Kultur
07.02.2012

Der Mann, der Gottschalk eine Absage erteilt

Daniel Glattauer: Mit "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen" hat er 2,5 Millionen Bücher verkauft. Jetzt kommt sein neuer Roman.

Am 6. Februar erscheint "Ewig Dein", ein Roman, der als gewöhnliche Liebesgeschichte beginnt und als ungewöhnlicher Stalking-Thriller endet. Startauflage: 200.000 – eine für österreichische Autoren bisher unvorstellbare Größe. Daniel Glattauer bleibt unaufgeregt. Drei Millionen Bücher hat der Doktor der Pädagogik und langjährige Gerichtsreporter des Standard in den vergangenen Jahren verkauft. Zweieinhalb entfallen auf die eMail-Romane "Gut gegen Nordwind" und "Alle sieben Wellen", von denen in Europa bereits 60 Bühnenversionen existieren.

Das Auffällige an Glattauer: Inmitten der anlaufenden Werbemaschinerie bleibt er sich selbst treu. Cover-Aufkleber, wie: Vom Autor von "Gut gegen Nordwind" verurteilt er als "Etikettenschwindel"; seine Zusage, in Thomas Gottschalks neuer Show aufzutreten, hat er soeben zurückgezogen. Im KURIER-Interview erzählt er, warum.

Als ehemaligen Journalisten haben wir ihn gebeten, seine biografischen Daten ausnahmsweise selbst zu schreiben. Zum Treffen ins Cafè Eiles bringt er folgenden Text mit:

"Mein Name ist Daniel Glattauer. Ich lebe vom Schreiben und schreibe fürs Leben (gern). Jedes Vierteljahrhundert ändert sich Gravierendes. Mit 25 hab’ ich meine Frau Lisi kennengelernt und mit dem Journalismus begonnen. Mit 50 habe ich mit dem Journalismus aufgehört und den Alltag eines ,freien Schriftstellers‘ kennengelernt. Mit 75 werde ich dann endlich Singer-Songwriter werden! Es geht mir gut, und ich möchte meine Umgebung daran teilhaben lassen."

KURIER: Anlässlich Ihres vorigen Romans haben Sie gesagt: "An die Bezeichnung Bestsellerautor muss ich mich erst gewöhnen." Darf man Sie inzwischen so nennen?
Daniel Glattauer: Ja, auch Erfolgsautor (lacht) . Ich hab’ mich daran gewöhnt.

Sie sind nicht der Typ für Prädikate?
Nein! Bestsellerautor – das ist so ein richtiger Stempel: ZACK! Am Anfang hab’ ich mich sogar gefreut, vor allem für den Verlag. Denn dort hatten sie immer das Gefühl, dass keiner weiß, wie erfolgreich wir eigentlich sind. Es war ja medial in Österreich gar nicht so viel los bei "Gut gegen Nordwind"...

Hat Sie das damals geärgert?
Damals schon. Da musste erst im Spiegel eine positive Rezension erscheinen, damit die Österreicher aufmerksam wurden. Aber auch dann haben die Kollegen nicht gesagt: "Superbuch!", sondern: "Superkritik im Spiegel!"

Mit "Alle sieben Wellen" wurde das anders. Wie viele Interviews haben Sie seither gegeben?
(Denkt nach) Es werden so 500 gewesen sein. In Spanien hab’ ich in vier Tagen 40 Interviews gegeben. In Barcelona hatte ich auf der Straße das Gefühl, ich bin bekannter als in Wien.

Dafür saßen bei einer Lesung in Wien kreischende weibliche Fans im Publikum!
(Lächelt gequält) Jaja, das greift jeder auf. Ich würde das nicht überbewerten.

Was ist damals in Ihnen vorgegangen?
Ich hab’ mir gedacht: Ich akzeptiere nicht, dass das meiner Person gelten soll. Ich kann nichts anfangen mit allem, was laut oder nur ansatzweise hysterisch ist. Da sag’ ich: "Beruhigt euch, ich hab’ nur ein Buch geschrieben."

Das klingt ein bisschen kokett angesichts Millionen verkaufter Bücher.
Ja, aber warum sollte ich plötzlich ein anderer sein als damals, als ich 20.000 Stück verkauft hab’? "Theo" oder "Der Weihnachtshund" waren für mich genauso schöne Erfolge. Ich verdiene jetzt nur mehr Geld.

Das würde anderen zu Kopfe steigen. Sie aber brauchen weder eine Villa in Marbella noch einen Bentley. Sie fahren jetzt Peugeot statt Fiat und sind von Penzing nach Ottakring übersiedelt. Sind Sie immun gegen das Protzervirus?
Ich bin mit meinem Geld immer gut ausgekommen. Jetzt hab’ ich die absolute Sicherheit, dass ich mir 20 Jahre Misserfolg leisten kann. Das ist angenehm zu wissen. Das Geld ist – naja, man kann nicht einmal sagen gut aufgehoben. Es liegt auf der Bank (lacht) .

Sie fühlen sich nicht vom Geld geadelt?
Das ist ein guter Ausdruck. Vielleicht wäre alles anders gewesen, wenn ich den Erfolg vor 20 Jahren gehabt hätte. Als Junger möcht’ man reinfetz’n, da hätt’ ich schon rüberbringen wollen, was für ein toller Typ ich bin. Jetzt ist das kein Interesse mehr von mir.

Ihre Bescheidenheit in Ehren. Würden Sie unseren Lesern dennoch sagen, warum Sie Ihr neues Buch unbedingt kaufen sollen?
Weil ... also ... Das ist ja wirklich reine Angeberei, zu der Sie mich da zwingen!

Ja, fangen Sie an!
(Er überlegt.) Weil’s ein spannendes Buch geworden ist. Weil’s anders kommt, als man glaubt. Weil man einen Bogen lesen kann über verschiedenste Gefühle – extremer geht’s nicht. Am Anfang sieht man, wie dehnbar der Begriff Verliebtsein ist. Judith weiß nicht: Ist sie jetzt in Hannes verliebt oder ist sie nur in seine Verliebtheit verliebt? So richtig scharf ist sie nie auf ihn, aber er trägt sie auf Händen, sie bekommt die Streicheleinheiten, die sie lange ersehnt hat. Am schönsten ist es, wenn sie an ihn denkt, aber er nicht anwesend ist. Doch dann rückt er immer näher, er will unbedingt ...

... Sie werden doch nicht alles verraten?
(Lacht) Stoppen Sie mich, sonst erzähl’ ich das ganze Buch! Aber warum man es lesen soll: Weil ich glaube, dass es mir gelungen ist.

Sie sagten in einem Interview: "Klassische Männergespräche langweilen mich zu Tode." Was, bitte, ist ein klassisches Männergespräch?
Jeder erzählt, wie gut er ist und was er gerade Tolles gemacht hat, meist unter Erwähnung von Statussymbolen. Am Ende sind alle einig: Wir sind Supertypen! Was Männergespräche meist nicht sind: Sie gehen nicht in die emotionelle Tiefe. Nur wenige Männer wollen und können über ihre Gefühle reden.

Worüber reden Sie mit Ihren Freunden?
Über Job und Privatleben. Dazu gehört auch: Wie geht’s der Beziehung?

Und wie geht’s Ihrer Beziehung?
Sehr gut. Wir haben zum Glück kaum Probleme. Wenn ich mir was von der Seele reden will, wende ich mich an Freunde. Aber meist ist es umgekehrt: Ich bin der Zuhörer. Über mich selbst zu reden, langweilt mich. Mein Bedarf, etwas von mir zu preiszugeben, ist im Übermaß gedeckt, erstens durch die Interviews und zweitens durch meine Ausbildung.

Sie machen derzeit die Ausbildung zum Lebens- und Sozialberater. Dazu gehört Selbsterfahrung beim Psychotherapeuten oder Lebensberater. Dort müssen Sie über sich reden.
Genau. Und es ist echt schwer für mich, weil ich nicht gern etwas von mir problematisiere. Und weil ich das Gefühl hab’, dass ich relativ problemlos bin. Das heißt nicht, dass ich kein Grübler bin. Ich denke viel über mich nach, dauernd, aber ich muss das niemandem erzählen außer der Lisi, meiner Frau.

Gibt es Interviewfragen, die Sie verweigern?
Ich hab’ keine Angst vor persönlichen Fragen. Mich erdrückt eher das ständige, gleich gepolte Interesse. Deshalb bin ich zuletzt auf drei Großveranstaltungen gar nicht hingegangen, obwohl ich mich wahnsinnig gefreut hätte, die Leute dort zu treffen. Es ist so anstrengend, immer dasselbe beantworten zu müssen: "Wie ist das jetzt mit dem Erfolg?"

Heißt das, Erfolg macht einsam?
Als ich 2009 vom Standard weggegangen bin, hatte ich die Befürchtung, dass mich das einsam machen wird. Ich hab’ das von Anfang an gespürt, die Angst, mit mir alleine übrig zu bleiben. Meine Ausbildung ist sicher auch ein Programm gegen die Einsamkeit.

Im Moment ist keine Zeit für Einsamkeit: Sie haben täglich Interviews, TV-Auftritte ...
Und dabei merke ich, dass der kreative Part in meinem Leben kleiner wird als der repräsentative. Das beunruhigt mich. Ich bin nicht angetreten, um so viel Werbung in eigener Sache zu machen. Das tut mir nicht gut.

Was bewirkt es?
Ein Nicht-Weiterkommen. Man wird floskelhaft. Ich glaube, bei der Vermarktung der eigenen Person tritt man auf der Stelle, zumindest, was die Persönlichkeit betrifft.

Andere würden viel tun, um in Gottschalks neue Show zu kommen. Sie sind am 8. 2. dort!
Für mich war schon der Besuch bei Stermann und Grissemann eine Mutprobe. Gottschalk wäre ein Auftritt geworden, den ich nur überstehen hätte wollen.

Wieso sagen Sie "wäre" und "hätte"?
Ich hab’ soeben bei Gottschalk abgesagt. Ich habe die ersten Sendungen gesehen und bemerkt, dass ich dort absolut nichts zu suchen habe, Werbung hin oder her. Ich sehe mich weder als Promi noch als Showtalent.

Bei Stermann/Grissemann waren Sie mit Ihrem Bruder. Waren Sie mit sich zufrieden?
Mein Bruder ist viel sicherer im Auftreten. Der hat aber eine Mission, der will was erreichen. Ich hab’ keine Mission, ich sage nur: Da bin ich. Mit allen Stärken und Schwächen. Ich möchte möglichst authentisch rüberkommen und nicht gegen den Witz der Moderatoren anfighten, das geht sich nicht aus. Wenn ich Menschen im Fernsehen sehe, interessiert mich auch nicht, wie sie sich schlagen, sondern, was sie von sich preisgeben.

Ihr Bruder Niki ist Lehrer, schreibt jeden Montag im KURIER eine Kolumne und ist Buchautor (zuletzt erschienen: "Die Pisa-Lüge" bei Ueberreuter, Anm.) . Gibt es da eine gesunde – oder auch ungesunde – Rivalität?
Ich glaube, es ist eine unausgekämpfte, positive brüderliche Rivalität, bei der es im Grunde um die Geschwisterrolle geht. Er ist der Ältere, er war immer der Wortführer.

Sie erzählen, dass er Ihnen in der Jugend die Mädchen weggeschnappt hat. Warum haben Sie nicht mit Gedichten dagegen angeflirtet?
Also mit dem Schreiben hab’ ich bei den Frauen keinen Erfolg gehabt – damals zumindest. Ich glaub’ aber, ich bin mir selbst im Weg gestanden. Ich war noch nicht cool, ich war noch nicht locker ... und schiach war ich auch.

Aber mittlerweile sind Sie echt cool, locker ...
... und schön (lacht) !

Sie titulieren sich selbst als "Fremdmenschenmöger". Wie fühlt man sich da?
Es gibt Leute, die mit Fremden nichts zu tun haben wollen. Ich habe für jeden ein präventives Sympathiegefühl. Ich mag Menschen.

Werden Sie nach Ihrer Ausbildung zum Lebensberater eine Praxis eröffnen?
Nein, aber das Know-how setze ich in meinem Leben ein. Ich beschäftige mich in der Ausbildung viel mit Problemen anderer Menschen. Da relativiert man die eigenen Wichtigkeit. Jetzt sind die Scheinwerfer auf mich gerichtet, aber irgendwann werden sie wieder abgeblendet. Ich will darauf vorbereitet sein.

Sie bezeichnen sich selbst als Romantiker. Bei welchem Film weinen Sie?
"Der Club der toten Dichter", an der Stelle, wo sich Robin Williams verabschiedet, und alle Schüler steigen auf den Tisch (er bekommt feuchte Augen, schluckt) ... da werd’ ich jetzt noch gerührt, das ist so schön. Wenn jemand, der’s verdient hat, Anerkennung bekommt. Oder wenn in sentimentalen Filmen zwei endlich zusammenkommen. Da denk’ ich mir: "So schön kann’s sein!"

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