Wrabetz bewarben sich Ex-EU-Abgeordnete und - ORF-Mitarbeiterin Karin Kraml, ORF -Korrespondent Christian Wehrschütz, "Ich-Marke"- Autor Manfred Greisinger, Aktionskünstler Dario Lindes, Rene Hager, und Martin Roger Müller.

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Erstellt am 05.12.2011