© Josefstadt/Philine Hofmann

Kritik
12/19/2021

„Der ideale Mann“ in der Josefstadt: Auf der schiefen Ebene der Politik

Oscar Wildes „Der ideale Mann“ als grelle Farce in der Josefstadt – mit einem fabelhaften Ensemble und einer fragwürdigen Regie.

von Werner Rosenberger

Wer Erfolg hat, hat auch eine Leiche im Keller. Und wer sich auf das dünne Eis der Politik begibt, kommt an der Korruption fast nicht vorbei. Oscar Wilde wusste das schon 1894. So geht es in seiner sarkastischen Bestechungs- und Erpressungskomödie „Ein idealer Gatte“ um Macht und Machterhalt, Intrige und Verrat, Heuchelei und Erpressung. Die ins Heute transferierten Fassung von Elfriede Jelinek in der Josefstadt ist mit Anspielungen an die österreichische Realität gespickt, wo vorge-führt wurde: Über- Ehrgeiz kommt vor den Fall.

Die Hauptfigur Sir Robert Chiltern (Michael Dangl muss Vergleiche mit Michael Maertens in der Rolle 2011 im Akademietheater nicht scheuen) in diesem Kommentar zur Lage der Nation, in der einmal nicht die Unschuldsvermutung gilt, gibt vor, strenge Prinzipien zu haben. Aber sind die nicht opportun, hat er auch andere.

Durch Verrat von Insiderwissen wurde er reich und mächtig. Kurz vor dem nächsten Karrieresprung will ihn seine alte Bekannte Mrs. Cheveley (Martina Stilp gibt das intrigante Luder), angereist aus Wien, nun ihrerseits durch Erpressung dazu bringen, im Parlament ein dubioses Bauprojekt zu unterstützen, in das sie investiert hat.

Jelineks zugespitzte Text-Maschine setzt dabei schon Akzente durch Übertreibung, wäre doch die feine Klinge eine zu stumpfe Waffe gegen die Hallodris in der Heuchler- und Betrüger-Posse.

Schrill und überdreht

Aber geradezu maßlos wird die Übertreibung in der Regie von Alexandra Liedtke: Sie lässt in einer Outrage der Outrage die Schauspieler in grotesken Verrenkungen unmotiviert zappeln, springen, stolpern und hampeln.

Ihre Inszenierung entfaltet im labyrinthischen Bühnenbild (Philip Rubner) auf der Drehbühne weniger große Komik als Klamauk in einer (Kon-)Fusion aus Slapstick, Nonsens und Karikatur plus Resten realistischer Personenführung.

Witzfiguren in ihrer Lächerlichkeit, von vornherein als solche erkennbar, muss man nicht – doppelt gemoppelt – veräppeln. Aber bei Liedtke wird Wildes espritsprühendes Spiel zu Schein und Sein, öffentlichen und privaten Identitäten zum allzu gekünstelten Boulevard-Spektakel.

Ohne das hochkarätige Komödienpersonal in heutigen Kostümen (Johanna Lakner) – die Herren: Slim-fit – wäre der Abend schief gegangen: Neben Dangl, Stilp und Silvia Meisterle – sie hat als Lady Chiltern mit „It’s A Man’s World“ eine Gesangseinlage – hervorragend: Matthias Franz Stein als Snob und Dandy Lord Goring.

„Die Wahrheit ist eine komplexe Angelegenheit“, heißt es im Stück. Und die Politik „ein komplexes Geschäft“. Wir wissen nur: Der nächste Kanzler kommt bestimmt. Früher oder später. Werner Rosenberger

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